Links-Links (Teil III)
Bisher wurden in dieser Serie zur Vorstellung
linker Websites ausschließlich Empfehlungen ausgesprochen. Dies betraf
die Seiten von Emperor's Clothes (www.tenc.net)
und Volker Radke (http://volkerradke.looplab.org/index.html)
in Heft 1 sowie die Site Martin Blumentritt's (http://www.martinblumentritt.de)
in Heft 2. Nachzulesen sind die Besprechungen auch im Internet, unter http://www.klausblees.de/Links-Links1.html
und
http://www.klausblees.de/Links-Links2.html.
Der dritte Teil dient der Kritik einer Tageszeitung, deren Online-Ausgabe
inhaltlich mit der Print-Ausgabe weitgehend identisch ist, weshalb ich
sie in dieser Rubrik behandle. Gemeint ist die
junge Welt
Die Zeitung gibt es seit 1947, sie wurde in der DDR als Organ der FDJ (Freie Deutsche Jugend) gegründet, erschien zunächst ein- bis dreimal wöchentlich, ab 1952 dann als Tageszeitung. Seit der Annexion der DDR existiert sie unter veränderten Besitzverhältnissen weiter, mit stark verringerter Auflage, wirtschaftlich des öfteren am Rande der Existenz. Heute gehört sie einer Genossenschaft. Ihre bundesdeutsche Phase war mit politischen Umorientierungen und Spaltungen verbunden. Zeitweilig von einem sehr heterogenen, in großen Teilen undogmatischen linken Autorenkreis getragen, spaltete sich die junge Welt 1997. Der undogmatischere Teil der Redaktion wurde hinausgedrängt und gründete die Wochenzeitung Jungle World (www.jungle-world.com, Besprechung in einer späteren Ausgabe). Dies führte zur Annäherung der jungen Welt an ein Spektrum zwischen PDS (bzw. deren linkem Flügel) und DKP, auch wenn dies nicht absolut gilt und zu den Autoren auch weiterhin beispielsweise Trotzkisten gehören. Für das Feuilleton gelten, wie anderswo auch, ohnehin besondere Gesetze: Da dürfen dann sogar Leute schreiben, die von den die Zeitung dominierenden Positionen erheblich abweichen.
Abonniert habe ich die Zeitung in der Folge des Krieges gegen Jugoslawien.
Denn sie vertrat eine konsequente Antikriegsposition. Statt in die antiserbische
Hetze einzustimmen, informierte sie kritisch und sachlich über die
Hintergründe der Zerschlagung Jugoslawiens. In der Vergangenheit machte
ich auch aktiv Werbung für das Blatt. Inzwischen ist dieses Verhältnis
in Ablehnung umgeschlagen. Teile halte ich zwar immer noch für lesenswert,
aber die negativen Seiten überwiegen. Die Beiträge zum ehemaligen
Jugoslawien, zum Balkan, überhaupt zu Osteuropa, sind auch heute noch
zu empfehlen. Gleiches gilt für die Artikel zur Situation in Lateinamerika,
insbesondere hinsichtlich der Solidariät mit den bedrohten linken
Regierungen in Kuba und Venezuela. Gewiß gibt die jW eine Vielfalt
wertvoller Informationen zu „traditionellen“ linken Politikfeldern, zur
Sozial- und Gewerkschaftspolitik, sie ist als wichtiges Hilfsmittel nutzbar
im Kampf gegen die Zerstörung der Sozialsysteme. Ein gelungener, origineller
Coup war da die Ausgabe vom 22.7.04, die aus einem vollständigen Nachdruck
des schikanösen Antragsformulars für das „Arbeitslosengeld II“
bestand. Die Online-Ausgabe enthält zwar nicht das Formular, aber
eine wörtliche Wiedergabe der zu beachtenden Vorschriften, nachzulesen
unter:
http://www.jungewelt.de/2004/07-22/002.php.
