"Träume bewußt steuern"
In einem "luziden Traum" - auch "Klartraum" genannt - weiß der oder die Träumende schon während des Traumes, also im Schlaf, daß das Erlebte bloß geträumt ist, womit sich die Möglichkeit eröffnet, bewußt handelnd auf das Traumgeschehen einzuwirken. Die Beschäftigung mit derartigen Bewußtseinszuständen blieb bis vor wenigen Jahrzehnten eine Domäne religiöser oder spiritistischer Lehren. Erst in neuerer Zeit haben Wissenschaftler begonnen, diese und verwandte Phänomene zu erforschen. Zu den Pionieren zählt die britische Psychologin Celia Green, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Charles McCreery eine auch an Laien gerichtete Darstellung des Forschungsstandes dazu verfaßt hat.
Das in leicht verständlichem Stil geschriebene Buch gewinnt an Anschaulichkeit durch die große Zahl von Erfahrungsberichten, die zur Illustration wissenschaftlicher Befunde und theoretischer Ausführungen eingestreut sind. Beim Lesen konnte ich mehrfach eigene Erlebnisse als Klarträumer wiedererkennen, manche davon in neuem Licht sehen.
Die Autoren behandeln das Thema unter allen für sein Verständnis wesentlichen Aspekten, beschreiben die Art der Wahrnehmung, der intellektuellen Fähigkeiten und der Gefühle in luziden Träumen, den Grad der gezielten Einflußmöglichkeiten wie auch die Beschränkungen, denen manche Handlungen darin unterliegen. Sie gehen auf vermeintliche Gefahren - wie Schlafdefizit, Realitätsflucht oder Horrortrips - ein, für die sie keine Indizien sehen, und nicht zuletzt auf die Chancen, die luzides Träumen in der Therapie seelischer Störungen und körperlicher Krankheiten bietet, betonen, es habe sich zumindest in der Beseitigung von Alpträumen bewährt. Bei alledem muß es nicht vom Zufall abhängen, ob jemand luzid träumt - Green und McCreery stellen die wichtigsten Methoden vor, mit denen sich dieser Zustand - auch autodidaktisch - gezielt herbeiführen läßt oder die Häufigkeit seines Eintretens gesteigert werden kann.
Am spannendsten finde ich die Kapitel, in denen die Autoren die Beziehungen zwischen luziden Träumen und diesen ähnlichen oder eng mit ihnen zusammenhängenden Erlebnissen beschreiben und interpretieren. Hier sind vor allem Erscheinungserlebnisse zu nennen sowie außerkörperliche Erfahrungen, bei denen die Betreffenden ihren eigenen Körper verlassen, oft über diesem schwebend auf ihn hinunterblicken. Ich empfinde es als wohltuend, daß die beiden nicht in die Falle spiritistischer Deutungen tappen, sondern ihrem wissenschaftlichen Anspruch treu bleiben, diese Phänomene als Halluzinationen einstufen und sogar eine sie alle einschließende Hypothese über die Merkmale von Halluzinationen entwickeln. Sie tun dies, ohne in den umgekehrten Fehler zu verfallen, Halluzinationen als sinnlos oder gar als per se krankhaft zu bewerten. Analog betrachten sie die Zusammenhänge zwischen derartigen Bewußtseinszuständen und gewissen Schlafstörungen, sogenannten "Schlaflähmungen", die vor dem Hintergrund der hierbei gewonnenen Ergebnisse erklärbar und behandelbar werden.
Zu guter Letzt untersuchen sie die mit dem luziden Träumen verbundene Gehirnaktivität und andere mit ihm einhergehende Körperreaktionen, schließen auf eine besonders hohe Aktivität des Gehirns und insbesondere der rechten, eher ganzheitlich arbeitenden Hirnhälfte in diesen Zuständen.
Das Fehlen einer klar formulierten, schlüssigen philosophischen Ausgangsposition der Autoren führt manchmal zu nicht ganz logischen, schwammigen Aussagen, und Äußerungen anderer Wissenschaftler werden nicht immer sauber zitiert. Trotz solcher Schwächen beinhaltet das Buch die informativste Gesamtdarstellung des Themas, die ich bisher kenne.
Klaus Blees
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