Kritischer Patientenratgeber
Der verstorbene jüdische Arzt Robert Mendelsohn, einer der bekanntesten und radikalsten Medizin- und Pharmakritiker derÄrzte als Krankheitserreger
Mendelsohn, als Direktor verschiedener Kliniken wegen seiner kritischen
Haltung wiederholt zum Arbeitsplatzwechsel gezwungen, sieht in der schulmedizinischen
Ideologie eine Religion, keine Wissenschaft, betrachtet ihre Vertreter
folgerichtig
als Priester einer Kirche, die mit ihren bestenfalls nutzlosen, oft
aber Leib und Leben bedrohenden Ritualen weitgehend an die Stelle der traditionellen
Religionsgemeinschaften getreten ist.
Alle bedeutsamen Stationen des menschlichen Lebens - von der Geburt im Kreißsaal bis zum Tod auf der Intensivstation - laufen unter dem Segen und der Kontrolle der Ärzte-Priesterschaft ab. Der Reihe nach sind in dem Buch die verschiedenen Aspekte medizinischer Behandlung und ihre jeweiligen Gefahren, verbunden mit Tips zum Patienten-Selbstschutz, dargestellt.
Die Gefahren beginnen schon mit der Diagnosestellung, nicht nur aufgrund
der diagnostischen Verfahren selbst, sondern auch
wegen der von Laien häufig unterschätzten Wahrscheinlichkeit
der Fehldiagnose mit nachfolgender Fehlbehandlung. Im Folgekapitel werden
die gesundheitszerstörenden Wirkungen meist überflüssiger
medikamentöser Therapie an zahlreichen anschaulichen Beispielen verdeutlicht.
Operationen, die, wie Mendelsohn ebenfalls einleuchtend begründet,
nur in einem minimalen Bruchteil aller Fälle wirklich angebracht sind,
sieht er als "rituelle Verstümmelungen" an, die jedoch für Chirurgen
und Kliniken sehr profitabel sind und sonst überflüssige Planstellen
sichern. Krankenhäuser bezeichnet er als "Tempel der Verdammnis",
und das nicht bloß der Chirurgie-Opfer wegen. Insgesamt drohen den
Patienten dort vielfältige Gefahren, viele sterben nicht an ihren
ursprünglichen Erkrankungen, sondern an Infektionen und anderen Schäden,
die erst durch das Krankenhaus hervorgerufen werden, nicht zuletzt durch
die dort meist herrschenden katastrophalen hygienischen Bedingungen. Konsequenterweise
fordert Mendelsohn die Schließung eines Großteils der Kliniken
und die Beschränkung auf Stationen
für echte Notfälle.
Als besonders symptomatisch für die Tendenz der modernen Medizin,
natürliche Vorgänge zu Krankheiten zu erklären und als
solche zu handhaben, sieht er die Gynäkologie an. Er hat nicht
umsonst - von Haus aus Kinderarzt - zwei weitere Ratgeber-
Bücher dem frauen- und kinderfeindlichen Charakter der Schulmedizin
gewidmet Diese befindet sich in einem "Kreuzzug gegen die Familie", wie
er es ausdrückt, zerstört Strukturen gegenseitiger Hilfe, indem
sie Familienbande und Nachbarschaftsbeziehungen zerreißt, an ihre
Stelle die Kontrolle und das Weltbild der Experten setzt. Auch wenn in
seiner Idealisierung von Familie und Familientraditionen konservative,
christlich-jüdisch geprägte Moralvorstellungen sichtbar werden,
trifft Mendelsohns Kritik insofern ins Schwarze, als sie generell auf die
Schwächung liebevoller, solidarischer Formen des Zusammenlebens ausdehnbar
ist. Der Gott der schulmedizinischen Religion ist für ihn der Tod,
sie ist gegen das Leben gerichtet, was sich nicht zuletzt in Bestrebungen
ihrer Priesterschaft äußert, das Bevölkerungswachstum,
die Entstehung neuen Lebens, zu kontrollieren oder Sterbehilfe salonfähig
zu machen. Aber auch in diesem Zusammenhang treibt den Verfasser seine
Moral über's Ziel hinaus, hin zur Ablehnung von Selbstbefriedigung
und Homosexualität als lebensfeindlich, weil sie nicht der Fortpflanzung
dienen.
