Vorbemerkung (November 2002): Dieser Veranstaltungsbericht erschien in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 1, Januar 1996.
 
 

Lebensunwertes Leben?

Veranstaltung zur Euthanasiedebatte

Auf gemeinsame Einladung des Behindertenreferats und des Autonomen Anti-Rassismus-Referats des AStA der Uni Trier sprach am 13.12.1995 der Hamburger Aktivist der  Behindertenbewegung, Udo Sierck, an der Uni. Anlaß seines Vortrages war die in den letzten Jahren auch in Deutschland wieder salonfähig gewordenene Frage nach dem Lebenswert und Lebensrecht behinderter und alter Menschen. Die Legalisierung von Euthanasie unter bestimmten Umständen wird dabei auch in Teilen der Linken ernsthaft diskutiert. Wie Sierck ausführte, fungierte hier der australische Philosoph Peter Singer als Tabubrecher. Um den Weg zu solchen durch die Nazi-Verbrechen diskreditierten Erwägungen wieder zu öffnen, wurde also jemand aus dem historisch unverdächtigen Australien eingeflogen: Singers sozialdarwinistische Philosophie ist nicht zuletzt durch Bestrebungen gekennzeichnet, unterschiedliche "Glückssummen" und damit Wertigkeiten von Leben gegeneinander aufzurechnen und auf diese Weise der Tötung Behinderter eine "ethische" Rechtfertigung zu verschaffen, wobei Extremfälle von schwerstbehinderten, unter starken Schmerzen leidenden Neugeborenen mit geringer Lebenserwartung als Köder dienen. 1989 in Deutschland geplante Singer-Vorträge konnten aufgrund massiver Proteste von Behindertenaktivisten, Feministinnen und Gruppen der radikalen Linken nicht stattfinden.

Entsprechende - teilweise weit über Singers Vorschläge hinausgehende - Überlegungen finden laut Sierck in einem Klima verbreiteten eugenischen Denkens statt. In dieser Atmosphäre sind Gewaltakte gegen Behinderte - nicht nur durch Neonazis - nichts Außergewöhnliches mehr, erst recht diskriminierende Äußerungen gegenüber Müttern, die sich entschieden haben, behinderte Kinder auf die Welt zu bringen. Nach von Sierck erwähnten Umfrageergebnissen sind in manchen Großstädten 70 Prozent der Einwohner dafür, behinderten Neugeborenen ein tödliches Medikament zu verabreichen. Forderungen von "Fachleuten" in der Art, Aufwendungen für diejenigen zu streichen, die ihren Abschied nicht nehmen wollen, sind keine
Einzelfälle. Da gilt's dann auch schonmal als Egoismus, wenn Behinderte das Leben der Nichtexistenz vorziehen, und Euthanasie-Kritikern wird Lust am Krawall unterstellt, während Beiträge von Behinderten ignoriert werden. Denn von Behinderten sei keine rationale Auseinandersetzung zu erwarten, weil sie emotional zu sehr eingebunden seien. Die Einrichtung mit Experten besetzter Ethikkommissionen dient dann dazu, dem zu begegnen, was als "Kritik am Fortschritt der Medizin" denunziert wird. Die Darstellung von aktiver Sterbehilfe als humaner, das Leiden beendender Akt oder gar als Teil der Selbstbestimmung Behinderter soll für Akzeptanz sorgen.

Sierck machte Überschneidungen in den Auffassungen liberaler und rechter Euthanasiepropagandisten deutlich. Die "Neue Rechte" mischt in dieser Debatte kräftig mit, wobei vor allem die "Gesellschaft für biologische Anthropologie" des rechtsextremen Anwalts Rieger eine Schlüsselrolle spielt.

Widerstand, gerade militanter Widerstand gegen solche Entwicklungen kann aber durchaus etwas bewirken. In der dem Vortrag folgenden kontroversen  Diskussion  nannte Sierck ein Beispiel: Die Störaktionen gegen unter anderem von der
"Lebenshilfe" geplante Singer-Veranstaltungen haben dazu geführt, daß bei dieser das Thema "Euthanasie" mittlerweile passé ist.

Klaus Blees
 
 
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