Vorbemerkung (Dezember 2003): Diese Rezension erschien in Der lustige Kommunist. Organ zur endlichen Etablierung der linken Meinungsdiktatur. Nr. 2, Winter 2003/2004.
 
 

Verteidigt Israel und Kuba!

Zugegeben: In dem Buch, das ich hier bespreche, ist von Kuba - fast - nicht die Rede. Warum ich meiner Rezension dennoch diesen Titel gebe, dazu gleich.

Um Israel geht es aber um so mehr. Dieser Staat gilt einem wesentlichen Teil der Linken als neokolonialistischer Siedler- und Apartheid-Staat, als Vorposten des US-Imperialismus im Nahen Osten. Israel unterdrückt nach dieser Lesart das um seine Freiheit kämpfende palästinensische Volk mit blutigem Staatsterror. Nachdem es die Palästinenser vor Jahrzehnten aus einem Großteil ihrer angestammten Heimat vertrieben habe, verweigere es den Flüchtlingen nicht nur die Rückkehr, sondern verhindere die Gründung eines lebensfähigen Palästinenserstaates.

Karl Selent räumt mit den wichtigsten Mythen, auf welche sich diese Sichtweise stützt, gehörig auf. Das haben andere schon vor ihm getan, aber er tut es auf neue Weise. Das Buch ist nicht einfach eine Darstellung von Geschichte und Gegenwart des Nahostkonflikts, es ist auch kein wissenschaftliches Werk, ist nicht einmal chronologisch aufgebaut. Es handelt sich vielmehr um eine Polemik, eine phasenweise sehr humorvoll und bissig geschriebene, die Tragödie aber nirgends verharmlosende Streitschrift. In kurzen, leicht lesbaren Kapiteln stellt Selent der verbreiteten Unkenntnis und Desinformation die oft wenig bekannten Fakten entgegen. Denn trotz des polemischen Stils präsentiert er eine geballte Ladung durch umfangreiche Quellenangaben gesicherter Information.

Selent, der einem prosowjetischen linken politischen Milieu entstammt, belegt, entgegen anderslautenden Behauptungen aus der DKP und ihrem Umfeld, daß der Zionismus als Reaktion auf den Antisemitismus entstand. Israels Gründung bedeutete und bedeutet vor allem die Schaffung eines verteidigungsfähigen Flucht- und Schutzraums vor antisemitischen Pogromen, der jede Solidarität durch Linke und Antifaschisten nötig hat.(*) Einst wußten das Kommunisten besser als heute, denn Israel entstand mit Unterstützung der Sowjetunion, und im Unabhängigkeitskrieg hatte mit der „Tschechischen Brigade“ eine kommunistisch geführte Miliz osteuropäischer Freiwilliger gekämpft. Die arabischen Einwohner Palästinas wurden keineswegs nur unschuldige Opfer, die mit dem Judenstaat auf ihrem Boden für etwas büßen müssen, das andere, vor allem die Nazis, den Juden zugefügt haben. Denn arabische Pogrome gegen Juden in Palästina hatte es schon lange vor Israels Gründung gegeben. Die dominierenden Kräfte der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung unter Führung des Mufti von Jerusalem hatten sich eng mit den Nationalsozialisten verbündet und am Holocaust beteiligt, ihr Ziel war die Ausrottung der Juden auch in Palästina. In diesem Zusammenhang bringt der Autor auf Seite 166 seines Buches dann Kuba ins Spiel:
 

„Darauf, daß wenigstens ein Hilfsvolk des Dritten Reichs und seines Nachfolgestaates für die Zusammenarbeit mit den Deutschen bezahlen mußte und muß, trinkt der Autor ein zweites Gläschen israelischen Yarden-Wein und raucht dazu eine kubanische Zigarre Cohiba Lancero, jene von Fidel Castro persönlich bevorzugte Marke aus dem legendären Anbaugebiet des Vuelta Abajo in der Provinz Pinar del Rio, ein siebeneinhalb Zoll Gerät, Format Panetela Larga, hergestellt aus dreimal fermentierten Tabakblättern, handgerollt von Torcedors, die bei ihrer Arbeit einem Lector zuhören, welcher aus den Schriften Miguel de Cervantes Saavedras, eines Karl Marx oder José Martí vorliest.

