Vorbemerkung (Dezember 2001): Folgenden Beitrag hatte ich 1996 als Leserbrief an die wissenschaftskritische Zeitschrift raum & zeit geschickt. In meiner Kritik setze ich mich mit einem in Heft Nr. 81 (Mai/Juni 1996) erschienenen Artikel der österreichischen Esoterikerin Christine Schenk auseinander. Schenk vertritt den Glauben an einen zusätzlich zum physischen Organismus existierenden "feinstofflichen Körper" und ist auf Basis dieser Ideologie auch in der Ausbildung von Therapeuten tätig. raum & zeit hat meinen Text nicht veröffentlicht, ich stelle ihn also erstmals zur Diskussion. Zum angemessenen Verständnis empfehle ich, zuerst Schenks Artikel zu lesen, den ich hier verlinke:

Christine Schenk: Wie man den nichtmateriellen Körper wahrnehmen kann
 

Und meine Kritik daran :

Nichtmateriell

Leider verzichtet Frau Schenk vollkommen auf die Klärung der erkenntnistheoretischen Voraussetzungen ihrer Überlegungen und Modellkonstruktionen. Sie verwendet undefinierte Begriffe und spricht ihren persönlichen Erlebnissen Allgemeingültigkeit
zu. Okkultistische Vorstellungen mischen sich bei ihr mit einem mechanistisch-physikalischen Weltbild; was dabei
herauskommt, fällt weit hinter die Erkenntnisse zeitgenössischer Bewußtseinsforschung zurück, hat viel mit Dogmatismus und Aberglauben, aber kaum etwas mit Wissenschaft zu tun.

Vor allem den Begriff  "Feinstofflichkeit" verwendet sie in schwammiger Weise, gebraucht ihn dabei in einander widersprechenden Bedeutungen. Solch begriffliche Unschärfe wird schon offensichtlich, wenn ich das Wort "materiell" ins Deutsche übersetze, da bedeutet es nämlich schlicht "stofflich". Wie kann etwas (Fein-)Stoffliches nichtmateriell, also unstofflich, sein? Nun mag die Physik zwischen Materie im engeren Sinne und Energie unterscheiden, nichtsdestoweniger fällt elektromagnetische Strahlung in den Bereich der Physik, ist physikalischen Meßmethoden zugänglich,  und dies schließt wesentliche Aspekte dessen ein, was in der Esoterik als "Aura" bezeichnet wird. Die Biophotonenforschung ist Teilgebiet der (Bio-) Physik. Daß Biophotonenstrahlung erst mit der Verfeinerung physikalischer Meßverfahren nachweisbar wurde, zeigt gerade, daß es sich dabei um nichts Übernatürliches handelt, sondern um einen Bereich der physischen Natur, dessen Entdeckung eine entsprechende Weiterentwicklung bisheriger Meßtechnik zur Voraussetzung hatte. Gehören für Frau Schenk
elektromagnetische Schwingungen zur physischen oder zur nichtmateriellen Welt, oder sind sie nur bei Frequenzen jenseits der Wahrnehmungsschwelle nichtmateriell? Wäre dann UV-Strahlung nichtmateriell, und wie sieht's mit Infrarotstrahlung aus? Wenn Insekten Frequenzen jenseits des menschlichen Wahrnehmungsvermögens registrieren können oder sowas laut Frau Schenk teilweise sowieso nur eine Frage der Übung ist, welche Logik rechtfertigt dann eine Unterscheidung zwischen "materieller" und "feinstofflicher" Welt? Was ist mit der optischen Wahrnehmung von Gegenständen? Denn die kriegen wir ja nicht aufs Auge gedrückt, sondern Voraussetzung des Sehens sind die Lichtwellen, die von diesen Gegenständen ausgehen.

Einerseits macht Frau Schenk den Unterschied zwischen stofflicher und feinstofflicher Welt auf der physischen Ebene fest, indem sie zwischen Materie und Energieabstrahlung unterscheidet, aber auch zwischen langsam und schnell rotierenden Teilchen, wobei da noch zu fragen wäre, welcher Natur diese Teilchen sind, stofflicher oder nichtstofflicher? Ist der Unterschied etwa eine Frage der Geschwindigkeit?  - Andererseits definiert sie den Unterschied auf grundsätzlich andere, mit ersterem unvereinbare Weise, indem sie ihn als den zwischen physischer Ebene und Erlebnisebene ansieht, zwischen physisch Erfaßbarem hier, Gedanken und Gefühlen dort. Als seien die wahrgenommenen Dinge unserer Umwelt und unser wahrgenommener Körper nicht genauso Erlebnistatbestände wie unsere Gedanken und Gefühle! Denn wahrgenommen werden die Gegenstände unserer Umgebung nicht an ihrem physischen Ort, sondern im Gehirn, indem die von ihnen auf die Sinnesorgane ausgehenden Reize in diesen umgesetzt und über Nervenbahnen weitergeleitet werden. Im Gehirn entsteht dann unsere Umgebungswahrnehmung als eine Art Abbild der Umgebung.

