Lebensunwertes Leben?
Veranstaltung zur Euthanasiedebatte
Auf gemeinsame Einladung des Behindertenreferats und des Autonomen Anti-Rassismus-Referats des AStA der Uni Trier sprach am 13.12.1995 der Hamburger Aktivist der Behindertenbewegung, Udo Sierck, an der Uni. Anlaß seines Vortrages war die in den letzten Jahren auch in Deutschland wieder salonfähig gewordenene Frage nach dem Lebenswert und Lebensrecht behinderter und alter Menschen. Die Legalisierung von Euthanasie unter bestimmten Umständen wird dabei auch in Teilen der Linken ernsthaft diskutiert. Wie Sierck ausführte, fungierte hier der australische Philosoph Peter Singer als Tabubrecher. Um den Weg zu solchen durch die Nazi-Verbrechen diskreditierten Erwägungen wieder zu öffnen, wurde also jemand aus dem historisch unverdächtigen Australien eingeflogen: Singers sozialdarwinistische Philosophie ist nicht zuletzt durch Bestrebungen gekennzeichnet, unterschiedliche "Glückssummen" und damit Wertigkeiten von Leben gegeneinander aufzurechnen und auf diese Weise der Tötung Behinderter eine "ethische" Rechtfertigung zu verschaffen, wobei Extremfälle von schwerstbehinderten, unter starken Schmerzen leidenden Neugeborenen mit geringer Lebenserwartung als Köder dienen. 1989 in Deutschland geplante Singer-Vorträge konnten aufgrund massiver Proteste von Behindertenaktivisten, Feministinnen und Gruppen der radikalen Linken nicht stattfinden.
Entsprechende - teilweise weit über Singers Vorschläge hinausgehende
- Überlegungen finden laut Sierck in einem Klima verbreiteten eugenischen
Denkens statt. In dieser Atmosphäre sind Gewaltakte gegen Behinderte
- nicht nur durch Neonazis - nichts Außergewöhnliches mehr,
erst recht diskriminierende Äußerungen gegenüber Müttern,
die sich entschieden haben, behinderte Kinder auf die Welt zu bringen.
Nach von Sierck erwähnten Umfrageergebnissen sind in manchen Großstädten
70 Prozent der Einwohner dafür, behinderten Neugeborenen ein tödliches
Medikament zu verabreichen. Forderungen von "Fachleuten" in der Art, Aufwendungen
für diejenigen zu streichen, die ihren Abschied nicht nehmen wollen,
sind keine
Einzelfälle. Da gilt's dann auch schonmal als Egoismus, wenn Behinderte
das Leben der Nichtexistenz vorziehen, und Euthanasie-Kritikern wird Lust
am Krawall unterstellt, während Beiträge von Behinderten ignoriert
werden. Denn von Behinderten sei keine rationale Auseinandersetzung zu
erwarten, weil sie emotional zu sehr eingebunden seien. Die Einrichtung
mit Experten besetzter Ethikkommissionen dient dann dazu, dem zu begegnen,
was als "Kritik am Fortschritt der Medizin" denunziert wird. Die Darstellung
von aktiver Sterbehilfe als humaner, das Leiden beendender Akt oder gar
als Teil der Selbstbestimmung Behinderter soll für Akzeptanz sorgen.
Sierck machte Überschneidungen in den Auffassungen liberaler und rechter Euthanasiepropagandisten deutlich. Die "Neue Rechte" mischt in dieser Debatte kräftig mit, wobei vor allem die "Gesellschaft für biologische Anthropologie" des rechtsextremen Anwalts Rieger eine Schlüsselrolle spielt.
Widerstand, gerade militanter Widerstand gegen solche Entwicklungen
kann aber durchaus etwas bewirken. In der dem Vortrag folgenden kontroversen
Diskussion nannte Sierck ein Beispiel: Die Störaktionen gegen
unter anderem von der
"Lebenshilfe" geplante Singer-Veranstaltungen haben dazu geführt,
daß bei dieser das Thema "Euthanasie" mittlerweile passé ist.
Klaus Blees
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