Die Schattenseiten des Blattes habe ich früher als Wermutstropfen in Kauf genommen, insbesondere ihren Antizionismus, die extreme Israelfeindschaft der meisten über den Nahen Osten schreibenden Autoren. Antisemitismus ist jedoch keine vernachlässigbare Größe. (1) Diesbezüglich ist allerdings nicht nur meine Toleranzschwelle gesunken. Die antizionistische Propaganda und Desinformation der Zeitung ist in den letzten Jahren ausgeweitet und verschärft worden, im Gefolge der Al Aksa-Intifada, des „Kriegs gegen den Terror“ und dann besonders vor, während und nach dem letzten Irak-Krieg. Die Berichte zum Irak reichten von Verharmlosung bis hin zum Lob des Baath-Regimes, wobei sich besonders jW-Irak-Korrespondentin Karin Leukefeld exponierte. Was dann zum Irak-Krieg und dem anhaltenden Bürgerkrieg verlautete, hatte nichts mit - legitimer und unbedingt notwendiger - Kritik der US-Politik zu tun, sondern offenbarte und offenbart ein völkisches, antiamerikanisches Weltbild. Besonders übel tut sich hier Werner Pirker hervor, dessen antiisraelische Tiraden sich schon vorher kaum vom Nazi-Jargon unterschieden. Pirker unterstützt, gemeinsam mit ein paar anderen jW-Autoren, offen den sogenannten „irakischen Widerstand“, womit nicht etwa die irakische Linke gemeint ist, sondern islamistische und baathistische, also faschistische Mörderbanden. Zu den Feindbildern von Pirker & Co. gehört auch die irakische Linke, Organisationen wie die Kommunistische Partei des Irak, die er als Verräter beschimpft und der Kollaboration mit den Besatzern bezichtigt, aber auch die links von der KP stehende Arbeiterkommunistische Partei des Irak. Proisraelische und antiislamistische Linke in Deutschland sind gleichfalls Objekte der Pöbeleien und Desinformationen der jW. Zu den Standartpinkelein gegen sogenannte „antideutsche Linke“ gehört die Unterstellung, rassistisch zu sein, womit vor allem deren Kampf gegen Islamisten und ihren Antisemitismus gemeint ist! Eine eigenwillige Neudefinition des Rassismusbegriffs, zu deren Durchsetzung in der Linken die jW wesentlich beiträgt. Am antideutschen Spektrum gibt es in der Tat vieles zu kritisieren, aber das ist nicht Aufgabe von Blättern wie der jungen Welt oder der jungen Freiheit! Eine unzulässige, bösartige Gleichsetzung der jW mit einem Naziblatt? Andere erkennen den Stallgeruch: So hat die NPD eine Rede des zum Pirker-Umfeld gehörenden, oppositionellen österreichischen KP-Mitglieds Otto Brunner auf ihre Website gestellt und mit einem lobenden Kommentar vesehen, denn der bekundet dort ebenfalls seine Solidarität mit dem völkischen Terror in Irak und Israel.
Nun ja, nicht alle jW-Redakteure und erst recht freien Mitarbeiter sind dem links-völkischen Spektrum zuzurechnen, Ulla Jelpke ist da beispielsweise auszunehmen. Im Feuilleton schreibt des öfteren Klaus Bittermann, ein Gegner des Antizionismus. Der schreibt allerdings, von seltenen Ausnahmen abgesehen, die Fußball-Bundesliga-Kommentare, amüsant zu lesen, aber kaum geeignet, das Gesamtbild des Blattes zu korrigieren. Ich habe also vor einigen Wochen das getan, wozu ich mich lange nicht aufgerappelt hatte: Mein Abo der jungen Welt gekündigt! Eine durchaus reversible Entscheidung - sollte das Blatt dereinst zu einem unverwechselbar antifaschistischen Profil zurückfinden und sich von Querfront-Aposteln trennen.
(1) Zum Verhältnis von Israelkritik und Antisemitismus siehe meinen Artikel „Ist Kritik an Israel antisemitisch?“ in dieser Ausgabe.
Klaus Blees
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