Vorbemerkung (Dezember 2005):  Untenstehenden Text zum Film “Paradise Now” hatte ich für das KRITISCHE TRIERER JAHRBUCH katz 2006 geschrieben. Den Beitrag hatte ich beim Redaktionstreffen im Sommer 2005 angekündigt und rechtzeitig zum Redaktionsschluss abgeliefert. Unmittelbar vor Erscheinen des Jahrbuchs erhielt ich vom verantwortlichen Redakteur Helmut Schwickerath (“Schwick”) per e-mail diese Absage:
Hallo Klaus,
ich will Dich vorwarnen: Du bist im neuen Jahrbuch leider nicht vertreten. Die so genannte Filmkritik habe ich gecancelt, weil es keine Filmkritik war sondern die schon bekannte Lobhudelei auf Israel mit gleichzeitiger Hetze gegen die Palästinenser. (...)”
Nicht genug damit, dass diese Zensurmaßnahme ohne vorherige Diskussion mit mir erfolgte und dies an sich schon ein recht merkwürdiger Umgang mit einem langjährigen katz-Autor und Mitglied des herausgebenden katz e.V. ist. Das Jahrbuch enthält nämlich einen “Stolpersteine” überschriebenen Artikel, in dem Schwick behauptet, mein Beitrag singe “mit Hilfe von Geschichtsklitterung das Lied vom guten Israeli und bösen Palästinenser”. Er fährt fort: “Dafür bietet das Jahrbuch kein Forum.” Eine Trierer Kontroverse über angemessenes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus dient ihm in diesem Artikel als Aufhänger,  Verbalinjurien gegen Vertreter der Trierer Jüdischen Gemeinde und Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Trier der Deutsch-Israelischen Gesellschaft loszulassen und  mit der Verbreitung von Gerüchten und frei erfundenen, aber als Tatsachen präsentierten Behauptungen zu verbinden. Doch dies ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.
Hier folgt nun mein Beitrag, wobei ich wärmstens auch die angegebenen Quellen empfehle. 

 

NO OCCUPIED PARADISE

Wieviel Realitätsverleugnung gehört dazu, die antisemitische Motivation von Menschen zu verkennen, die dermaßen vom Hass auf Juden beseelt sind, dass sie sogar absichtlich ihr eigenes Leben opfern, um möglichst viele von ihnen zu töten? Diese Blindheit gegenüber dem Offensichtlichen ist jedenfalls weit verbreitet, auch in Europa, wo Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen im allgemeinen zwar verurteilt, zugleich jedoch als Akte der Verzweiflung und bloß falsche Methode zur Erreichung eines legitimen Zieles verharmlost werden. Der Spielfilm “Paradise Now” des israelisch-arabischen Regisseurs Hany Abu-Assad bedient genau diese Ressentiments. Er präsentiert die Geschichte zweier zu Selbstmordanschlägen in Israel ausgewählter Palästinenser. Beide kämpfen in unterschiedlichen Phasen des Vorhabens mit Zweifeln, die einen von ihnen, Khaled, schließlich von der Ausführung abhalten, während der zunächst skeptische Said zur (Un-)Tat schreitet.

Kritiker haben verschiedene den palästinensischen Antisemitismus rechtfertigende Aspekte des Films herausgearbeitet. Den Focus meiner Kritik richte ich auf die Darstellung von Selbstmordterror als verständlicher Handlungsweise und auf die einfühlende Schilderung des Ringens der Protagonisten. Kompromisslose Verurteilung antisemitischer Mordaktionen und Zurückweisung jedes Versuches ihrer Entschuldigung müssten unhintergehbare Voraussetzungen jeder Diskussion sein. Für Antisemitismus gibt es keine rationale Begründung. Legitim wäre es, sich mit filmischen Mitteln der Psychopathologie von Selbstmordattentätern wie auch ihrem familiären und gesellschaftlichen Umfeld zu nähern, auf diese Art Verständnis - im Sinne von Einsicht! - für ihre Situation zu entwickeln, doch genau dies tut “Paradise Now” nicht. Vielmehr baut er auf ideologischen Rationalisierungen für das Leiden der Palästinenser auf, die im Bewusstsein der meisten Kinozuschauer präsent sein dürften. Ziel meines Beitrags ist es, diese Scheinargumente zu demaskieren, also nicht die zehntausendste Rezension des Filmes zu schreiben, sondern die Voraussetzungen zu hinterfragen, auf denen er basiert.

Terror aus Verzweiflung?

Das den palästinensischen Selbstmordbombern überall auf der Welt entgegengebrachte Mitgefühl hängt mit ihrer Wahrnehmung als Opfer israelischer Besatzung zusammen. Materielle Verelendung, Entwürdigung und brutale Unterdrückung durch eine hochgerüstete Armee erzeugen demnach eine Situation so großer Ausweglosigkeit, dass Selbstmordattentate, der Einsatz des eigenen Körpers als Waffe, zum letzten Ausweg werden. Aber stimmt dieses populäre Deutungsmuster wirklich mit der Realität überein?
 
