Vorbemerkung (August 2005): Dieses Portrait der Website "The Emperor's New Clothes" erschien im Mitgliederbrief  1/2005 (Sommer 2005) der Arbeitsgemeinschaft Trier der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.
- Die Palästinenser brauchen eine Revolution. Aber nicht gegen Israel. Israel ist nicht ihr Problem. Ihr Problem, ihr sehr schwerwiegendes Problem ist, wie sie die Faschisten loswerden, die als ihre Führer gelten. Wenn sie das hinkriegen, werden sie fähig sein, mit anderen in der Region zusammenzuarbeiten, um den Nahen Osten in einen lebenswerten Ort zu verwandeln. So lange westliche Akademiker weniger an der Erklärung des antisemitischen Selbstmordterrors als an seiner Entschuldigung interessiert sind, werden wir diesen Faschisten Hilfe und Beistand gewähren, ihnen, die nicht nur die schlimmsten Feinde der Juden sind, sondern ebenso der Palästinenser. - Francisco Gil-White, stellvertretetender Herausgeber von “The Emperor's New Clothes” (Übersetzung: K. B.)
 
“The Emperor's New Clothes” - kurz “Emperor's Clothes” (EC) - ist ein politisch linksorientiertes, inverstigativjournalistisches Internetportal. Die Initialen des Namens sind auch in die einprägsame Webadresse eingegangen: www.tenc.net. Eine internationale Mitarbeitercrew hat sich die Machtpolitik westlicher Staaten und Bündnisse, nicht zuletzt der USA und Deutschlands, auf's Korn genommen, erforscht und deckt Hintergründe dieser Politik auf, die in den Medien unterschlagen, vertuscht oder einfach nicht wahrgenommen werden. Wie in Andersens Märchen “Des Kaisers neue Kleider” soll Herrschaft unverhüllt erscheinen. Die Website ist primär englischsprachig, aber Mitarbeiter in aller Welt ermöglichen es, einen Teil der Beiträge in eine Reihe anderer Sprachen zu übersetzen, manchmal auch Originalbeiträge in anderen Sprachen zu verfassen. Die deutschsprachige Sektion ist zu finden unter http://emperors-clothes.com/german/indexg.htm.
 
Aber was macht dieses Projekt für Freunde Israels interessant? Israel und der Nahe Osten sind seit einigen Jahren zum wohl wichtigsten Schwerpunktthema der EC-Leute geworden. Ein spezielles Inhaltsverzeichnis mit den Links zu den betreffenden (englischsprachigen) Artikeln steht unter http://emperors-clothes.com/israelguide.htm. Bis vor wenigen Jahren dominierte bei EC eine Haltung, die Israel die Hauptschuld am Nahostkonflikt zuschrieb. Dies änderte sich grundlegend mit den Medienberichten über das angebliche “Massaker von Jenin”. EC begann selbst zu recherchieren, mit dem Ergebnis, dass es sich dabei um antiisraelische Propagandalügen handelte. Mit der Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse dürfte EC eines der ersten Medien gewesen sein, die dieser Falschberichterstattung entgegentraten. EC blieb am Ball und kann heute ohne Übertreibung als eine der weltweit wichtigsten Quellen zur Entlarvung antizionistischer Propaganda und zur Bereitstellung aktueller und historischer Hintergrundinformationen zum Nahostkonflikt gelten.
 
Mit auf umfangreichen Recherchen basierenden Artikeln tragen die EC-Leute zur Zerstörung so ziemlich aller gängigen antiisraelischen Mythen bei, auch solcher, die selbst unter Freunden Israels auf fruchtbaren Boden fallen. Sie zeigen, dass die PLO keine gemäßigte Alternative zu Hamas und Islamischem Jihad ist, sondern genau wie diese auf die Vernichtung Israels ausgerichtet. Weder hat in Deir Yassin ein Massaker stattgefunden noch hat Israel jemals die Hamas unterstützt, um zwei Einzelbeispiele einer Vielzahl der von EC widerlegten Behauptungen herauszugreifen.
 
