Gesundheitskongreß in Bonn
13. und 14. Mai 1995
Wachsendes Gesundheitsbewußtsein, steigendes Interesse an Naturheilverfahren und zunehmende ökologische Sensibilität führen beim Versuch der praktischen Umsetzung oft genug zu Unsicherheit und Verwirrung. Angesichts der Glaubenskriege zwischen den unterschiedlichen Aposteln einer "natürlichen Lebensweise" dürfte nicht nur mir die Orientierung darüber schwerfallen, was denn unter "gesundem Leben" konkret zu verstehen ist. Hilfreiche Akzente setzte da der 7. Gesundheitskongreß der "Gesellschaft für natürliche Lebenskunde", deutscher Zweig der vor allem durch den Bestseller "Fit für's Leben" bekanntgewordenen Natural Hygiene-Bewegung. Unter dem Motto "Gesundes Leben SELBST gestalten" erlebten über 1000 Teilnehmer am 13. und 14.5. in der Bad Godesberger Stadthalle Vorträge von Vertretern verschiedener Auffassungen, aber auch von Wissenschaftlern, die mit gesicherten Forschungsergebnissen etwas Licht in das Dunkel der Glaubenssysteme bringen konnten.
Die Gesundheitsberaterin Jamila Peiter machte die Unsicherheit beim Suchen des "richtigen" Weges sogar zum Thema ihres Vortrags. Dogmatische Vorgaben irgendeiner Lehre lehnt sie heute entschieden ab, die angemessene Lebensweise könne jeder Mensch durch Ausprobieren nur für sich selber herausfinden. Sackgassen, in die man dabei gerate, seien nicht einfach Irrtümer, sondern Ausdruck eines notwendigen, nie zum Abschluß kommenden Lernprozesses.
Ohne auf alle Referate ausführlich einzugehen, seien hier einige Highlights erwähnt. Den Eröffnugsvortrag hielt der prominente Medizinkritiker Julius Hackethal. Kein prinzipieller Gegner der Schulmedizin, geißelte er vehement deren Auswüchse, praktiziert selber eine Verbindung schul- und alternativmedizinischer Verfahren. Wir bekamen nicht Pauschalvorwürfe zu hören, sondern die fundierte Kritik eines Insiders, der auch vor Strafanzeigen gegen Kollegen nicht zurückscheut. Es sind laut Hackethal häufig vermeidbare, schuldhafte Kunstfehler, die Patienten schaden oder sie umbringen. Vor Gericht sei kaum dagegen anzugehen, da sich Mediziner mit Gutachten gegenseitig decken. Fast alle Ärzte seien Straftäter am laufenden Band, da für die Behandlungen eine rechtswirksame Einwilligung der Patienten fehle. Voraussetzung dafür sei nämlich nach höchstrichterlicher Rechtsprechung eine umfassende(!) Aufklärung über Risiken und Behandlungsalternativen, die so gut wie nie ausreichend erfolge.
Im Gegensatz zu Hackethal führte der Arzt Ryke Geerd Hamer einen Generalangriff gegen die Schulmedizin und stellte seine mit dieser grundsätzlich unvereinbare Krankheitstheorie vor. Hamer, dem seine Ketzerei ein inzwischen fast zehnjähriges Berufsverbot einbrachte, sieht Krankheiten als biologisch sinnvolle Reaktionen auf nicht verarbeitete Schockerlebnisse an. Deren Charakter sei nicht nur auf der Ebene des betreffenden Organs und der Erlebnisebene feststellbar, sondern mittels Computertomographie eindeutig auch im Gehirn. Eine Krankheit verlaufe zweiphasig, nach Lösung des Konflikts äußere sich die Heilungsphase naturgemäß in gänzlich anderen Symptomen, wobei die Schulmedizin fälschlicherweise von zwei nicht miteinander zusammenhängenden Krankheiten ausgehe und diesen Prozeß, statt ihn zu unterstützen, mit für die Patienten oft tödlichen Folgen unterbinde. Bei Berücksichtigung der biologischen Funktion von Krankheiten seien auch schwerste Leiden - wie fortgeschrittener Krebs - fast immer heilbar. Die Richtigkeit seiner Theorie sieht Hamer durch mittlerweile 15000 von ihm überprüfte Fälle bestätigt. So ungewöhnlich seine Auffassungen klingen mögen: Er hat sie in Form präziser, überprüfbarer Hypothesen formuliert. Um so verwunderlicher, daß sich die Hochschulmedizin konsequent weigert, sie einer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen. Denn wenn Hamer sich irrt, wäre er dadurch sehr leicht zu widerlegen, die Sache wäre aus der Welt und verzweifelte Patienten könnten vor Sackgassen bewahrt werden. Oder haben die Herren (und wenigen Damen) Professoren Angst, seine Theorie könne sich zumindest in wesentlichen Teilen als zutreffend erweisen und damit ihr lukratives Gebäude in den Fundamenten erschüttern?
