Christine Schenk:
Wie man den nichtmateriellen Körper wahrnehmen kann
Und meine Kritik daran :
Nichtmateriell
Leider verzichtet Frau Schenk vollkommen auf die Klärung der erkenntnistheoretischen
Voraussetzungen ihrer Überlegungen und Modellkonstruktionen. Sie verwendet
undefinierte Begriffe und spricht ihren persönlichen Erlebnissen Allgemeingültigkeit
zu. Okkultistische Vorstellungen mischen sich bei ihr mit einem mechanistisch-physikalischen
Weltbild; was dabei
herauskommt, fällt weit hinter die Erkenntnisse zeitgenössischer
Bewußtseinsforschung zurück, hat viel mit Dogmatismus und Aberglauben,
aber kaum etwas mit Wissenschaft zu tun.
Vor allem den Begriff "Feinstofflichkeit" verwendet sie in schwammiger
Weise, gebraucht ihn dabei in einander widersprechenden Bedeutungen. Solch
begriffliche Unschärfe wird schon offensichtlich, wenn ich das Wort
"materiell" ins Deutsche übersetze, da bedeutet es nämlich schlicht
"stofflich". Wie kann etwas (Fein-)Stoffliches nichtmateriell, also unstofflich,
sein? Nun mag die Physik zwischen Materie im engeren Sinne und Energie
unterscheiden, nichtsdestoweniger fällt elektromagnetische Strahlung
in den Bereich der Physik, ist physikalischen Meßmethoden zugänglich,
und dies schließt wesentliche Aspekte dessen ein, was in der Esoterik
als "Aura" bezeichnet wird. Die Biophotonenforschung ist Teilgebiet der
(Bio-) Physik. Daß Biophotonenstrahlung erst mit der Verfeinerung
physikalischer Meßverfahren nachweisbar wurde, zeigt gerade, daß
es sich dabei um nichts Übernatürliches handelt, sondern um einen
Bereich der physischen Natur, dessen Entdeckung eine entsprechende Weiterentwicklung
bisheriger Meßtechnik zur Voraussetzung hatte. Gehören für
Frau Schenk
elektromagnetische Schwingungen zur physischen oder zur nichtmateriellen
Welt, oder sind sie nur bei Frequenzen jenseits der Wahrnehmungsschwelle
nichtmateriell? Wäre dann UV-Strahlung nichtmateriell, und wie sieht's
mit Infrarotstrahlung aus? Wenn Insekten Frequenzen jenseits des menschlichen
Wahrnehmungsvermögens registrieren können oder sowas laut Frau
Schenk teilweise sowieso nur eine Frage der Übung ist, welche Logik
rechtfertigt dann eine Unterscheidung zwischen "materieller" und "feinstofflicher"
Welt? Was ist mit der optischen Wahrnehmung von Gegenständen? Denn
die kriegen wir ja nicht aufs Auge gedrückt, sondern Voraussetzung
des Sehens sind die Lichtwellen, die von diesen Gegenständen ausgehen.
Einerseits macht Frau Schenk den Unterschied zwischen stofflicher und feinstofflicher Welt auf der physischen Ebene fest, indem sie zwischen Materie und Energieabstrahlung unterscheidet, aber auch zwischen langsam und schnell rotierenden Teilchen, wobei da noch zu fragen wäre, welcher Natur diese Teilchen sind, stofflicher oder nichtstofflicher? Ist der Unterschied etwa eine Frage der Geschwindigkeit? - Andererseits definiert sie den Unterschied auf grundsätzlich andere, mit ersterem unvereinbare Weise, indem sie ihn als den zwischen physischer Ebene und Erlebnisebene ansieht, zwischen physisch Erfaßbarem hier, Gedanken und Gefühlen dort. Als seien die wahrgenommenen Dinge unserer Umwelt und unser wahrgenommener Körper nicht genauso Erlebnistatbestände wie unsere Gedanken und Gefühle! Denn wahrgenommen werden die Gegenstände unserer Umgebung nicht an ihrem physischen Ort, sondern im Gehirn, indem die von ihnen auf die Sinnesorgane ausgehenden Reize in diesen umgesetzt und über Nervenbahnen weitergeleitet werden. Im Gehirn entsteht dann unsere Umgebungswahrnehmung als eine Art Abbild der Umgebung.
Analoges gilt für unsere Körperwahrnehmung. Die Empfindung
unseres Körpers ist ebenfalls nicht in den physischen Gliedern
und Organen lokalisiert, sondern bildet sich erst, indem, vermittelt
über Sinnesorgane, Nervenimpulse zum Gehirn gelangen, wo dann die
Körperwahrnehmung entsprechend als Quasi-Abbild des Körpers entsteht.
