Ein Warnruf
Ehrenmorde, Zwangsheiraten und rigide patriarchalische Grundorientierungen
sind ebenso wie antijüdische Verschwörungsideologien und mangelnder
Respekt gegenüber säkular-demokratischen Grundprinzipien ernst
zu nehmende und nichtmarginale Phänomene innerhalb der islamisch
geprägten Kulturgemeinschaft. Darüber gibt es national und
international eine umfangreiche Literatur einschließlich zahlreicher
hinreichend validierter Studien. Vor diesem Hintergrund behauptet niemand,
dass sämtliche Muslime aktive Anhänger und Akteure eines reaktionär-konservativen
bis
fundamentalistischen Gesetzesislam sind, aber es ist gut begründet
davon auszugehen, das innerhalb der islamischen Gemeinschaft starke
und einflussreiche Sektoren existieren, die einen strengen, schariatischen
und grundrechtswidrigen Glauben lehren, predigen, normieren, anstacheln
und
repressiv überwachen. Insofern verbietet sich eine undifferenzierte
Generalamnestie für alle Muslime.
Wenn nun eine Gruppe von ‚MigrationsforscherInnen' die literarisch verarbeiteten
Lebenserfahrungen von Frauen, die den strengen Gesetzesislam in multipler
Form am eigenen Leib erfahren haben, als „Boulevard-Stories“ und „reißerische
Pamphlete“ abqualifiziert, so ist das nicht nur respektlos und demütigend,
sondern auch unwissenschaftlich. Denn bei diesen Lebensberichten handelt
es sich um ‚dichte', hermeneutisch relevante Beschreibungen der Umsetzung
einer Religion in normative Alltagspraxis bzw. um die Legitimation
interpersonaler Herrschaftsausübung durch Religion. Oftmals haben
diese ‚verdichteten' individuell-konkreten Erlebnisreportagen eine erheblich
größere Aussagekraft, als jene oberflächlich-empiristischen
Untersuchungen, bei denen mit Hilfe von spezifisch zugerichteten Vorgaben
„glättend“,„abschwächend“ und zerstückelnd in die Probanden
„hineingefragt“ wird und entsprechende Klischees über die „böse“
(pauschal-rassistische)
Aufnahmegesellschaft bedient werden. Zudem weisen die Berichte
von „islamgeschädigten“ Frauen schon aufgrund ihrer konkreten Zurechenbarkeit
einen erheblich größeren Authentizitätswert auf als die
stereotypen Parolen jener „Vorzeige- und Nadelstreifenislamistinnen“ und
Konvertitinnen, die
wie speziell geschulte Mitglieder eines Wanderkaders durch die Medien
ziehen.
Die Autoren des Aufrufs „Gerechtigkeit für Muslime“ werfen Necla
Kelek „unwissenschaftliches“ und „unseriöses“ Vorgehen vor. Angeblich
hätten sie und andere Autorinnen wie Seyran Ates
„eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen
Problem aufgepumpt (…), das umso bedrohlicher erscheint, je weniger Daten
und Erkenntnisse eine Rolle spielen.“ Doch hinter diesem Gestus der „Wissenschaftlichkeit“
steckt ein ideologischer Abwehrmechanismus, der darauf abzielt, Kritik
an den vielfältigen antiemanzipatorischen, undemokratischen und freiheitsfeindlichen
Aspekten des orthodoxen Mehrheitsislam, die nicht in das eigene kulturrelativistische
Raster paßt, a priori zu delegitimieren. Im Grunde wird ein einfaches
apologetisches Prinzip verfochten: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Negative Merkmale der Migranten müssen sich immer aus dem ‚Hypertheorem'
„Rassismus der Aufnahmegesellschaft“ ableiten lassen; niemals darf die
normative Prägekraft des Islam als Ursache in Erscheinung treten.
Dass in breiten Teilen der islamischen Gesellschaften fremdenfeindliche
Einstellungen gegen Un- und Andersgläubige vorherrschen und geringfügigste
Anlässe zu schweren Ausschreitungen führen können, darf
dieser parteilichen ‚Migrationswissenschaft' erst gar nicht in den Sinn
kommen. Necla Keleks Argumentation stimmt durchaus mit empirischen Forschungsergebnissen
überein. So hat das türkische Forschungsinstitut
für Frauen Profile im Jahr 2000 herausgefunden, dass für
89 Prozent der türkischen Frauen die Jungfräulichkeit vor der
Ehe ein Zeichen der Ehrbarkeit ist. 44,9 Prozent der Frauen und 45 Prozent
der türkischen Männer sind der Meinung, dass der Ehemann berechtigt
sei, seine Frau zu schlagen,
falls diese ungehorsam ist. 77,8 Prozent der misshandelten Frauen schweigen.