Zum Wohle!

Möge Hebron israelisch bleiben und Kuba kommunistisch!“
 

Wie man sieht, stößt der Autor öfter an, als es der Titel seines Buches nahelegt und hält außer Israel noch einen anderen Staat für verteidigenswert. Aber genug des Exkurses, widmen wir uns exemplarisch noch einigen weiteren Themen des Buches.

Zu den einflußreichsten Fernsehbildern seit Beginn der Al Aksa-Intifada gehören die vom Tod des palästinensischen Jungen Mohammed Al Dura, der während eines Feuergefechts zwischen israelischen Soldaten und bewaffneten Palästinensern tödlich getroffen wurde. Sie sollten zeigen, daß die Israelis nicht einmal vor der Ermordung von Kindern zurückschrecken. Selent macht am Beispiel dieses Jungen – der wahrscheinlich von palästinensischen Kugeln getötet wurde – und an anderen Fällen deutlich, wie Palästinas Propagandaprofis mediengerecht blutige Unruhen, auch unter Beteiligung von Kindern, inszenieren, um anschließend der Weltöffentlichkeit die Israelis als blutrünstige Mörder präsentieren zu können.

Eines der verbreitetsten Propagandamärchen habe ich selbst bis zur Lektüre dieses Buches geglaubt: Israel habe ursprünglich den Aufbau der Hamas unterstützt, um ein Gegengewicht zur PLO zu schaffen. Ich hielt das für einen schweren taktischen Fehler Israels, aber ich nahm es für bare Münze, bis ich mich durch Selent belehren lassen mußte, daß dieses Gerücht ganz einfach nicht stimmt.

Ein längeres Kapitel widmet Selent zwei Gruppierungen, die auch bei Linken, welche sonst den palästinensischen Terrororganisationen kritisch gegenüberstehen, Sympathien genießen, weil sie als marxistisch gelten: Die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) und die von ihr abgespaltene „Demokratische Front zur Befreiung Palästinas“ (DFLP). Diese sind jedoch Nachfolgeorganisationen der rechten „Bewegung Arabischer Nationalisten“ (BAN), die zwar Bismarck und Nasser zu ihren Leitbildern zählte, aber gewiß nicht Karl Marx. Umbenannt und in der Wolle gefärbt gab sich der Verein das Image einer antikolonialen, linken Befreiungsbewegung, um den alten, vergifteten Wein aus neuen Schläuchen auszuschenken.

Daß die Kafiya, das Palästinensertuch, seine Verbreitung einem klerikalfaschistischen Kleiderzwang, vergleichbar dem Burka- oder Bartzwang in Afghanistan, verdankt, dürfte den wenigsten seiner linken Träger bewußt sein.

Diese Beispiele mögen illustrieren, warum ich das Buch für eine Fundgrube sicher nicht nur mich oft überraschender Informationen und neuer Einsichten halte. Festgefügte antizionistische Weltbilder wird es leider dennoch kaum erschüttern.

Auf Israel!

Anmerkung (April 2004): *Volker Radke hat mich auf die Mißverständlichkeit dieser Formulierung aufmerksam gemacht: Gemeint ist damit nicht, Israel sei für seine Existenz auf die Solidarität von Linken und Antifaschisten angewiesen. Würde die Existenz Israels davon abhängen, wäre das in der Tat eine echte Katastrophe, wie Volker bemerkt. "Nötig haben" ist hier vielmehr zu verstehen im Sinne von "verdient haben".

Karl Selent: Ein Gläschen Yarden-Wein auf den israelischen Golan. Polemik, Häresie und Historisches zum endlosen Krieg gegen Israel. ca ira-Verlag. Freiburg 2003. 184 Seiten. 13,50 Euro.

Klaus Blees
 
 
Zur Homepage
Zum Inhaltsverzeichnis meiner Website
Zu meiner Linkliste