Umgebung und Körper haben also als
Phänomene, als wahrgenommene Tatbestände, denselben physischen
Ort wie die Gedanken und Gefühle, nämlich das Gehirn. Und genauso
wie diese sind sie Erlebnistatbestände, gehören genauso zum Forschungsbereich
der Psychologie, im Gegensatz zu ihren physischen Gegenstücken, die
in den Bereich der Biologie fallen. Frau Schenk verfällt in einen
weit verbreiteten Denkfehler, indem sie phänomenalen und physischen
Körper, phänomenale Umgebung und physische Umgebung miteinander
verwechselt, die Ebenen durcheinanderbringt und so aus richtigen Beobachtungen
falsche Schlußfolgerungen zieht.
Wenn der Ort der Phänomene das Gehirn ist und man berücksichtigt, daß der Begriff "Abbild" nur in einem eingeschränkten Sinne zu verstehen ist, läßt sich verdeutlichen, wie sich eine derartige Verwechslung als Hemmnis wissenschaftlicher Erkenntnis auswirken kann. Denn in die Welt der Phänomene gehen Sinnestäuschungen mit ein, im Extremfall - etwa in Träumen und anderen veränderten Bewußtseinszuständen - kommen Phänomene zustande, denen kaum Außenreize zugrundeliegen, die keine aktuelle Entsprechung in Außendingen haben, deren Entstehungsbedingungen also weitgehend auf Hirnprozesse beschränkt sind. Wenn ich im Traum durch einen Wald spaziere, liegt mein physischer Körper nichtsdestoweniger reglos im Bett, mit meinem geträumten Körper bewege ich mich dennoch durch einen ebenfalls geträumten Wald. Dabei kann sich mein Traumkörper genauso echt und "grobstofflich" anfühlen wie mein phänomenaler Wachkörper. Mit etwas Übung kann ich sogar meinen "grobstofflichen" Körper mit einem "feinstofflichen" Zweitkörper verlassen, wobei beide Körper phänomenaler Natur sind. Die Fehldeutung dieses Erfahrungstyps als Austritt aus dem physischen Organismus hat zur Lehre vom Astralkörper geführt. Frau Schenk unterläuft der gleiche Irrtum, indem sie aus phänomenalen Sachverhalten die Vorstellung einer jenseits der Phänomene gültigen feinstofflichen Anatomie ableitet. Wenn sie dann auch noch bestimmte Arten von Traumgestalten als außerhalb von uns existierende "Natur-, Mythen- oder Engelwesen", gar als Verstorbene, einordnet, ist die Tür zum Spiritismus weit aufgestoßen.
Die Vielfalt menschlicher Erlebnismöglichkeiten, einschließlich
des Spektrums nichtalltäglicher Bewußtseinszustände, gehört
zu
unserer Natur, auch wenn hier vieles brach liegt. Dieses Potential
zur Entfaltung zu bringen, ist eine sinnvolle Lebensaufgabe, gehört
zu den vernachlässigten Grundbedingungen menschenwürdigen Daseins.
Solche Entfaltung und Weiterentwicklung erfordert in der Tat Übung;
diese Fähigkeiten jedoch mit dem Nimbus der "Hellsichtigkeit" zu verbrämen,
verleiht denjenigen, die sich ihnen widmen, allzu leicht das Gefühl,
etwas Besonderes zu sein und eine Mission erfüllen zu müssen.
Unbestreitbar eröffnet die Erforschung dieser Möglichkeiten
neue Wege der Selbstheilung, nicht nur auf psychischer, sondern
auch auf körperlicher Ebene. Denn die enge Wechselwirkung zwischen
phänomenaler Welt und physischem Körper, zwischen dem Gehirn
als zentralem Steuerungsorgan des Gesamtorganismus und diesem, läßt
die Chance als Selbstverständlichkeit erscheinen, über Veränderungen
im Phänomenalen körperliche Heilungsprozesse in Gang zu setzen
oder zu fördern. Insofern kann auch die Arbeit mit den vermeintlich
feinstofflichen Körperbereichen therapeutisch sinnvoll sein.
Durchbrüche in der Erhellung dieser Zusammenhänge hat eine
von esoterischen Vorurteilen freie, ganzheitliche Bewußtseinsforschung
gebracht, von der noch viel zu erwarten ist und als deren Pioniere vor
allem Paul Tholey und Stephen
LaBerge zu nennen sind. Ihre Veröffentlichungen kann ich am Thema
interessierten raum&zeit-Lesern wärmstens empfehlen.
Klaus Blees
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