Vorbemerkung (März 2003): Meine vor 10 Jahren in katz Nr. 4, April 1993 gemachten Vorschläge haben sich bis heute nicht durchgesetzt.
 


Männersprache

Vor allem in alternativen Presseerzeugnissen ist es üblich geworden, den Sprachfluß ab und zu durch denn Einbau eines großen "l" zu hemmen, um auf diese Weise den durch männliche Formen dominierten Charakter unserer "Muttersprache" zu unterlaufen. Diese nicht nur von mir als nervig erlebte Unsitte - der ich manchmal selbst gefrönt habe - ist sicherlich gut gemeint, aber eben nur das. Der Preis der Holprigkeit des Ausdrucks wird gezahlt für einen Lösungsversuch, der das zugrundeliegende Problem  lediglich verschiebt. Denn die "weibliche" Form entsteht im Deutschen in der Regel nur durch ein Anhängsel an die männliche, dem "Leser" steht die "Leserin" gegenüber, Ausgangspunkt bleibt auf jeden Fall der Mann.

Für eine Alternative könnte die englische Sprache als Vorbild dienen, indem die bisher männlich gebrauchten Worte ihres geschlechtsspezifischen Charakters entkleidet werden. Das weibliche Gegenstück zu "der Leser" wäre dann nicht mehr "die Leserin", sondern "die Leser", und die Schwierigkeiten mit der Pluralbildung wären ebenfalls vorbei. Bestimmt wär's am Anfang ungewohnt, aber jedenfalls nicht mehr holprig.

Allerdings habe ich nicht vor, die von mir vorgeschlagene Alternative in meinen Sprachgebrauch zu übernehmen, das wäre ein unsinniger Alleingang. Ich bleibe also vorläufig bei der traditionellen Form, im Bewußtsein, daß der Plural beide Geschlechter einschließt.

Was die häufige Ersetzung des Wortes "man" durch "mensch" angeht, so stellt sich dies für mich ähnlich dar, denn laut Duden-Herkunftswörterbuch gehen beide auf denselben Wortstamm zurück, wie auch das Wort "Mann". Ich sehe aber keinen Mangel darin, "man" weiterhin zu gebrauchen, denn allein schon durch die unterschiedliche Schreibweise zu "Mann" hatte es für mich schon immer neutralen Charakter. Mit "jedermann" sieht's da schon anders aus.

Bei genauem Hinsehen hat selbst das Wort "Feminismus" eine Frauen diskriminierende Bedeutung, wie ich aus einem Text im Kalender "Männer '93" schließe. Denn "femina" ist das lateinische Wort für "Frau", es setzt sich zusammen aus "fe", das von "fides" kommt und "mina". "Fides" bedeutet "Glauben", "mina" oder "minus" heißt "minder". Übersetzt ist "femina" demnach "die Mindergläubige". Das läßt sich natürlich positiv wenden, ist eigentlich ein großes Lob, aber so war's ursprünglich mit Sicherheit nicht gedacht.

Zum Schluß sei darauf hingewiesen, daß ich diesen Artikel als Diskussionsbeitrag verstehe. Über Stellungnahmen würde ich mich freuen!

Klaus Blees
 
 
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