Vorbemerkung (Juli 2002): Diese Buchbesprechung erschien zuerst in dem Trierer Stadtmagazin die neue katz Nr. 4, April 1997. Ich habe sie geringfügig überarbeitet. Das Buch ist nach wie vor im Handel, mittlerweile sind auch zwei Folgebände erschienen.
 


Buchbesprechung

Skeptischer Sammelband

(Moderner) "Skeptizismus" ist eine vor 20 Jahren aus einem Zusammenschluß von Philosophen, Natur- und Sozialwissenschaftlern entstandene philosophische Strömung mit dem Anspruch, verbreitete Behauptungen und Vorstellungen kritisch zu hinterfragen, sie weder ungeprüft zu übernehmen noch zu verwerfen, dabei auch die eigenen Überzeugungen immer wieder selbstkritisch zu durchleuchten. Aufs Korn genommen werden gleichermaßen wissenschaftliche Hypothesen wie okkultistische und religiöse Glaubenssätze. In mehreren Ländern geben Skeptiker inzwischen Zeitschriften heraus, einen Querschnitt von Beiträgen aus diesen hat der Alibri Verlag in deutschen Übersetzungen als "Skeptisches Jahrbuch 1997" veröffentlicht.

Eröffnet wird der Reigen durch Aufsätze zweier Historiker. Tim Trachet widmet sich allgemein dem Problem der Geschichtsfälschung, weist darauf hin, daß die Geschichtwissenschaft mehr Raum für Interpretationen läßt als die Naturwissenschaften und damit auch für verzerrende Tatsachendarstellung bis hin zur Fälschung. Michael Shermer geht konkret auf  die Holocaust-Leugnung ein, hat für seinen Aufsatz sogar prominente Holocaust-Leugner persönlich befragt. Ihm gelingt auf wenigen Seiten eine glänzende Demontage ihrer pseudowissenschaftlichen Ideologie, wobei er, ausgehend von diesem Beispiel, die typischen Merkmale von Pseudowissenschaften herauszuarbeiten versucht, die er leider verkürzt mit Außenseiterwissenschaften gleichsetzt.

Gleich vier Beiträge setzen sich mit dem Buch "The Bell Curve" der Psychologen Herrnstein und Murray auseinander, das in
den USA für erheblichen Wirbel sorgte, da die Autoren Ergebnisse der Intelligenzforschung präsentieren, welche angeblich
eine in den Erbanlagen begründete geringere Intelligenz von Schwarzen im Vergleich zu Weißen nahelegen. Im Anschluß an ein Interview mit Murray wird in drei Aufsätzen das unwissenschaftliche und methodisch unkorrekte Vorgehen der Autoren
entlarvt und die dahinterstehende rassistische und auf den Abbau von Sozialleistungen ausgerichtete Ideologie bloßgestellt.

Der Soziologe Jeffrey S. Victor untersucht die - längst auch auf Deutschland übergeschwappte - Satanismushysterie, nimmt
die Legende über weitverbreitete geheime Satanskulte auseinander, in deren Ritualen sexueller Kindesmißbrauch eine zentrale
Rolle spielen soll, zeigt, wie durch diese vor allem von christlichen Fundamentalisten und sogenannten Feministinnen geschürte Hysterie Menschen ungerechtfertigten Anschuldigungen ausgesetzt und zerstört werden, womit er realen Kindesmißbrauch keineswegs verharmlost.

Die erschreckenden Konsequenzen solch falscher Anschuldigungen verdeutlicht auch der Bericht von Laura Paisley, die sich in einer Psychotherapie des sexuellen Mißbrauchs durch ihre Eltern "erinnerte", später den manipulativen und suggestiven Charakter dieser "Therapie" durchschaute, ihre Anschuldigungen zurücknahm und ihren Therapeuten erfolgreich auf Schadensersatz verklagte.