Wenn es stimmt, warum greifen dann nicht überall auf der Welt in Elend und Unterdrückung vegetierende Menschen zum Mittel die Ermordung vollkommen Unbeteiligter einschließender Selbstmordanschläge, warum finden sie andere – bewaffnete wie unbewaffnete – Formen des Widerstandes? Jenseits dieser doch eigentlich naheliegenden Frage ist es längst belegt, dass die meisten “Märtyrer” dem wohlhabenderen und gebildeten Teil der palästinensischen Gesellschaft entstammen. Den Mythos vom verelendeten Verzweiflungstäter hat unter anderem Scott Atran entkräftet, der als Antizionist und scharfer Kritiker Israels sicher nicht als proisraelischer Propagandist verdächtig ist. (1)
 
Richtet sich der Kampf des “palästinensischen Volkes” gegen die Israelis, weil sie Besatzer und Unterdrücker oder weil sie Juden sind? Israel hat das Westjordanland und den Gazastreifen 1967 erobert, bei der Abwehr eines Versuchs arabischer Staaten, den Judenstaat von der Landkarte zu tilgen. Besetzt waren die Gebiete jedoch auch vorher schon, eben nur nicht von Israel. Das Westjordanland stand unter jordanischer Herrschaft, der Gazastreifen war ägyptisch besetzt. Wo blieb da der Widerstand gegen die Besatzer? Die beiden Staaten hatten die Kontrolle über die Gebiete im Krieg von 1948-49 erlangt, auch davor hatte es keinen palästinensischen Staat dort gegeben, sondern jahrtausendelange Herrschaft einander ablösender Mächte. Nicht zu vergessen ist, dass dieser Krieg zustande kam, weil die arabischen Staaten die UN-Teilungsresolution von 1947 zurückwiesen, die damals die Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates ermöglicht hätte.
 
Die PLO selbst wurde 1964 gegründet, also Jahre vor der israelischen Besatzung! In Artikel 24 der ersten PLO-Charta ist ausdrücklich festgehalten, dass die Organisation keinerlei Anspruch auf das Westjordanland und den Gazastreifen als Teile eines künftigen palästinensischen Staates erhebt! (2) Als besetztes, zu befreiendes Land wurde vielmehr das Gebiet Israels definiert, in ihrer Geburtsstunde schrieb die PLO also das Ausradieren Israels auf ihre Fahnen!
 
Nach 1967 bot Israel – im Einklang mit der Resolution 242 des UN-Sicherheitsrats – den Rückzug aus den besetzten Gebieten an, unter der Bedingung eines Friedensschlusses. Die arabischen Staaten lehnten ab!
 
Mythos Besatzung
1967 besetzte Israel also kein unabhängiges Land, vielmehr wurde eine Besatzung durch eine andere abgelöst. Nun liegt der Einwand nahe, zwar seien die Palästinenser schon vorher unterdrückt gewesen, doch habe der israelische Einmarsch ihr Elend erheblich verschärft. Das Gegenteil ist der Fall, wie Efraim Karsh in seinem 2002 im “Commentary Magazine” veröffentlichten Aufsatz “What Occupation?” ausführlich darlegt. (3) In den Jahrzehnten nach 1967 hat sich der Lebensstandard der Palästinenser dramatisch verbessert. Um einige Beispiele zu nennen: Durch die Beschäftigung von Palästinensern in Israel und den Bau von Industrieanlagen in den Palästinensergebieten ging die Arbeitslosigkeit drastisch zurück. Das Pro-Kopf-Einkommen verzehnfachte sich bis 1991 und hatte das der meisten Staaten der Region überschritten. Aufgrund medizinischer Programme der Israelis sank die Kindersterblichkeit der Palästinenser von 60 pro 1000 Geburten 1968 auf 15 im Jahre 2000 und unterschritt damit - teilweise deutlich - die des Irak, Ägyptens, Jordaniens und Syriens. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 48 Jahren 1967 auf 72 im Jahre 2000. Die meisten Palästinenser kamen in den Genuss von Elektrizität und fließendem Wasser, die 1967 nur einer Minderheit zur Verfügung standen. Der Analphabetismus wurde reduziert, alle palästinensischen Universitäten wurden erst nach 1967 gegründet.
 
Aus politischen Belangen hielten sich die israelischen Besatzer fast vollständig heraus und ließen eine weitgehende Selbstverwaltung ebenso zu wie eine unzensierte Presse. Nach Karshs Urteil war dies zu viel Toleranz, ermöglichte es doch erst der PLO, ihren ideologischen Einfluss auszubauen und die pragmatischen, gemäßigten lokalen Führer zurückzudrängen.
 