Zwei von drei Frauen werden per Brautwerber an den Mann gebracht. 24 Prozent
der Brautväter verlangen vor der Ehe Brautgeld. Von den verheirateten
Frauen sind in den ländlichen Gebieten 52,2 Prozent und in den Städten
36,3 Prozent mit dem Ehemann verwandt.
Seit ihrer Dissertation hat sich Frau Kelek offensichtlich von bestimmten
ideologischen Scheuklappen und dominanten Diskursauflagen befreit und erkannt,
dass die sozialisationsbedingte Übernahme konservativ-islamischer
Grundüberzeugen - trotz formal-oberflächlicher Anpassung an
die hiesigen Lebensverhältnisse - bei zahlreichen Migrantenjugendlichen
nach wie vor als gravierende Integrationsbarrieren wirken und bei nicht
wenigen den Nährboden für die Aneignung islamistischer und nationalistisch-rechtsextremistischer
Orientierungen bilden. Diese kritische Reflexion intramuslimischer Herrschaftsverhältnisse
und Sozialisationsinhalte wird ihr jetzt von unkritischen Migrationsforschern
als Verrat vorgeworfen, - verletzt sie damit doch deren kulturrelativistisches
Grundtabu. Ganz offensichtlich soll hier die realitätsadäquate
Aufdeckung von Tatsachen und Zusammenhängen stigmatisiert werden.
Während nämlich die weiblichen Heranwachsenden das normative
Korsett der islamischen Familienmoral zumeist passiv erleiden und mitunter
sekundär rationalisieren, haben sich viele männliche Jugendlichen
einen vulgären Macho-Islam zurechtgezimmert, der je nach Bedarf utilitaristisch
eingesetzt wird: Während man gegenüber den eigenen Schwestern
und weiblichen Verwandten die Rolle des repressiven Sittenwächters
einnimmt, werden ‚unislamische'
Verhaltensweisen systematisch diskriminiert und auch teilweise aggressiv
attackiert. Einheimische Frauen in ‚westlicher' Kleidung und muslimische
Frauen, die sich unverschleiert in der Öffentlichkeit zeigen, gelten
als moralisch minderwertige Wesen und „Freiwild“. So wird in einer Studie
über
demokratiegefährdende Phänomene in Berlin-Kreuzberg festgestellt:
„Tatsächlich haben wir in Interviews vielfach gehört, dass
Frauen etwa als ‚Nutten' oder ‚Huren' beschimpft werden. Frauen in Deutschland,
so heißt es unter nicht wenigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund
‚sind ja bereit und sie haben keine Moral.' An anderer Stelle wird von
verbalen Attacken wie ‚Du deutsche Nutte, halt's Maul!' berichtet“ (Zentrum
für demokratische
Kultur 2003, S.129). Verwiesen wird auch darauf, dass diese diskriminierenden
Attacken nach Aussagen einer Sozialarbeiterin bereits bei Kindern von Einwanderern
aus der Türkei und arabischen Ländern anzutreffen sind. Demnach
haben diese ‚Muslimkids' eine alleinstehende Frau mit folgenden Worten
beleidigt: „Na, was bist denn du für eine Schlampe, das kann ja nicht
sein, du lebst hier allein, und wieso hast du denn nicht einen Mann , und
du hast wohl keinen ab gekriegt...'. Zum Alter der Kinder sagt sie: ‚Na
die sind zwischen sechs und zwölf Jahren, also wirklich richtige
Kinder'“ (ebenda, S.129f.).
Deutschland ist kein islamophobes, sondern ein islamophiles Land, wo
in der Öffentlichkeit kaum über die wirklichen Grundübel
der islamischen Herrschaftskultur gesprochen werden darf. Frau Kelek und
andere mutige Autorinnen haben ein Tabu durchbrochen und dafür werden
sie jetzt mit
pseudowissenschaftlichen Bannworten gescholten. Solange sich hierzulande
aber die vorgebliche „Migrationswissenschaft“ in den Händen solcher
islamophiler Kulturrelativisten und zensierender Tabusetzer befindet, ist
es um die Herausbildung eines angemessenen Integrationsdiskurses schlecht
bestellt. Die soziokulturelle Grundvoraussetzung einer gelingenden Integration
ist nicht selbstverleugnende Nachgiebigkeit, sondern das konsequente
Einfordern von Respekt gegenüber der säkular-demokratischen Grundordnung.
Unterschriften bitte per e-mail an Hartmut Krauss:
H-Krauss(at)t-online.de
Dies ist ein Gegenaufruf zum in der ZEIT Nr. 6 vomm 2.2.06 erschienenen
Aufruf "Gerechtigkeit
für die Muslime", in welchem kulturrelativistische Migrationswissenschaftler
die Islamkritikerinnen Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali und Seyran
Ates angreifen und ihnen "Unwissenschaftlichkeit" vorwerfen.
Klaus Blees
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