Vorbemerkung (Juli 2005): Der folgende Leserbrief erschien in der Wochenendausgabe der Tageszeitung "Trierischer Volksfreund" vom 25./26.6.05. Er bezieht sich auf einen Bericht der Zeitung über den Besuch des Dalai Lama in Luxemburg. Pöbeleien in Form anonymer Anrufe blieben nicht aus.
 
 

Mehr Distanz, bitte!
Zum Artikel "Viel Liebe fürs kleine Land" (TV vom 11./12. Juni):

Sabine Schwadorf lässt in ihrem an Verklärung des Dalai Lama grenzenden Bericht jede Distanz, gar Kritik, vermissen. Dabei liegt doch die Frage nahe, welche demokratische Legitimation jemand hat, als "weltliches und geistliches Oberhaupt der Tibeter" zu sprechen, der schon als kleiner Junge
infolge eines okkultistischen Rituals zum Staatsoberhaupt erkoren wurde.

Allgemeinplätze von Frieden, Liebe und Mitmenschlichkeit zu predigen, ist einfach. Die Praxis des lamaistischen Buddhismus sieht leider anders aus. Der Dalai Lama führt eine traditionell extrem kriegerische Richtung des tibetischen Buddhismus an, die in langen Machtkämpfen alle Rivalen mit
blutiger Gewalt ausschaltete und schließlich die Oberhand gewann. Unter der feudalistischen Herrschaft der Lamas wurde die in bitterer Armut lebende Bevölkerung brutal unterdrückt und ausgebeutet, kleinste Vergehen wurden durch grausamste Strafen geahndet. Meint das der Dalai Lama, wenn er sagt, dass "materielle Werte allein auch nicht glücklich" machen?

Er gilt "als Zeichen für gewaltlosen Widerstand"? Zwischen 1958 und 1973 führte eine tibetische Untergrundarmee einen bewaffneten Kampf gegen die chinesischen Besatzer, der von ihm begrüßt wurde. Auch seine Rechtfertigung der indischen Atombewaffnung passt nicht zu den gewohnten Phrasen des Friedensnobelpreisträgers. Terroristen "hassen und legen keinen Wert auf Warmherzigkeit"? Was ist dann mit Shoko Asahara, Schützling des Dalai Lama, Gründer der japanischen Aum-Sekte und Hauptverantwortlicher für die tödlichen Giftgasanschläge in Japan Mitte der 90er Jahre?

Gute Beziehungen unterhalten die tibetischen Buddhisten ebenso zur rassistischen und antisemitischen Esoteriksekte der Theosophen wie auch zu alten und neuen Nazis. Die überlieferten, der "Erleuchtung" dienenden "sexualmagischen" Praktiken des Mönchsordens als frauenfeindlich zu bezeichnen, wäre untertrieben, denn diese schließen ursprünglich Vergewaltigung junger Frauen und sexuellen Kindesmissbrauch ein.

So schlimm die chinesische Besatzung auch war und in geringerem Maße immer noch ist: Ob ein buddhistischer Klerikalstaat der chinesischen Unterdrückung vorzuziehen ist, wage ich zu bezweifeln.

Klaus Blees
 
 
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