Vorbemerkung (August 2002): Diesen spirituellen Schlüsselroman veröffentlichte ich unter Pseudonym in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 12, Dezember 1985.
Klaus Blees
 
 

DIE ROTE AMPEL
Abgeschlossener Roman von Henry Jekyll

Eine kleine Paranoia hatte Bruno ja wirklich. Seine Freunde und Bekannten empfanden seinen Spleen jedoch als harmlos und spielten das Spiel mit. Bruno öffnete nämlich grundsätzlich seine Post nicht selbst. Da er etliche Jahre in der Scene aktiv war, mußte er mit Feinden rechnen, die vor nichts zurückschreckten. Und jeder Brief, jedes Paket konnte eine Bombe sein. So ließ er seine Post eben von Mitgliedern seiner Wohngemeinschaft oder anderen Freunden öffnen. Ein schlechtes Gewissen brauchte er deswegen nicht zu haben, denn eigentlich rechnete er selbst - obwohl er damit rechnete - nicht ernsthaft mit einem Attentat.

So auch an diesem Vormittag des 3. Dezember 1985. *)

Er saß gerade mit seinem Wohngenossen Arnold beim Frühstück, als es klingelte und der Briefträger ein flaches Päckchen brachte. Bruno nahm es an der Haustür in Empfang und begab sich damit zurück zum Frühstückstisch. Als er auf das Päckchen blickte, fiel ihm die eigenartig verschnörkelte Handschrift auf, in der die Adresse verfaßt war. Es war eine Handschrift von der Art, wie er sie niemandem aus seinem Bekanntenkreis zutraute. Bruno suchte eine Absenderangabe und fand sie nicht. Das Päckchen war anonym!

Diese Erkenntnis löste schlagartig die schlimmsten Befürchtungen bei ihm aus. Nahm er normalerweise seine Paranoia selbst nicht ernst, so war die Sache diesmal vielleicht wirklich brisant! Deshalb hatte er jetzt auch ein schlechtes Gewissen, als er Arnold bat, das Päckchen in einigermaßen sicherem Abstand zu öffnen. Arnold lächelte verständnisvoll, zerriß das Klebeband, mit dem das Packpapier zusammengehalten wurde und brachte ein aufklappbares, einer Zigarrenschachtel ähnliches Holzkästchen zum Vorschein.

Arnold klappte die Schachtel auf. Ehe er sich versah, strömte aus dem Inneren eine blaue Wolke empor, ihm genau in die Nase. Im selben Moment verwandelte sich Arnolds Lächeln in einen vollkommen verklärten Gesichtsausdruck. Und dieser Gesichtsausdruck war Ausdruck der augenblicklichen absoluten Erleuchtung, die sich seiner bemächtigte. Bruno sah seinen Freund entgeistert an, der langsam aufstand und in großer Ruhe zur Tür schritt. Arnold verließ die Wohnung und ging in die Welt hinaus, wo er die Botschaft von Liebe und Wahrheit verkündete.

In den folgenden Monaten wurde Bruno, der inzwischen geschnallt hatte, daß die Wolke eigentlich für ihn bestimmt war, von einer zunehmenden Wut ergriffen. Dieses Gefühl entwickelte sich um so stärker, als Arnold immer mehr Jünger um sich sammelte, erst Tausende, dann Zehntausende, erst überwiegend Deutsche, dann auch immer mehr Amerikaner und Ausländer. Bruno dachte an die vielen Frauen, die Arnold hinterherliefen und die eigentlich für ihn bestimmt waren. Von den freundschaftlichen Gefühlen, die er einst für Arnold empfunden hatte, war nichts mehr übriggeblieben. Um so mehr fuchste es ihn, zu sehen, wie Arnold Haß und Eifersucht geißelte und stattdessen Liebe und Versöhnung predigte. Brunos Herz sann auf Vergeltung.

So saß er auch am Vormittag des 3. Mai 1987 brütend an seinem Frühstückstisch, als es klingelte. Er öffnete. Es war der Briefträger, der ein flaches Päckchen brachte, genau von der Art, wie es damals Arnold geöffnet hatte. Bruno nahm es in Empfang und setzte sich wieder an den Tisch. Er sah das Päckchen an: Es konnte kein Zweifel bestehen, die Adresse war in derselben Schrift verfaßt, wie damals, es handelte sich um denselben Absender, der wieder anonym bleiben wollte! Bruno fühlte das Blut in den Kopf steigen. Er nutzte seine Chance, riß das Papier von der Schachtel und - es war genau 10.23 Uhr - klappte diese auf. Im selben Moment gab es eine ungeheure Detonation und Brunos zerfetzter Körper stürzte zu Boden.
 

EPILOG

Am Morgen des 3. Mai 1987 war Arnold gerade dabei, im Light Center die allmorgendliche Light Session abzuhalten. Hunderte von Jüngern hingen an seinen Lippen. Um 10.23 Uhr wandten sie sich von ihm ab. Auf sein Bemühen, die Ursache ihres Verhaltens herauszufinden, gaben sie ihm zu erkennen, sie hätten keine Lust mehr, noch länger auf einen Scharlatan hereinzufallen, der orientierungslose Menschen mit wohlklingenden Phrasen ködere. Dann verließen sie ihn endgültig. Arnold sah ihnen lange verständnislos nach. Der Ausdruck der Verklärung war von seinem Gesicht gewichen.

Am 7. Mai des Jahres 1987 wurde Bruno beerdigt. Dem Sarg folgte ein Zehntausende umfassender Trauerzug, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte, ein Trauerzug, der Menschen aller Herren Länder umfaßte.

*) Anmerkung des (Über)setzers: Im Hinblick auf den Entstehungszeitpunkt und den Erscheinungstermin in der katz bleibt der Charakter des Romans als Zukunftsroman gewahrt.
 
 
 
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