Vorbemerkung (Mai  2003): Diese Vorstellung der sozialistischen Zeitung "links" erschien in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 7/8, Juli/August 1995. Der erwähnte Niedergang der Linken ging leider auch an ihr nicht spurlos vorüber: Ihr Erscheinen konnte nicht mehr lange fortgesetzt werden und wurde 1997 eingestellt. Die erschienenen Ausgaben sind allerdings - zusammen mit anderen linken Zeitschriften - archiviert auf CD-ROM erhältlich. Zahlreiche Artikel weisen nach wie vor eine erstaunliche Aktualität auf, was sich auch an den in meiner Besprechung angesprochenen Themenbereichen ersehen läßt.
Die von mir geäußerte Einschätzung, Mitglieder der alten Redaktion seien mit ihrer Befürwortung des 1991er Golfkriegs auf postmoderne bzw. sozialdemokratische Positionen eingeschwenkt, erhalte ich so pauschal heute nicht mehr aufrecht. Zwar halte ich deren Kriegsbefürwortung nach wie vor für falsch, kann jedoch ihre Motive besser nachvollziehen als zu dem Zeitpunkt, da ich den katz-Artikel schrieb.
 
 

ZEITSCHRIFT

Langer Atem

Wenn ich eine Zeitschrift seit über 20 Jahren abonniert habe und einen Großteil der Artikel sogar tatsächlich lese, brauche ich eigentlich nicht zu betonen, wie sehr ich sie schätze. 1969 von undogmatischen Linken gegründet, hat die "links" - mit dem Untertitel "Sozialistische Zeitung" - auch heute, wo der Zeitgeist was ganz anderes vorschreibt, grundsätzliche Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und die Suche nach Alternativen zu dieser Ordnung nicht ad acta gelegt. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, daß die Zeitschrift sich in ihrem Sozialismusverständnis nie mit den autoritären Regimen des "realen Sozialismus" identifizierte, von Anfang an die Bürgerrechtsbewegungen in den betreffenden Ländern unterstützte und folglich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Verbündeten keinen Grund zum Abschwören hatte. Trotzdem blieben manche Macher der "links" nicht ganz von der postmodernen Trendwende der westdeutschen Linken verschont, zeitweilig verlor sie an Kontur, ein Teil der Autoren schwenkte auf sozialdemokratische oder realogrüne Positionen ein. Das gipfelte anläßlich des zweiten Golfkrieges in Bestrebungen einiger Redaktionsmitglieder, den blutigen Überfall der USA und ihrer Alliierten auf den Irak zu rechtfertigen. Der daraufhin in Gang gekommene Klärungsprozeß führte zu einer Verjüngung der Redaktion und einer erneuten Linksorientierung, einschließlich der Rückbesinnung auf eine internationalistische und antimilitaristische Grundhaltung.

Inzwischen sind die meisten "links"-Beiträge wieder lesenswert, wenn auch der Stil einzelner Autoren zum Verständnis ein mehrsemestriges sozialwissenschaftliches Studium voraussetzt und mir manches auch aus inhaltlichen Gründen gegen den Strich geht. Informative und originelle Artikel, parteiisch, doch ohne dogmatische Scheuklappen und ohne Phrasendrescherei und Beschwörungsformeln geschrieben, helfen mir jedenfalls, meinen Horizont zu erweitern. Ihr politisches Spektrum reicht von linkssozialdemokratischer oder linksgrüner Ausrichtung bis hin zu radikalsozialistischen und autonomen Positionen. Ein Schwerpunktthema in jedem Heft gehört zum neuen Profil der "links", Schwerpunkte der letzten Ausgaben waren Gentechnik, neuer deutscher Nationalismus, Faschismustheorien, Menschenrechtspolitik und im letzten Heft (Mai/Juni) "Perspektiven linker Politik". Unter letztgenanntem Titel wird aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, was denn heute, angesichts des dramatischen Niedergangs der Linken, linke Politik überhaupt noch bedeutet oder bedeuten kann. Neben Grundsatzbeiträgen - unter anderem einer Kritik Joachim Hirschs an den Thesen Karl-Heinz Roths, die die "neue Weltordnung" auf eine Verschwörung multinationaler Konzerne zurückführen und ein neues, klassenbewußtes  und  kämpferisches Proletariat heranwachsen sehen - gehören dazu kritische Darstellungen der Situation der Linken in verschiedenen europäischen Ländern und in Lateinamerika. Paul Tiefenbach, zum kleinen Rest bei den Grünen verbliebener Linker gehörend, nimmt den Anpassungskurs seiner Partei auf 's Korn, der selbst schwarzgrüne Koalitionen nur noch als eine Frage der Zeit erscheinen läßt.

Von den nicht direkt dem Themenschwerpunkt untergeordneten Artikeln sind besonders erhellend Bernd Ladwigs Anmerkungen zum "Selbstbestimmungsrecht der Völker", mit dessen Mythologisierung nationalistische, völkische Ideologien erhebliche Teile der Linken erfaßt haben. Mit Gewinn gelesen habe ich auch die Beiträge zu Spanien, welche die politischen Verhältnisse in diesem Land für mich ein gut Stück durchschaubar machen, auch ohne daß ich mich damit bisher beschäftigt hätte. Die nachgewiesenen Verflechtungen des spanischen Staatsapparats und der regierenden SPD-Schwesterpartei PSOE mit rechtsterroristischen Killerbanden können Lesern schon die Haare zu Berge stehen lassen.

Der Schwerpunkt der Juli/August-Ausgabe wird sich mit den politischen Folgen der Globalisierung des Kapitalismus befassen.

All denen, die die neugeordnete Welt immer noch nicht für die beste aller Welten halten und die Hoffnung auf Veränderung hin zu menschenwürdigen Zuständen noch nicht ganz aufgegeben haben, sei die Lektüre der "links" wärmstens ans Herz gelegt.

Klaus Blees
 
 
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