Vorbemerkung
(Januar 2005): Der folgende Veranstaltungsbericht erschien im Mitgliederbrief
2/2004 der Arbeitsgemeinschaft
Trier der Deutsch-Israelischen Gesellschaft vom 29.12.04. Zur "Berichterstattung"
des Trierischen Volksfreunds über die Veranstaltung hatte ich
am 29.11.04 einen Leserbrief abgeschickt, den die einzige Trierer Tageszeitung
nicht veröffentlichte. Er steht unter dem Titel "Der
Schoß ist fruchtbar noch" auf meiner Website.
Sekundärer
und primärer Antisemitismus
Am 14. November 2004 referierte
auf Einladung des sogenannten “Theologischen
Quartetts” die palästinensische Christin Viola Raheb im Bischöflichen
Angela-Merici-Gymnasium Trier. Der ursprüngliche Veranstaltungstitel
“Apartheidstaat
Israel” (ohne Fragezeichen) hatte im Vorfeld zu massiven Protesten
verschiedener Gruppierungen geführt. Schulleitung und Bistum hielten
es jedoch nicht für nötig, die Raumzusage zurückzuziehen.
In der Folge wurde die Veranstaltung mit der vermeintlich abgeschwächten
Formulierung
“Apartheid in Israel” beworben, während sich gleichzeitig
der Eintrittspreis von drei auf vier Euro erhöhte. Der Verlauf übertraf
dann die schlimmsten Befürchtungen.
Neben Frau Raheb saßen auf
dem Podium Hermann Münzel und Jutta Lehnert vom “Theologischen Quartett”
sowie Thomas Zuche von der Arbeitsgemeinschaft
Frieden und mit Katrin Großmann eine ehemalige Schülerin
des Gymnasiums. Moderator war Winfried Blasweiler vom “Theologischen Quartett”.
In seinen Begrüßungsworten
wünschte sich Oberstudiendirektor Müller als Gastgeber eine kontroverse,
aber faire Diskussion. Aber schon sehr schnell bestätigte sich, was
der Journalist Peter Bierl einige Monate zuvor in einem Vortrag, zu dem
ihn unter anderem die DIG AG Trier eingeladen hatte, geäußert
hatte: Nicht der Antisemitismus sei tabu, es sei vielmehr tabu, Antisemiten
als solche zu benennen. Weil in einem Brief von DIG und Jüdischer
Kultusgemeinde Trier der Veranstaltungstitel als Ausdruck von sekundärem
Antisemitismus gewertet wurde, verwahrte sich Hermann Münzel zu Beginn
dagegen, als “sekundärer Antisemit” bezeichnet zu werden und ließ
die Drohung einfließen, wenn ihn jemand so nenne, könne er auch
Strafanzeige erstatten.
Viola Raheb stieß mit ihrer
antiisraelischen Predigt beim größten Teil des Publikums auf
begeisterte Zustimmung. Einleitend erklärte sie, das palästinensische
Volk trauere um den wenige Tage zuvor verstorbenen Arafat. Ihre Anmaßung,
für “die” Palästinenser zu sprechen unterstellte diesen
also kollektive Trauer für einen Judenmörder und ließ den
Gedanken außen vor, es könne auch friedenswillige Palästinenser
geben, die froh sind über Arafats Abgang. Die Medienberichterstattung,
so Raheb, weise Arafat die Macht über Krieg und Frieden zu, so als
sei er der Hauptstolperstein auf dem Weg zum Frieden gewesesen. Wenn die
Gründe für den Konflikt aber nach Arafats Tod bestehen blieben,
gebe es keinen Frieden.
Die Besatzung bezeichnete sie als
rechtswidrig, sie mache ein menschenwürdiges Leben unmöglich.
Mehrfach sprach sie von Verstößen Israels gegen UN-Resolutionen.
Besatzung und Frieden seien nicht zu verbinden.