Mendelsohn beschränkt sich nicht auf die Beschreibung von Mißständen,
sondern untersucht auch die Gründe, aus denen das
Gros der Ärzte so verantwortungslos handelt und kein Vertrauen
verdient. Schon die Struktur des Medizinstudiums läßt
überwiegend Streber durchkommen, die auf Prestige und Macht über
andere aus sind statt darauf, Menschen zu helfen. Betrügereien - ob
Fälschungen bei wissenschaftlichen Studien oder getürkte Kassenabrechnungen
- sind dann in diesem Berufsstand keine Ausnahmen, von der Käuflichkeit
durch die Vertreter der Pharmaindustrie ganz zu schweigen. Charakterlich
sind Ärzte häufig für die Ausübung ihres Berufes ungeeignet,
was der Verfasser materialreich belegt.
Das Bild rundet er ab mit einem scharfen Angriff gegen das, was die
herrschende Medizin als Krankheitsvorbeugung verkauft,
ob es sich um Impfungen mit den dadurch angerichteten Schäden
oder Vorsorgeuntersuchungen handelt, denen zumindest Menschen, die sich
nicht krank fühlen, besser aus dem Weg gehen. Hier schließt
sich der Bogen zu seinen Bemerkungen über Diagnose und über die
Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen, die, wenn sie intakt
sind, die beste Krankheitsvorsorge bieten.
Damit leitet er abschließend über zur Formulierung der Grundsätze
einer neuen Medizin, die lebensorientiert ist im Gegensatz
zur alten, auf Selbstverantwortung, Selbstheilungskräfte und das
Potential solidarischen Zusammenlebens setzt. Die Betroffenen sind diejenigen,
die über ihr Leben selbst bestimmen sollen. Dies schließt politisches
Handeln ein, von dem Kampf für die Möglichkeit von Hausgeburten
bis zum Widerstand gegen Atomkraftwerke, für ihn Akte echter Krankheitsprävention.
Die neuen Ärzte haben dabei Partei zu ergreifen, auf der Seite der Gemeinden, in denen sie tätig sind. Ihre Rollen sind nicht mehr die von Kontrolleuren, sondern von Ratgebern, Beschützern und Unterstützern.
Ich wünsche dem Buch eine möglichst große Verbreitung,
ungeachtet dessen, daß Mendelsohns humanistische Radikalität
manchmal durch seine traditionellen moralischen Ansichten getrübt
wird. Die darin enthaltenen Informationen und Tips können für
sehr viele Patienten lebensrettend sein.
| Robert S. Mendelsohn: Trau keinem Doktor! Bekenntnisse eines medizinischen
Ketzers. 248 S. Mahajiva-Verlag, Holthausen/ ü. Münster 1988.
16.40 EUR.
Weitere Bücher Mendelsohns im selben Verlag: Männermacht Medizin (16.40 EUR) und: Wie Ihr Kind gesund aufwachsen kann... auch ohne Doktor! (17.50 EUR). |
| Aktueller Tip (Februar 2002): Kürzlich ist ein sehr empfehlenswertes Buch erschienen, dessen Inhalt starke Parallelen zu Mendelsohns Kritik aufweist. - Carl Wiemer: Krankheit und Kriminalität. Die Ärzte- und Medizinkritik der kritischen Theorie. 106 S. ca ira-Verlag, Freiburg 2001. 12 EUR. - Eine Besprechung des Buches hat Martin Büsser in der Tageszeitung "junge Welt" vom 14.1.02 veröffentlicht. |
Klaus Blees
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