EC schafft es immer wieder, zeitgenössische wie auch historische Dokumente zum Hintergrund des Nahostkonfliktes ausfindig zu machen und stellt dann diese zuvor oft kaum zugänglichen Texte ins Internet. Darunter befindet sich auch ein umfangreiches Memorandum der linken britischen Zeitschrift “The Nation”, das diese 1948 für die UNO verfasst hat, um im Vorfeld des Unabhängigkeitskrieges die Machenschaften der britischen Mandatsmacht zu dokumentieren. Dieses Dokument belegt unleugbar die Kollaboration Großbritanniens mit den arabischen Judenfeinden und die Sabotage des UNO-Teilungsplanes durch die Briten. Die Propaganda, Israel sei ein mit britischer Hilfe gegründeter Kolonialstaat wird dadurch als das sichtbar, was sie ist: Antisemitische Geschichtsfälschung. Bezeichnenderweise hat “The Nation”, die längst ins antiisraelische linke Lager gewechselt ist, ihr damaliges Memorandum aus ihrem angeblich vollständigen Internetarchiv verbannt. Die ECler haben es durch Bibliotheksrecherche aufgetrieben und auf ihrer eigenen Website veröffentlicht.
 
EC beschäftigt sich intensiv mit dem genozidalen Antisemitismus der palästinensischen Nationalbewegung und dessen historischen Wurzeln, die nicht zuletzt den Schulterschluss mit den Nationalsozialisten und die aktive Beteiligung am Holocaust beinhalten. Für die EC-Macher folgt daraus eine entschiedene Ablehnung der Gründung eines palästinensischen Staates, der ihrer Auffassung nach ein faschistischer Staat sein würde, mit dem die arabischen Staaten ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur Vernichtung Israels erreicht hätten. Deshalb solidarisieren sie sich auch mit den israelischen Siedlern und halten eine Räumung der Siedlungen für einen verhängnisvollen Fehler. Sie kooperieren mit “Arutz Sheva”, Radiosender und Internetportal (www.israelnationalnews.com) der Siedlerbewegung. EC-Mitarbeiter haben auch Beiträge bei “Arutz Sheva” veröffentlicht.
 
Ausgesprochen lehrreich ist eine Internetdebatte über die Ursachen von Selbstmordattentaten, auf die sich Francisco Gil-White, Psychologieprofessor an der Universtität von Pennsylvania und stellvertretetender Herausgeber von EC, eingelassen hat. Die Diskussion fand auf der Website “Interdisciplines” (www.interdisciplines.org) statt, Gil-Whites Kontrahenten waren drei antiisraelische Akademiker, die mit den prototypischen antizionistischen Argumenten aufwarteten. Gil-Whites Abschluss-Statement wurde von der Moderatorin wegzensiert. Die Debatte einschließlich des zensierten Textes kann auf der EC-Website nachgelesen werden:
http://emperors-clothes.com/gilwhite/overview.htm.
 
Die meist von Unterstützern wie Feinden Israels gleichermaßen geteilte, wenn auch entgegengesetzt bewertete Auffassung, die USA seien ein verlässlicher Bündnispartner Israels, weisen die ECler zurück. Aus ihrer Sicht haben die USA Israel wiederholt zu ungerechtfertigten, selbstzerstörerischen Zugeständnissen an die palästinensische Seite genötigt.
 