Die Fragwürdigkeit einer in der Betreuung von Autisten und anderen weitgehend kommunikationsunfähigen Menschen verbreiteten Methode stellt Gina Green dar, eine Wissenschaftlerin, die diese als "Faciliated Communication" oder "gestützte" bzw. "vermittelte Kommunikation" bekannte Technik experimentell untersucht hat. Mittels dieser Hilfe wird Menschen, die sich sonst nicht äußern können, durch Betreuer Arm oder Hand gestützt, womit sie in die Lage versetzt werden, durch Deuten auf Buchstaben sinnvolle Botschaften hervorzubringen. Dabei zeigen sich unerwartete intellektuelle Fähigkeiten. Die naheliegende Vermutung, hier würden - ähnlich wie bei den spiritistischen Praktiken des Tische- oder Gläserrückens - die Botschaften durch unwillkürliche Muskelbewegungen - in dem Fall von Betreuern auf Klienten - übertragen, konnte durch Greens Experimente weitgehend bestätigt werden.

Der Trick-Magier James Randi, der sein Lebenswerk der Überführung okkultistischer Betrüger gewidmet hat, entlarvt den
"Fluch der Pharaonen" als Mythos. Dieser "Fluch" soll den Tod von Archäologen verursacht haben, die 1923 mit der Öffnung des Grabes des Pharao Tut-ench-Amun begannen. Randi zeigt anhand der Lebensdaten der Beteiligten, daß nichts dran ist, alle - teilweise hochbetagt - im Rahmen der natürlichen Lebenserwartung starben.

Der Glaube an die Echtheit des in Turin aufbewahrten "Grabtuchs Christi" erhielt neuen Auftrieb durch eine Untersuchung des Kriminologen Max Frei-Sulzer, der Blütenpollen aus Palästina auf dem Tuch gefunden haben wollte. Joe Nickell, ein auf Enthüllungsliteratur spezialisierter Autor, belegt den unseriösen Charakter von Freis Untersuchungen, deren Ergebnisse zumindest auf Selbsttäuschung, wenn nicht auf Fälschung beruhen.

Leonard Angel analysiert die unsauberen Methoden des Psychiaters Ian Stevenson bei der Erhebung und Interpretation von
Daten in dessen Versuch, den Reinkarnationsglauben empirisch zu untermauern.

Bernard Leikind, ein Physiker, der den Feuerlauf vom Nimbus des Übernatürlichen befreite, schildert anschaulich seine diesbezüglichen Selbstversuche.

Der Arzt Steven B. Harris verteidigt den Glauben, AIDS sei eine tödliche Viruskrankheit, gegen einen, wie er es ausdrückt, zu weit gehenden Skeptizismus. Bei der Verteidigung seiner eigenen Glaubensvorstellung ignoriert Harris jedoch die strengen Grundsätze skeptischen Denkens, gibt gegen seine Überzeugung gerichtete Argumente stark verzerrt wieder und geht permanent von unhinterfragten Voraussetzungen aus.

Noch gravierender als bei Harris wirkt sich der Verzicht auf konsequent skeptisches Denken im den Band abschließenden Aufsatz des Philosophen Paul Kurtz aus. Kurtz wendet sich - grundsätzlich zu recht - gegen das Anwachsen der Wissenschaftsfeindlichkeit, identifiziert Wissenschaft jedoch mit bürgerlicher, Kapitalinteressen dienender Wissenschaft, grenzt Kritik daran pauschal als "pseudowissenschaftlich" aus und belegt mit solchen Etiketten unter anderem Gegner der Atomenergienutzung, der Gentechnik oder der Psychiatrie. Manche dieser Fragwürdigkeiten dürften die Herausgeber des Jahrbuchs zu ihrer im Vorwort geäußerten teilweisen Distanzierung von Kurtz bewogen haben.
 
 
Michael Shermer, Benno Maidhoff-Christig und Lee Traynor (Hrsg): Skeptisches Jahrbuch I. Rassismus, die Leugnung des Holocaust, AIDS ohne HIV und andere fragwürdige Behauptungen. 312 S., Alibri Verlag, Aschaffenburg 1996. 15 EUR.
Im gleichen Verlag erschienen: Skeptisches Jahrbuch II und Skeptisches Jahrbuch III, ebenfalls je 15 EUR.

Klaus Blees
 
 
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