Vorbemerkung (August 2001): Dieser Bericht über einen Vortrag an der Uni Trier erschien in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr.9, September 1993. Fast auf den Tag genau acht Jahre nach der Veranstaltung stelle ich ihn ins Internet. An Aktualität haben die beschriebenen Zustände gewiß nichts eingebüßt.
 
 

Moderner Okkultismus

Täuschend echt

"Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht etwa an nichts mehr, sondern an alles." Chesterton
Unerwartet gut besucht war die Veranstaltung über "modernen Okkultismus", zu welcher der Uni-AStA am 3.8. Ulrich Tünsmeyer aus Berlin als Referenten ins Studierendenhaus eingeladen hatte. Als Beauftragter des Humanistischen Verbandes, einer der Tradition der Aufklärung  verpflichteten Organisation, stellte dieser ins Zentrum seines Vortrages das Anliegen, sich einzumischen gegen falsche Versprechungen und Ausbeutung durch eine Okkultbranche, deren Opfer leichtgläubige Menschen werden. Dabei beschränkte er sich nicht auf theoretische Ausführungen zu diesem Phänomen, sondern demonstrierte uns auf amüsante Weise mit allerlei Zaubertricks, wie leicht wir alle zu täuschen sind.

Okkultistische Praktiken - so Tünsmeyer - hatten in verschiedenen Epochen Konjunktur, in einer dieser Phasen leben wir heute. Ihre Verbreitung wird heute im Alltag gefördert durch eine unkritische Medienberichterstattung. Während viele Erwachsene ernsthaft ihr Leben danach ausrichten, ist die Attraktivität solcher Handlungen bei Jugendlichen vor allem von Neugier und Abenteuerlust geprägt. Doch aus dem Spiel wird oft Ernst, wenn Jugendliche die "Geister", die sie riefen, nicht mehr loswerden, wenn plötzlich, etwa beim Gläserrücken, bloßstellende oder bedrohliche Botschaften auftauchen. Vor allem Betroffene, die nicht erkennen, daß diese dem eigenen Unbewußten und der eigenen Erwartungshaltung entspringen, geraten dann in große Nöte.

Das Spektrum okkultistischer Phänomene und Praktiken ist sehr vielfältig, Tünsmeyer zählte Wunderheilungen, Astrologie, Pendeln, Kartenlegen, aber auch die Ufologie und vieles andere dazu, nicht zuletzt Germanenkulte mit häufigen Verbindungen zum Neonazismus.

Er setzte dem Glauben an das Übernatürliche die Tradition der kritischen Vernunft und des griechischen Rationalismus entgegen, für den das als wahr galt, was man erklären, für das man eine Ursache finden konnte. Zum griechischen Erbe gehörten aber, wie er ausführte, auch Gegenbewegungen zum Rationalismus, welche sich auf den Gott Hermes als dessen Widerpart bezogen und die Wirklichkeit als widersprüchlich, als voller Mysterien deuteten. Dieses hermetische Weltbild fand weite Verbreitung, wurde durch die Industriegesellschaft an den Rand gedrängt, überlebte jedoch in okkultistischen und spiritistischen Zirkeln und ist jetzt als Supermarkt wieder im Kommen. Die Okkultbranche hat es laut Tünsmeyer bisher in Deutschland auf einen Umsatz von 12-18 Milliarden DM gebracht.

Daß okkultistische Handlungen erstaunliche Effekte hervorbringen, stellte er dabei gar nicht in Frage. Das können ursachenlose Bewegungen, richtige Zukunftsaussagen oder zutreffende Persönlichkeitsanalysen sein. Aber was zunächst unerklärbar scheint, ist es deswegen noch lange nicht. Das zeigte er selbst dann anschaulich mit verschiedener Kunststückchen aus dem mitgebrachten Zauberkasten. Der Löffel, der sich zwischen seinen Fingern von selbst verbog oder seine hellseherischen
Fähigkeiten verloren ihren ungewöhnlichen Charakter erst, als er verriet, wie die Tricks funktionieren. Damit wurde zugleich deutlich, wie leicht unsere Sinne zu täuschen sind und wie wichtig es ist, allen außergewöhnlichen Erlebnissen mit einer kritischen Haltung zu begegnen. Diejenigen, die mit ihren "übernatürlichen Fähigkeiten" hausieren gehen, bedienen sich oft solcher Tricks aus dem Repertoire der Varietézauberei und mögen es überhaupt nicht, wenn professionelle Bühnenzauberer ihre Taten begutachten. Da lassen sie sich schon lieber von Wissenschaftlern testen, die - so Tünsmeyer - besonders leicht hinters Licht zu führen sind, weil sie als rationale Menschen die Objektivität ihrer Sinneswahrnehmungen nicht anzweifeln.

Eine undifferenzierte Gleichsetzung von Esoterik mit Okkultismus hielt er jedoch nicht für gerechtfertigt, und verschiedene dieser Praktiken können durchaus hilfreich sein, eine Vertiefung in die Bilder der Tarotkarten kann beispielsweise der Selbsterkenntnis dienen, wie er einräumte. Solche Methoden sind also nicht an sich okkultistisch, sondern werden es erst durch eine Interpretation, die sie in Verbindung mit übernatürlichen Kräften bringt.

Wiederholt warnte der Referent davor, mysteriös erscheinende Erlebnisse voreilig als unerklärbar zu deuten oder Berichten darüber ohne Überprüfung der näheren Umstände Glauben zu schenken. Auch wenn er manches nicht als unmöglich ausschließen wollte, so stand für ihn doch die rationale Erklärbarkeit aller vermeintlich übernatürlichen Ereignisse im Vordergrund. Dem, was angeblich nicht mit den Mitteln der Vernunft nachvollziehbar ist, stand er skeptisch gegenüber. Jedoch alles mit dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltbild Unvereinbare auf Täuschungen zurückzuführen oder zumindest als unbewiesen zu betrachten, geht meines Erachtens gleichermaßen an der Wirklichkeit vorbei und klammert wichtige menschliche Erlebensbereiche aus. Wissenschaftliche Theorien sind auch nur Modelle der Natur, die sich in der Geschichte häufig gewandelt haben. Da braucht es nicht zu verwundern, wenn Dinge geschehen, die mit diesen Modellen nicht übereinstimmen. Dann müssen diese halt geändert werden, statt - wie es viele Wissenschaftler tun - Geschehnisse zu leugnen oder - wie es viele Esoteriker tun - sie als übernatürlich zu deklarieren.

Obwohl ich nicht in allem mit ihm übereinstimme, hat mir Tünsmeyers Vortragsstil sehr gefallen. Ohne missionarischen Eifer, ohne Überheblichkeit machte er in sachlicher und dennoch unterhaltsamer Weise auf die Fallen aufmerksam, in die Naivität uns tappen läßt. Mit der Chesterton-Äußerung, die er zitierte, und die ich diesem Artikel vorangestellt habe, traf er genau den Kern.

Klaus Blees

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