Obwohl er als Mitinitiator des sozialdarwinistischen "Ökologischen Marschallplans" politisch nicht so ganz auf meiner Wellenlänge liegt, überraschte mich der bekannteste Redner, der Fernsehjournalist Franz Alt, positiv mit seinem kämpferischen Auftritt. Der Christ Alt machte kein Hehl daraus, daß für ihn Feindesliebe nicht bedeutet, keine Feinde zu haben und griff die Energiekonzerne in einer Schärfe an, die nichts zu wünschen übrig ließ. Deren unsere Lebensgrundlagen zerstörender Wirtschaftsweise setzte er anhand konkreter, heute bereits technisch umsetzbarer Vorschläge die mehr als ausreichenden Möglichkeiten erneuerbarer, umweltverträglicher Energiequellen entgegen und plädierte für eine drastische Wende in der Verkehrspolitik. Er machte deutlich, daß es dabei nicht um Verzicht und Askese geht, sondern im Gegenteil um eine Steigerung der Lebensqualität. Ob, wie er meint, eine grundlegende Wende allerdings unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen, durch eine veränderte Steuerpolitik, herbeizuführen ist, erscheint mir mehr als zweifelhaft. Das Publikum belohnte ihn mit stehenden Ovationen.
Untersuchungen darüber, wie sich denn die Qualität von Lebensmitteln bestimmen läßt, waren Gegenstand der Beiträge verschiedener Wissenschaftler. Der Chemiker und Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann von der Universität Gießen stellte die Grundlagen einer ausgewogenen, gesunden Eiweißernährung dar. Wissenschaftlich sei dieses Thema nicht umstritten, bei Kontroversen darüber gehe es um Glaubenssachen und nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Nach diesen Erkenntnissen sei nicht in erster Linie die Menge des dem Körper zugeführten Eiweißes entscheidend, sondern das Verhältnis der essentiellen Aminosäuren, der Grundbausteine der Eiweiße. Hier lasse sich durch richtige Kombination verschiedener Nahrungsmittel ein Optimum erreichen. Diesbezüglich sei es egal, ob es sich um pflanzliches oder tierisches Eiweiß handele, jedoch sei aufgrund der Begleitstoffe pflanzliche Ernährung eindeutig gesünder als tierische. Daß Vegetarier im Schnitt gesünder sind als Fleischesser konnte er selbst als Leiter der Gießener "Vegetarierstudie" belegen. Doktorandinnen von ihm führen zur Zeit auch eine Rohkoststudie durch und stellten auf dem Kongreß erste Ergebnisse vor. Hinweise auf Vorteile einer Rohkosternährung lassen sich bisher jedoch nur aus den Selbstauskünften der Teilnehmer entnehmen, da die Laboruntersuchungen noch nicht ausgewertet sind.