Israel sei eine Demokratie nur
innerhalb der eigenen Grenzen, aber das gelte nicht für Israels Verhalten
in den besetzten Gebieten. Dabei ging sie auf die Einteilung der Gebiete
in drei Zonen ein. Zone A, also die mit der weitestgehenden palästinensischen
Selbstverwaltung, umfasse nur 3 % der Westbank, das seien hauptsächlich
Ballungsgebiete. Abgesehen davon, daß diese Einteilung eine vorübergehende
ist und nicht den endgültigen Status eines Palästinenserstaates
betrifft, gibt Raheb damit zu, daß es sich um den Teil Arabisch-Palästinas
handelt, in dem der weitaus größte Teil der Bevölkerung
lebt. Siedlungen in der C-Zone verstoßen nach Raheb gegen die Genfer
Konvention. Die Siedler würden sich auf palästinensischem Boden
niederlassen, der während des osmanischen Reiches zum Teil enteignet
worden sei. In der Diskussion merkte sie noch an, seit der zweiten Intifada
gebe es faktisch keine Zonen mehr, es herrsche ein kriegsähnlicher,
rechtloser Zustand. Ob sie wirklich nicht weiß, von wem die Intifada
ausging?
Zusätzlich zu den bisherigen
Behinderungen gebe es seit zwei Jahren Behinderungen durch den Bau der
Mauer, wie der israelische Sicherheitszaun in der antizionistischen Propaganda
heißt. Sie sagte, die Mauer werde gebaut, um palästinensischen
Boden zu Israel zu annektieren, ohne Belege für diese schwerwiegende
Unterstellung anzuführen. Die Mauer werde das Leben der Menschen für
Generationen kennzeichnen. Sie führe durch landwirtschaftliche Regionen
und zerstöre so Lebensgrundlagen. Zu den Feldern führende Tore
würden nur kurze Zeit am Tag geöffnet und die sie Passierenden
scharf kontrolliert.
Was in Palästina laufe,
sei rechtswidrig. Zwar sei Israel selbst kein Apartheidstaat, schränkte
sie ein, aber in den besetzten Gebieten habe Israel ein Apartheidregime
etabliert. Als "Belege" führte sie immer wieder Zitate aller möglichen
Leute an, die Israel Apartheid vorwerfen, darunter Mitglieder der “israelischen
Friedensbewegung", die das ja selber sagen würden. Darauf angesprochen,
daß Apartheid eine auf der Annahme verschiedenwertiger Rassen beruhende,
rechtlich fixierte systematische Trennung bedeutet und nicht eine – wenn
auch weitgehende – Einschränkung durch militärische Besatzung,
mußte sie passen und zugeben, daß sie Apartheid nicht in diesem
Sinne meine.
Sie sprach
von Menschen, die meinen würden, wer Unrecht mit Namen nenne, sei
antiisraelisch. Wer wolle, daß Israel bestehen bleibe, müsse
gegen dieses Unrecht vorgehen. In Deutschland würden Israelkritiker
auch sehr schnell als antisemitisch abgestempelt. Die deutsche Geschichte
habe jedoch nichts mit dem zu tun, was in Palästina geschehe. Der
Hinweis einer Zuhörerin auf das enge Bündnis der frühen
arabisch-palästinensischen Nationalbewegeung mit den Nationalsozialisten
stieß im Saal weitgehend auf taube Ohren. Der Popanz vom Antisemitismusvorwurf
für Israelkritiker wurde stattdessen in mehreren Wortmeldungen wiedergekäut.
Einziger
Podiumsteilnehmer, der zaghaft kritische Worte gegenüber Viola Raheb
fand, indem er feststellte, jüdische Mitbürger könnten sich
durch den Begriff “Apartheid” verletzt fühlen, war Thomas Zuche.
Die Veranstaltung
fand ihren skandalösen Höhepunkt, als ein aus der Türkei
stammender kurdischer Flüchtling den islamistischen Terror gegen Israel
anprangerte. Mit einem Zwischenruf denunzierte ihn einer der zahlreich
anwesenden Araber als bezahlten Agenten! Auf dem Weg nach draußen
folgte ihm der Zwischenrufer mit den Worten: “Bleib' stehn, du Scheißjude!”
Weder der Moderator noch die Podiumsteilnehmer reagierten auf diesen Vorfall.
Von dem Widerspruch, den Oberstudiendirektor Müller im Vorfeld für
den Fall eines polarisierenden Verlaufes noch angekündigt hatte, war
ebensowenig etwas zu vernehmen. Der "Trierische Volksfreund" brachte es
fertig, in seinem am 18. November erschienenen Bericht über den Vortrag
die antisemitischen Beschimpfungen völlig zu unterschlagen!
Die Organisatoren
dieser Veranstaltung brauchen sich über die Geister, die sie damit
gerufen haben, nicht zu wundern. Immerhin hat das Bischöfliche Generalvikariat
im Nachhinein Bedauern geäußert und erklärt, so etwas werde
nie wieder in einer bischöflichen Schule stattfinden.
Klaus
Blees