Diese Blütezeit ist vorbei, seither hat sich die Situation der palästinensischen Bevölkerung mehrmals deutlich verschlechtert. Dies geschah jedoch als Folge von Terror- und anderen Gewaltakten, ist Ergebnis dadurch notwendig gewordener Militär- und Abriegelungsmaßnahmen Israels. Als Rechtfertigung für Anschläge kann die Besatzung jedenfalls nicht herhalten. Die palästinensische Gewalt nahm immer dann zu, wenn die Aussicht auf eine Lösung des Konflikts besonders gut war, wie Karsh belegt. So markierte der Höhepunkt des Oslo-Friedensprozesses auch einen Höhepunkt des Selbstmordterrors, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Besatzung in großen Teilen der Gebiete beendet war. Die Situation während der Abfassung dieses Artikels passt in dieses Muster: Kaum hat Israel die Siedlungen im Gazastreifen geräumt, gibt es eine neue Welle von Anschlägen.
 
Propaganda der Untat
Wenn Verzweiflung also nicht das Motiv für Selbstmordanschläge ist, welchen Sinn erfüllen sie dann? Mir erscheint eine Hypothese des Sozialpsychologen und Konfliktforschers Francisco Gil-White, Redakteur des linken Internetportals “The Emperor's New Clothes”, sehr stichhaltig. (4) Arafat & Co war klar, dass sich mit Selbstmordanschlägen kein militärischer Sieg über die israelische Armee erringen lässt. In Gil-Whites Interpretation zielten (und zielen) diese Aktionen propagandistisch auf ein westliches Publikum, dem damit erfolgreich genau das suggeriert wird, was auf der Faktenebene nicht haltbar ist: Dass Menschen extrem verzweifelt sein müssen, die so etwas tun, dass Ihnen also Fürchterliches angetan worden ist. Zweck dieses Propagandatheaters ist es also, die Israelis als Täter zu brandmarken und ein internationales Klima zu erzeugen, in dem Druck auf Israel ausgeübt und dieses so geschwächt wird. Eine Taktik, die aufgeht, wie Gil-White zeigt und eine Lektion, welche die palästinensischen Führer vom Vater ihrer Nationalbewegung, Hajj Amin al Husseini, dem mit Hitler verbündeten Mufti von Jerusalem, gelernt haben. Denn die Nazis verstanden es, die Juden als gefährliche Weltmacht zu propagieren, gegen die sie dann ihren “Widerstandskampf” mit den bekannten Folgen führten. Skrupellos opfern die Terrororganisationen ihre eigene angebliche Klientel, junge Menschen, die nicht aus Verzweiflung handeln, sondern quasi schon mit der Muttermilch eingeträufelt bekommen, es sei gut, Juden zu töten und werde im Jenseits belohnt.
 
“Paradise Now” transportiert die verlogene Ideologie, die zur Rechtfertigung von Selbstmordattentaten dient. Diese Ideologie kommt auch in den Aussagen der als Gegnerin des Terrors aufgebauten Protagonistin Suha zum Ausdruck, die den Kampf mit anderen Mitteln führen möchte, aber ganz selbstverständlich die Israelis als die Übeltäter voraussetzt. In diesem Sinne ist die Botschaft des Filmes antisemitisch. Um es in Anlehnung an Jared Israel, den Herausgeber von “The Emperor's New Clothes” zu formulieren: Es ist nicht antisemitisch, Israel zu kritisieren, aber es ist antisemitisch, Lügen über Israel zu verbreiten. (5)
 
Anmerkungen:
    (1) Scott Atran: Genesis and Future of Suicide Terrorism. (2003) http://www.interdisciplines.org/terrorism/papers/1
     
    (2) THE PALESTINIAN NATIONAL CHARTER. (1964)
    http://www.palestine-un.org/plo/pna_two.html
    (3) Unter dem Titel “What Occupied Territories?” 2004 wiederveröffentlicht und mit einem Kommentar von Jared Israel versehen unter
    http://emperors-clothes.com/israel/karsh-occ.htm
    (4) Francisco Gil-White: Suicide Terror in Israel Today. How do the Nazi roots of the Palestinian movement help explain it? (2003)
    http://emperors-clothes.com/gilwhite/gil2nomap.htm
    (5) Jared Israel: Ist it Antisemitic to Criticize Israel? Is Israel an 'Apartheid State'? (2004)
    http://emperors-clothes.com/letters/land.htm
Hany Abu-Assad. Paradise Now. Niederlande/Israel/Deutschland/Frankreich 2005.
 
Klaus Blees


Dieser Artikel wurde dankenswerterweise ebenfalls von Heinz Gess auf der von ihm betriebenen, sehr empfehlenswerten Website Kritiknetz unter dem Titel "No Occupied Paradise - Oder: Wie man mit Geschichtsklitterung Zensur betreibt" veröffentlicht und mit einem ausführlichen Kommentar eingeleitet. In seinem Kommentar veranschaulicht Heinz Gess die ideologischen Grundlagen derartiger Zensurmaßnahmen.
 
 
Zu meiner Homepage
Zum Inhaltsverzeichnis meiner Website
Zu meiner Linkliste