Eine ganz andere, Leitzmanns traditionelles Verfahren aber ergänzende Methode zur Lebensmittel-Qualitätskontrolle hat der Physiker Fritz Popp von der Universität Kaiserslautern entwickelt. Eine - inzwischen erhärtete - Vermutung des Physik-Nobelpreisträgers Erwin Schrödinger aufgreifend, untersucht er die ordnende Funktion von Licht beim Ablauf körperlicher Prozesse, deren Komplexität und Geschwindigkeit auf biochemische Weise nicht erklärbar ist. Dieses laserartige Licht - so Popp in seinem Vortrag - sei in der Nahrung gespeichert und werde bei deren Verwertung im Körper freigesetzt. Es sei zur Regulation der Abläufe in den Zellen und zum Informationsaustausch zwischen den Zellen unerläßlich. Nahrungsqualität sei nicht nur durch die Nährstoffzusammensetzung bestimmt, sondern auch durch die Menge gespeicherten Lichtes. Durch Verfeinerung ursprünglich für die Astronomie entwickelter Meßgeräte konnten Popp und seine Mitarbeiter diese "Biophotonenstrahlung" der Lebensmittel nachweisen. So lassen sich durch herkömmliche Laboranalysen nicht feststellbare, von der Lebensmittelindustrie abgestrittene Qualitätsunterschiede aufspüren. Eier aus Freilandhaltung sind - wie Popp beispielhaft demonstrierte - aufgrund ihrer Biophotonenstrahlung bei gleichem Nährstoffgehalt eindeutig höherwertig als die von Batteriehühnern, biologisch gedüngte Pflanzen wertvoller als die aus konventionellem Anbau, wobei allerdings unter anderem auch entscheidend ist, wieviel Sonne die Pflanzen abgekriegt haben. Im Geschmack haben sich, wie er betonte, solche Unterschiede immer schon gezeigt.
Auf Gesundheitsbedrohungen aus einer andern Richtung machte der Chemiker und Naturkosmetiker Michael Babor aufmerksam. Die Kosmetikindustrie überschwemme ihre Kundinnen mit einer Vielzahl nicht nur unwirksamer, sondern auch giftiger Substanzen, Stoffe, deren Langzeitwirkungen ohnehin nicht getestet seien. Allergien und Immunschwäche seien nach Auskunft eines Epidemiologen der Universität Münster zwei der möglichen Folgen. Für die Gesunderhaltung der Haut seien andere Faktoren ausschlaggebend als die äußerliche Anwendung von Chemikalien. Babor brandmarkte eine Schönheitsideologie, die etwa Falten als zu beseitigenden Mangel erscheinen lasse statt als Ausdruck der Persönlichkeit und Lebensgeschichte eines Menschen.
Weitere Referenten befaßten sich mit der Hydrocolontherapie, einer Methode zur Darmreinigung und mit Erkrankungen wie Osteoporose und Rheuma, wobei der Arzt Radu Spermezan neben Ernährungsfaktoren vor allem auf den engen Zusammenhang zwischen Amalgamfüllungen und rheumatischen Erkrankungen hinwies. Workshops ergänzten das Kongreßprogramm, befaßten sich unter anderem mit Krebs, Stärkung des Immunsystems und - unter Leitung von Franz Konz, der nicht nur von Steuertricks was versteht - Wildkräuterernährung. Das durch die Teilnahmegebühr mit abgedeckte Mittagessen bestand aus einem "Sonnenkostbuffet" - Obst, Salaten, rohem Gemüse, Aufläufen für die nicht so ganz strengen Rohköstler. Daß sich eine alternative Gesundheitsindustrie am herausbilden ist, zeigte sich an den etwa 50 Ausstellungsständen, deren Warenkörbe von Büchern über Lebensmittel, Naturheilmittel und orthopädische Geräte bis hin zu Seminarangeboten reichten.
Der Kongreß brachte sicher nicht nur mir eine Fülle neuer, aufschlußreicher Erkenntnisse. Allerdings - dies sehe ich als Mangel - blieben Kontroversen zwischen den teilweise unterschiedliche Auffassungen vertretenden Referenten aus, da diese meist nur zu ihren jeweiligen Vorträgen angereist waren und nicht lange blieben.
Klaus Blees
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