Vorbemerkung (März 2001): Die folgende Veranstaltungskritik erschien in dem Trierer Stadtmagazin die neue katz Nr. 4, April 1997. Sie hatte teilweise heftige Reaktionen zur Folge, unter anderem seitens des kritisierten Reinkarnationstherapeuten Sigdell und - mit umgekehrtem Vorzeichen - eines Redakteurs der linken Trierer Zeitschrift "Täglich", die vor wenigen Jahren ihr kurzes Leben aushauchte. Die Kontroverse gipfelte im Oktober 1997 in einer Podiumsdiskussion, an der außer Sigdell und mir die Astrologin und Reinkarnationsberaterin Didong und der damalige Sektenbeauftragte des Bistums Trier, Neusius, teilnahmen. Ein Teil der Kontroverse ist durch die untenstehenden Links dokumentiert, die Veröffentlichung weiterer Beiträge behalte ich mir vor.
Der Glaube, daß wir nicht nur einmal leben, sondern als Seelenwesen in verschiedenen Körpern mehrfach geboren werden und schon eine Anzahl Leben hinter uns haben, ist vor allem im Hinduismus und verschiedenen Strömungen des Buddhismus verankert. Doch auch in Westeuropa und den USA findet diese Lehre im Rahmen der Esoterikwelle immer mehr Anhänger, was unter anderem die Entstehung der "Reinkarnationstherapie" zur Folge hatte, die eine Reihe psychischer Leiden und körperlicher Erkrankungen auf schreckliche Erfahrungen in früheren Leben zurückführt und Heilung mittels Erinnerung und Wiedererlebens dieser Ereignisse verspricht. Mit Dr. Jan Erik Sigdell hatte dieReinkarnationstherapieDie Inhumanität des Irrationalenoder:
Akademie der Grenzwissenschaften für den 13.3.97 einen prominenten Reinkarnationstherapeuten zu einem Vortrag nach Trier geladen. Sigdell arbeitet mit einer nichthypnotischen, das Wachbewußtsein nicht ausschaltenden Methode, die Erinnerung bleibt also hinterher erhalten. Obwohl auf einiges gefaßt, erschreckten mich seine Ausführungen mehr als erwartet.Einen Großteil seines Vortrags nahmen Versuche ein, die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und Reinkarnationsvorstellung zu belegen, was ihm ziemlich plausibel gelang, da im frühen Christentum der Glaube an die Wiedergeburt verbreitet gewesen zu sein scheint, sich auf mehrere Bibelstellen stützen konnte und erst später
tabuisiert wurde.Vor allem bemühte sich Sigdell jedoch um eine Erklärung des Leidens, denn wie kann ein als allgütig und allmächtig postulierter Gott eine Welt voller Leid zulassen? Die Vorstellung von der Wiedergeburt kristallisiert sich aus seiner theologischen Argumentation als scheinbar einzig logische heraus: Leid ist nicht sinnlos, im Leid erleben Menschen das aus der Opferperspektive, was sie in einem früheren Leben anderen angetan haben und erhalten so die Möglichkeit, zu lernen und zu reifen. Millionen von Juden - so die unvermeidliche, von Sigdell unbestrittene Schlußfolgerung - sind durch die Nazis ermordet worden, weil sie alle in früheren Leben Schlimmes getan haben! Sigdell versuchte, die menschenverachtenden Konseqenzen solcher Ideologie wegzudiskutieren durch den Hinweis, der Holocaust sei nicht Strafe, sondern Lektion gewesen und die Verbrechen der Täter seien damit in keiner Weise zu rechtfertigen. Die SS-Schergen werden eben im nächsten Leben leiden. Eine esoterische Variante der Auschwitz-Relativierung.
Noch ein Beispiel, mit dem Sigdell sein Glaubenssystem illustrierte: Eine Frau, die vergewaltigt wird, braucht dies als Lehrstoff, denn im früheren Leben war sie selber Vergewaltiger.Die Echtheit vermeintlicher Erinnerungen an frühere Leben sieht er als mehrfach belegt an. In verschiedenen Fällen sei es gelungen, die erinnerten Ereignisse mittels historischer Quellen und Zeugenbefragungen zu bestätigen. Das lasse sich dann nicht mehr als symbolische Verarbeitung von Problemen des jetzigen Lebens erklären, obwohl er diese als Erklärung für einen Teil der Fälle anerkennt. Kryptomnesie, das Wiederauftauchen von Informationen, welche die Betreffenden mal irgendwo mitgekriegt und dann vergessen haben, läßt Sigdell ebenfalls nicht als Grund gelten, denn dann könnten die Erinnerungen nur Bruchstücke einer Biographie enthalten, nicht so umfassend und lückenlos sein. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob die Ereignisse, welche die Lücken füllen, gleichfalls einer
Überprüfung standhalten.
Mit welcher Vorsicht scheinbar zwingende Bestätigungen für die Richtigkeit derartiger Erinnerungen zu genießen sind, zeigt das Beispiel des Psychiaters Ian Stevenson, von dem eine der meistzitierten Studien mit diesem Anspruch stammt. Stevenson konnte nachgewiesen werden, nicht passende Daten so interpretiert oder zu-
rechtgebogen zu haben, daß sie dann doch noch als Belege für Reinkarnation herhalten durften. (Eine Kritik an Stevenson enthält das "Skeptische Jahrbuch 1997", hrsg. von Michael Shermer, Benno Maidhof-Christig und Lee Traynor. Aschaffenburg - Berlin 1996.)Wie eine Weiterexistenz möglich sein soll, wenn alle Gehirnfunktionen erloschen sind, versuchte Sigdell durch einen Vergleich mit modernsten Computern zu demonstrieren, die über automatisch angelegte Sicherungskopien Informationen auch dann erhalten, wenn das Gerät vollkommen kaputt geht. Analog werde beim Sterben alles auf einem vom Organismus sich lösenden Seelenkörper gespeichert. Ein Vergleich, der schon hinkt, weil Computer
kein Bewußtsein haben, abgesehen davon, daß Sigdell mit Belegen für die Existenz eines "Seelenkörpers" nicht aufwartete. Biologen werden sich auch ob seiner revolutionären Erkenntnis freuen, Keimzellen seien quasi tote Materie, zu deren Verschmelzung die Seele als Drittes hinzukommen müsse, um die Entstehung von Leben zu ermöglichen.Daß Rückführungen therapeutisch effektiv sein können, sei mit dieser Kritik nicht bestritten. Da es sich ganz offensichtlich um symbolische Verarbeitung von Problemen aus dem jetzigen, unserem einzigen Leben, handelt, erklärt sich ihr manchmal heilsamer Charakter. Das Verhaftetbleiben in einem spiritistischen Weltbild halte ich dennoch für ein Hindernis persönlichen Wachstums, der damit verbundene Geisterglaube kann neue Ängste aktivieren, die Verbrämung unmenschlicher Zustände durch diese Lehre dürfte eher dazu führen, sich mit diesen abzufinden als sie zu verändern.
Klaus Blees
Und weiter geht's:
Katz - where do you want to go today? - Kritik von Andreas Streim (as) an diesem Artikel in: Täglich Nr. 2, 16. April 1997
Leserbrief - Meine Antwort auf Andreas Streim in: Täglich Nr. 3, 30. April 1997
Reinkarnation - oder was? (1) - Juliane Neu zur Podiumsdiskussion am 17.10.97 in: die neue katz Nr.11, November 1997
Reinkarnation - oder was? (2) - Jens Busche zur Podiumsdiskussion am 17.10.97 in: Täglich Nr.11, 5. November 1997
Zurück zur Homepage