Lieber Klaus,
einen Punkt gibt es, den ich erwähnen muss: wenn es um das Buch
von diesem Friedrich geht, den ich selber schon mal in SWR 2 sich ereifernd
und mit überschlagender Stimme mit einem britischen Historiker herumstreiten
sah (letzterer blieb Gott
sei Dank gelassen), so muss ich natürlich an die Schilderungen
meiner Verwandten an die Bombennächte z. B. in Mainz denken, die sie
als Kinder oder Jugendliche erlebt haben. Meine früh verstorbene Mutter
bspw. wurde in Mainz 3 x ausgebombt, der letzte Angriff am 27. 2. 45 war
keine militärische Notwendigkeit, weil die Stadt nur wenige Wochen
später besetzt wurde.
Ob Dresden militärisch notwendig war, daran habe ich auch meine Zweifel. Aber wie es auch immer bewertet werden mag: das emotionale Erleben von Todesgefahr, speziell als Kinder, blockiert eher das Verständnis dafür, wer dafür "eigentlich" verantwortlich war. Das ist auch für mich in Diskussionen mit meinen "Alten" immer ein Problem gewesen, das man mit einem Federstrich nicht einfach "wegbürsten" kann. Da kam immer die Standardreaktion "Was wisst ihr schon, ihr habt sowas nie erlebt..."
Oder ich denke an eine Frau, die aus Nordböhmen stammt und deren Mutter wiederum ein Massaker der Tschechen im Sommer 45 knapp überlebt hat. Es gab blindwütige Rache, Übergriffe, Vergewaltigungen - das alles gab es. Es ist deshalb ungeheuer schwer, ihnen begreiflich zu machen, dass das natürlich zwar z. T. blindwütige, aber eben auch durchaus verständliche Reaktionen der Nazi-Opfer waren. Das ist eine emotionale Sperre, die im Grunde den Kitt der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft ausgemacht hat - besonders bei Leuten, die zwar Deutsche waren, aber eben keine Verbrechen begingen. Kollektivschuld kann du den Leuten nicht "verkaufen", erst recht dann nicht, wenn sie bei Kriegsende 10 oder 15 Jahre alt waren.
Kurt-Werner Pörtner
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