Hier schließe ich einen etwas kürzeren Überblick über einige andere, nicht unmittelbar den Nahostkonflikt behandelnde EC-Themenbereiche an. Dass dennoch untrennbare Zusammenhänge bestehen, wird dabei deutlich. Das beginnt mit der EC-Haltung zum jüngsten Irak-Krieg. EC hat die US-geführte Intervention abgelehnt. Einer der Gründe liegt in der Feindschaft zwischen dem Irak Saddam Husseins und dem Iran. Für Israel selbst sei der Iran – aus waffentechnischen wie geographischen Gründen - eine weitaus größere Bedrohung als der Irak, so die EC-Argumentation. Mit der Zerschlagung des Hussein-Regimes sei der Hauptfeind des Iran weggefallen, dadurch sei dieser gestärkt und infolgedessen die Gefährdung Israels erhöht worden, einschließlich der Stärkung proiranisch-schiitisch-islamistischer Kräfte im Irak. Trotz verbaler Feindseligkeitsbekundungen hätten die USA im Irakkrieg unter der Hand mit dem Iran kooperiert. Die ECler machen nichtdestoweniger kein Hehl aus ihrem Abscheu gegenüber Saddam Hussein.
 
Der Kampf gegen den Antisemitismus ist insgesamt wesentlich für EC, dabei ist die Auseinandersetzung mit dem Islamismus ein Schwerpunkt. Den USA, aber auch anderen Staaten wirft EC vor, im eigenen Machtinteresse Islamisten nicht nur in der Vergangenheit gefördert zu haben, sondern dies bis heute zu tun, wie im Zusammenhang mit dem Irakkrieg schon angedeutet. Dies bezieht sich unter anderem auf die Unterstützung gegen die Sowjetunion kämpfender Islamistenbanden in Afghanistan sowie von Moslemextremisten bei der Parzellierung des ehemaligen Jugoslawien.
 
Mit den Bürgerkriegen und der Geschichte Jugoslawiens sind zahlreiche EC-Beiträge befasst. Während Milosevic und die Serben gemeinhin als Sündenböcke gelten, zeigt EC, dass es sich bei den ihnen zugeschriebenen Verbrechen großenteils um Greuelpropaganda handelt. Hingegen haben die Separatistengruppen in Bosnien, Kroatien und im Kosovo ethnische Säuberungen, Massaker und Verfolgung, von Serben, Juden und Roma zu verantworten. In Bosnien etwa konnten sich mit westlicher Unterstützung die islamischen Fundamentalisten durchsetzen, auch gegen die mit den Serben verbündeten gemäßigten Moslems.
 
Nach dem bisher Gesagten ist es naheliegend, dass das Projekt EC mit seinem Themenspektrum und den diesbezüglichen Positionierungen bei den unterschiedlichsten Leuten aneckt und für Kontroversen sorgt. Nichtsdestoweniger dürfte so manche die EC-Haltung zu den Anschlägen vom 11. September 2001 überraschen und schockieren: EC gehört nämlich zu denen, die eine US-amerikanische Beteiligung vermuten! Ausgerechnet EC in einer Front mit antisemitischen Verschwörungstheoretikern? Doch was auch immer sich gegen derartige Beiträge von EC einwenden lässt: Eine antisemitische Motivation liegt ihnen im Gegensatz zu den Machwerken eines Mathias Bröckers oder Andreas von Bülow nicht zugrunde. Anders als diese unterstellt EC keine israelische Beteiligung. Antisemitischen Verschwörungstheorien hat EC den Kampf angesagt und unter anderem Kritisches zu den “Protokollen der Weisen von Zion” publiziert. Eben weil EC die USA keineswegs als Feind von Islamisten, vielmehr als deren Verbündete ansieht, klärt sich auch der scheinbare Widerspruch.
 
Mögen einige der EC-Beiträge auch als Ärgernis, andere als zumindest fragwürdig und unausgegoren erscheinen: Dies sollte keineswegs abschrecken, denn diese Website bietet eine Fülle von Schätzen, die zu heben sich lohnt, und genannt habe ich längst nicht alle Themen. Deshalb ist es auch vollkommen legitim, wenn auf jeder einzelnen Seite ein Spendenaufruf zu sehen ist. Dies erwähne ich hier ausdrücklich, denn auf Spenden ist das Projekt permanent angewiesen.
 
Klaus Blees

 
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