Analoges gilt für unsere Körperwahrnehmung. Die Empfindung unseres Körpers ist ebenfalls nicht in den physischen Gliedern
und Organen lokalisiert, sondern bildet sich erst, indem, vermittelt über Sinnesorgane, Nervenimpulse zum Gehirn gelangen, wo dann die Körperwahrnehmung entsprechend als Quasi-Abbild des Körpers entsteht. Umgebung und Körper haben also als
Phänomene, als wahrgenommene Tatbestände, denselben physischen Ort wie die Gedanken und Gefühle, nämlich das Gehirn. Und genauso wie diese sind sie Erlebnistatbestände, gehören genauso zum Forschungsbereich der Psychologie, im Gegensatz zu ihren physischen Gegenstücken, die in den Bereich der Biologie fallen. Frau Schenk verfällt in einen weit verbreiteten Denkfehler, indem sie phänomenalen und physischen Körper, phänomenale Umgebung und physische Umgebung miteinander
verwechselt, die Ebenen durcheinanderbringt und so aus richtigen Beobachtungen falsche Schlußfolgerungen zieht.

Wenn der Ort der Phänomene das Gehirn ist und man berücksichtigt, daß der Begriff "Abbild" nur in einem eingeschränkten Sinne zu verstehen ist, läßt sich verdeutlichen, wie sich eine derartige Verwechslung als Hemmnis wissenschaftlicher Erkenntnis auswirken kann. Denn in die Welt der Phänomene gehen Sinnestäuschungen mit ein, im Extremfall - etwa in Träumen und anderen veränderten Bewußtseinszuständen - kommen Phänomene zustande, denen kaum Außenreize zugrundeliegen, die keine aktuelle Entsprechung in Außendingen haben, deren Entstehungsbedingungen also weitgehend auf Hirnprozesse beschränkt sind. Wenn ich im Traum durch einen Wald spaziere, liegt mein physischer Körper nichtsdestoweniger reglos im Bett, mit meinem geträumten Körper bewege ich mich dennoch durch einen ebenfalls geträumten Wald. Dabei kann sich mein Traumkörper genauso echt und "grobstofflich" anfühlen wie mein phänomenaler Wachkörper. Mit etwas Übung kann ich sogar meinen "grobstofflichen" Körper mit einem "feinstofflichen" Zweitkörper verlassen,  wobei beide Körper phänomenaler Natur sind. Die Fehldeutung dieses Erfahrungstyps als Austritt aus dem physischen Organismus hat zur Lehre vom Astralkörper geführt. Frau Schenk unterläuft der gleiche Irrtum, indem sie aus phänomenalen Sachverhalten die Vorstellung einer jenseits der Phänomene gültigen feinstofflichen Anatomie ableitet. Wenn sie dann auch noch bestimmte Arten von Traumgestalten als außerhalb von uns existierende "Natur-, Mythen- oder Engelwesen", gar als Verstorbene, einordnet, ist die Tür zum Spiritismus weit aufgestoßen.

Die Vielfalt menschlicher Erlebnismöglichkeiten, einschließlich des Spektrums nichtalltäglicher Bewußtseinszustände, gehört zu
unserer Natur, auch wenn hier vieles brach liegt. Dieses Potential zur Entfaltung zu bringen, ist eine sinnvolle Lebensaufgabe, gehört zu den vernachlässigten Grundbedingungen menschenwürdigen Daseins. Solche Entfaltung und Weiterentwicklung erfordert in der Tat Übung; diese Fähigkeiten jedoch mit dem Nimbus der "Hellsichtigkeit" zu verbrämen, verleiht denjenigen, die sich ihnen widmen, allzu leicht das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und eine Mission erfüllen zu müssen.

Unbestreitbar eröffnet die Erforschung dieser Möglichkeiten neue Wege der Selbstheilung, nicht nur auf psychischer, sondern
auch auf körperlicher Ebene. Denn die enge Wechselwirkung zwischen phänomenaler Welt und physischem Körper, zwischen dem Gehirn als zentralem Steuerungsorgan des Gesamtorganismus und diesem, läßt die Chance als Selbstverständlichkeit erscheinen, über Veränderungen im Phänomenalen körperliche Heilungsprozesse in Gang zu setzen oder zu fördern. Insofern kann auch die Arbeit mit den vermeintlich feinstofflichen Körperbereichen therapeutisch sinnvoll sein.

Durchbrüche in der Erhellung dieser Zusammenhänge hat eine von esoterischen Vorurteilen freie, ganzheitliche Bewußtseinsforschung gebracht, von der noch viel zu erwarten ist und als deren Pioniere vor allem Paul Tholey und Stephen
LaBerge zu nennen sind. Ihre Veröffentlichungen kann ich am Thema interessierten raum&zeit-Lesern wärmstens empfehlen.

Klaus Blees
 
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