Mehr Distanz, bitte!
Zum Artikel "Viel Liebe fürs kleine Land" (TV vom 11./12. Juni):
Sabine Schwadorf lässt in ihrem an Verklärung des Dalai Lama
grenzenden Bericht jede Distanz, gar Kritik, vermissen. Dabei liegt doch
die Frage nahe, welche demokratische Legitimation jemand hat, als "weltliches
und geistliches Oberhaupt der Tibeter" zu sprechen, der schon als kleiner
Junge
infolge eines okkultistischen Rituals zum Staatsoberhaupt erkoren wurde.
Allgemeinplätze von Frieden, Liebe und Mitmenschlichkeit zu predigen,
ist einfach. Die Praxis des lamaistischen Buddhismus sieht leider anders
aus. Der Dalai Lama führt eine traditionell extrem kriegerische Richtung
des tibetischen Buddhismus an, die in langen Machtkämpfen alle Rivalen
mit
blutiger Gewalt ausschaltete und schließlich die Oberhand gewann.
Unter der feudalistischen Herrschaft der Lamas wurde die in bitterer Armut
lebende Bevölkerung brutal unterdrückt und ausgebeutet, kleinste
Vergehen wurden durch grausamste Strafen geahndet. Meint das der Dalai
Lama, wenn er sagt, dass "materielle Werte allein auch nicht glücklich"
machen?
Er gilt "als Zeichen für gewaltlosen Widerstand"? Zwischen 1958 und 1973 führte eine tibetische Untergrundarmee einen bewaffneten Kampf gegen die chinesischen Besatzer, der von ihm begrüßt wurde. Auch seine Rechtfertigung der indischen Atombewaffnung passt nicht zu den gewohnten Phrasen des Friedensnobelpreisträgers. Terroristen "hassen und legen keinen Wert auf Warmherzigkeit"? Was ist dann mit Shoko Asahara, Schützling des Dalai Lama, Gründer der japanischen Aum-Sekte und Hauptverantwortlicher für die tödlichen Giftgasanschläge in Japan Mitte der 90er Jahre?
Gute Beziehungen unterhalten die tibetischen Buddhisten ebenso zur rassistischen und antisemitischen Esoteriksekte der Theosophen wie auch zu alten und neuen Nazis. Die überlieferten, der "Erleuchtung" dienenden "sexualmagischen" Praktiken des Mönchsordens als frauenfeindlich zu bezeichnen, wäre untertrieben, denn diese schließen ursprünglich Vergewaltigung junger Frauen und sexuellen Kindesmissbrauch ein.
So schlimm die chinesische Besatzung auch war und in geringerem Maße immer noch ist: Ob ein buddhistischer Klerikalstaat der chinesischen Unterdrückung vorzuziehen ist, wage ich zu bezweifeln.
Klaus Blees
| Zu meiner Homepage
Zum Inhaltsverzeichnis meiner Website Zu meiner Linkliste |