Vorbemerkung (Oktober 2002): Diese Romanbesprechung erschien in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 2, Februar 1993.
 


Deutschland, einig
Vaterland

Beruhen die meisten Romane schon auf erfundenen Handlungen, so kommen bei Polit-Thrillern auch noch fiktive politische Konstellationen hinzu. Umso besser, wenn diese eine glaubwürdige Fortschreibung realer Verhältnisse sind. Auf ungewöhnliche Weise erfüllt letztere Voraussetzung der britische Historiker Robert Harris (Spezialgebiet: Nationalsozialismus) mit seinem Roman "Vaterland".

Die Geschichte spielt im Nazi-Deutschland - des Jahres 1964! Die Nazi-Wehrmacht hat den 2.Weltkrieg gewonnen, Deutschland ist judenfrei und reicht im Osten bis Sibirien, von wo die Sowjets mit US-amerikanischer Unterstützung einen Guerillakrieg gegen das Deutsche Reich führen. Die europäischen Staaten sind - Ausnahme: Die neutrale Schweiz - mit Deutschland verbündet.

In dieser Situation geschehen in Berlin mehrere zunächst rätselhaft erscheinende Morde an alten Männern, alle altgediente Nazi-Größen, die auch im historischen Dritten Reich wichtige Rollen gespielt haben. Welche Rollen - das vorwegzunehmen könnte den Lesern einiges an Spannung rauben, denn darum geht es gerade: SS-Sturmbannführer Xaver März, der als Kripo-Fahnder die Morde aufzuklären versucht, stößt bei seinen Ermittlungen - unterstützt von der US-Journalistin Charlie Maguire - auf schockierende, unerwünschte Tatsachen. Für März, kein Parteimitglied und als Mensch, der sich zu viele eigene Gedanken macht, eh schon auf der Abschußliste, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, ein Spiel auf Leben und Tod.

Sex & Crime, Liebe, Verrat und Tod - besonders im Finale zieht Harris sämtliche Register, aber das dramatische Ende, auf
das sich alles zuspitzt, sei hier nicht verraten.

Trotz des echt wirkenden Charakters der Handlung - Harris verwendet nicht zuletzt Originaldokumente aus der Nazi-Zeit - sehe ich in dem Buch in erster Linie einen sehr gut gemachten, unterhaltsamen Kriminalroman. Dem größeren  politischen  Aufklärungswert beimessen zu wollen, käme mir aufgesetzt vor. Ein aktueller Bezug läßt sich natürlich herstellen: Bei Harris sind die Verhältnisse Wirklichkeit, die für eine erstarkende rechtsextreme Szene heute wieder erstrebenswertes Ziel sind!
 
Robert Harris: Vaterland. Inzwischen als Taschenbuch im Heyne-Verlag. 8.95 EUR. 

Klaus Blees
 
 
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