Vorbemerkung (Februar 2008): Dieser Bericht über einen Workshop zum Erlernen von Konfliktlösungsfertigkeiten erschien in katz Nr. 7/8, Juli/August 1997.
 
 

Training fürWorkshopleiter

Vorurteile, Rassismus und Konflikte ...

... lautete das Thema des Seminars  auf der Katholischen Akademie vom 23.-25.5.97, zu dem ich als Berichterstatter für die Katz eingeladen war. Wie die Jungfrau zum Kinde bin ich dabei auch noch in den Besitz eines Zertifikats gelangt, das mich künftig zum Mitleiten solcher Workshops autorisiert.

Durchgeführt wurde die Veranstaltung vom NCBI - dem National Coalition Building Institute International, einer aus der Bürgerrechtsbewegung der USA hervorgegangenen, mittlerweile international tätigen Organisation. NCBI bietet Trainingsprogramme an für die Vermittlung von Fertigkeiten zum Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung, aber auch zur fruchtbaren Diskussion konfliktgeladener Themen.

In Anspruch genommen werden NCBI-Dienste von einer sehr breit gefächerten Kundschaft, u.a. Gewerkschaften, Kirchen, Bürgerinitiativen, Jugendgruppen, Schulen, Behörden, Firmen und - last not least -
Polizeiinstitutionen. Das Intensivwochenende in Trier diente der Ausbildung neuer Workshopleiter. Die Teilnehmer kamen überwiegend aus sozialen Berufen, unter ihnen befanden sich aber auch Lehrer und
mehrere Polizisten.

Zu Anfang ging es darum, sich der eigenen Zugehörigkeiten bewußt zu werden und diese auch den anderen Teilnehmern zu zeigen, wobei das "Outing", also die Preisgabe etwa schwuler oder anderer nicht sichtbarer Identitäten, immer freiwillig war.

Der nächste Schritt bestand in der Bewußtmachung und unzensierten Äußerung eigener Klischeevorstellungen von Angehörigen von Fremdgruppen. Umgekehrt wurde die zum Selbsthaß und zu gruppeninternen Konflikten führendeVerinnerlichung gegen die eigene Gruppe gerichteter Stereotypen thematisiert. Der Begriff "Gruppe" war allerdings so weit gefaßt, daß er alle Kategorien tatsächlich oder vermeintlich gemeinsamer Merkmale einschließen konnte, auch ohne inneren Zusammenhang. Die Entwicklung von Stolz auf unsere Zugehörigkeiten als eines der angestrebten Ziele setzt jedoch einen - als solchen auch erlebten - Zusammenhang voraus.

Persönliche Erfahrungen von Diskriminierung kamen zur Sprache, indem Teilnehmer selbsterlebte Geschichten erzählten, diese in Rollenspielen mit den Workshopleitern nachstellten und so reagierten, wie
ihnen spontan zumute war. Um diese Situationen emotionaler Offenheit abzurunden, erhielten die Betreffenden die Möglichkeit, sich von den Anwesenden ermutigendes Feedback einzuholen.

Weitere Rollenspiele dienten der Einübung angemessener Reaktionen auf diskriminierendes Verhalten, der Suche nach Möglichkeiten zum Abbau solchen Verhaltens beim Gegenüber, jenseits der falschen Alternative zwischen Passivität und blind-aggressivem Dagegenhalten.

Ein relativ unabhängiger Workshopteil hatte die Entwicklung produktiver Strategien zum Austragen kontroverser Diskussionen als Ziel. Nach der gemeinsamen Auswahl geeigneter Streitthemen kam es in der
Übung darauf an, den Standpunkt des Gegners bzw. der Gegnerin möglichst genau zu verstehen und wiederzugeben, um anschließend herauszufinden, bis zu welchem Grad eine gemeinsame Basis vorhanden war und gegebenenfalls die strittige Frage umzuformulieren.

Der umrissene Ablauf soll den typischen Aufbau von NCBI-Seminaren charakterisieren. Da dieser Workshop uns darüber hinaus befähigen sollte, selber zu leiten, probierten wir - vorwiegend in Kleingruppen - auch untereinander die Leitung der Rollenspiel-Übungen aus.

Ich habe das Seminar mit einem guten Gefühl abgeschlossen. Der NCBI-Ansatz bietet meines Erachtens ausgezeichnete Strategien, auf der Alltagsebene diskriminierendem Verhalten - solange es sich unterhalb der Schwelle physischer Gewalt bewegt - zu begegnen und damit auch zur Veränderung des gesellschaftlichen Klimas beizutragen, die sozialpsychologische Basis politischer Bewegungen und Bündnisse (Coalition Building!) zu erweitem. Die Möglichkeiten solcher  Trainings sollten jedoch nicht überschätzt werden, strukturelle, gesellschaftliche Gewaltverhältnisse werden dadurch allein gewiß
nicht erschüttert. Diese Grenzen lassen sich an der Arbeit mit Polizisten prototypisch abschätzen. Selbst wenn sie persönlich integer sind -wie es bei am Seminar teilnehmenden Angehörigen dieser Berufsgruppe ganz offensichtlich der Fall war - und Geschehnissen in der eigenen Institution kritisch gegenüberstehen: Sie haben ihre Dienstpflicht zu erfüllen, auch wenn sie dabei in Konflikt mit ihren Überzeugungen geraten. Sicher lassen sich bürokratische Anweisungen manchmal unterlaufen oder in ihren Folgen abmildern. Aber sobald als Alternative zur Durchführung unmenschlicher Maßnahmen nur noch Befehlsverweigerung bleibt, dürfte selbst eine NCBI-Schulung nicht mehr viel nützen.

Gestört hat mich der ritualisierte, schematische Charakter des Ablaufs. Darin liegenden Gefahren versucht NCBI jedoch selber vorzubeugen durch die Empfehlung, seine Richtlinien nicht starr umzusetzen, sondern - der Situation entsprechend - kreativ damit umzugehen.

Daß die Katholische Akademie Veranstalterin war, hatte für mich als Ungläubigen keine unmittelbar störenden Auswirkungen. Der Ablauf wurde von den NCBI-Leuten bestimmt, Ron Halbright, der als
Chef der Schweizer NCBI-Sektion das Seminar hauptverantwortlich leitete, ist z.B. US-amerikanischer Jude, seine aus Deutschland und Österreich stammenden Eltern waren vor den Nazis geflüchtet.

Aktuelle Kontaktmöglichkeit (2008) über NCBI Deutschland: http://www.ncbi.de/.

Klaus Blees
 
 
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