VORTRAG
Indische Atheisten in Trier
Die praktischen, humanistischen Konsequenzen einer atheistischen
Weltsicht lassen sich wohl kaum anschaulicher darstellen,
als dies der indische Philosoph Lavanam vom Atheistischen Zentrum in
Andhra Pradesh (Südindien) in seinem Vortrag am
23.8.94 im Multikulturellen Zentrum getan hat. Der Sohn eines Mitstreiters
von Gandhi war schon in einem atheistischen
Elternhaus aufgewachsen. Das Glück, nie mit den Folgen einer religiösen
Erziehung kämpfen zu müssen, dürfte teilweise die Gelassenheit
und Selbstverständlichkeit erklären, mit der er seine nichtreligiöse
Anschauung zum Ausdruck brachte, ohne jegliche Haßtiraden gegen Religionen
und dennoch im klaren Bewußtsein der Mechanismen, mit denen sie Menschen
in Unterdrückung und Abhängigkeit halten.
Hatte er schon von seinen Eltern gelernt, keinem Guru zu glauben, sondern nur das für richtig zu halten, was er selber nachvollziehen könne, so schilderte er an zahlreichen Beispielen, wie er diese Einsichten in seinem Leben auf schlichte und eben deshalb wirkungsvolle Weise anderen, in religiösen Traditionen aufgewachsenen Menschen vermitteln und ihnen damit ganz praktisch helfen konnte. Insbesondere "Unberührbare", Angehörige der untersten Hindu-Kaste, machte er immer wieder auf Widersprüche in ihrer Ideologie aufmerksam, brachte sie dadurch zum Nachdenken, was sie die Fähigkeit entwickeln ließ, für ihre Rechte einzustehen, auch wenn sie deshalb nicht zwangsläufig mit ihrer Religion brachen. Zu missionieren, Menschen zum Atheismus zu "bekehren", scheint ohnehin nicht sein Ding zu sein.
Jedoch sieht er im Atheismus die einzige Möglichkeit, die Trennung
zwischen den Menschen aufzuheben, da jeder Glaube an
Gott oder bestimmte Götter den Glauben an andere Götter ausschließt
und nur der Nichtglaube Universalität, die Vereinigung
der Menschen, ermöglicht. Was für den trennenden Charakter
von Religionen gilt, gilt - wie er betonte - gleichermaßen für
den
Nationalismus.
Der zweite Referent des Abends, der indische Religions- und Literaturwissenschaftler
Patri, wies auf indische Ursprünge sowohl aller großen Religionen
als auch der europäischen Sprachen hin. Er machte deutlich, daß
atheistische Textpassagen
untrennbare Bestandteile der klassischen Schriften indischer Philosophie
und Religion sind, Gott aus diesen Texten ohne Verlust des Zusammenhangs
auch ganz gestrichen werden kann. Riskierten im christlichen Raum die Verkünder
neuer Erkenntnisse Leib und Leben, so waren sie in der indischen Philosophie
ganz selbstverständlich akzeptiert. Möglich wurde dann auch die
Entstehung von Religionen, die - wie der Buddhismus - ganz ohne Gottesglauben
auskommen.
Anzumerken bleibt, daß Trierischer Volksfreund und RPR es nicht für nötig hielten, auf die Veranstaltung hinzuweisen.
Klaus Blees
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