Vorbemerkung (April 2003): Diese Veranstaltungsbesprechung erschien in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 9, September 1994.
 
 

VORTRAG

Indische Atheisten in Trier

Die praktischen, humanistischen Konsequenzen  einer  atheistischen Weltsicht lassen sich wohl kaum anschaulicher darstellen,
als dies der indische Philosoph Lavanam vom Atheistischen Zentrum in Andhra Pradesh (Südindien) in seinem Vortrag am
23.8.94 im Multikulturellen Zentrum getan hat. Der Sohn eines Mitstreiters von Gandhi war schon in einem atheistischen
Elternhaus aufgewachsen. Das Glück, nie mit den Folgen einer religiösen Erziehung kämpfen zu müssen, dürfte teilweise die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit erklären, mit der er seine nichtreligiöse Anschauung zum Ausdruck brachte, ohne jegliche Haßtiraden gegen Religionen und dennoch im klaren Bewußtsein der Mechanismen, mit denen sie Menschen in Unterdrückung und Abhängigkeit halten.

Hatte er schon von seinen Eltern gelernt, keinem Guru zu glauben, sondern nur das für richtig zu halten, was er selber nachvollziehen könne, so schilderte er an zahlreichen Beispielen, wie er diese Einsichten in seinem Leben auf schlichte und eben deshalb wirkungsvolle Weise anderen, in religiösen Traditionen aufgewachsenen Menschen vermitteln und ihnen damit ganz praktisch helfen konnte. Insbesondere "Unberührbare", Angehörige der untersten Hindu-Kaste, machte er immer wieder auf Widersprüche in ihrer Ideologie aufmerksam, brachte sie dadurch zum Nachdenken, was sie die Fähigkeit entwickeln ließ, für ihre Rechte einzustehen, auch wenn sie deshalb nicht zwangsläufig mit ihrer Religion brachen. Zu missionieren, Menschen zum Atheismus zu "bekehren", scheint ohnehin nicht sein Ding zu sein.

Jedoch sieht er im Atheismus die einzige Möglichkeit, die Trennung zwischen den Menschen aufzuheben, da jeder Glaube an
Gott oder bestimmte Götter den Glauben an andere Götter ausschließt und nur der Nichtglaube Universalität, die Vereinigung
der Menschen, ermöglicht. Was für den trennenden Charakter von Religionen gilt, gilt - wie er betonte - gleichermaßen für den
Nationalismus.

Der zweite Referent des Abends, der indische Religions- und Literaturwissenschaftler Patri, wies auf indische Ursprünge sowohl aller großen Religionen als auch der europäischen Sprachen hin. Er machte deutlich, daß atheistische Textpassagen
untrennbare Bestandteile der klassischen Schriften indischer Philosophie und Religion sind, Gott aus diesen Texten ohne Verlust des Zusammenhangs auch ganz gestrichen werden kann. Riskierten im christlichen Raum die Verkünder neuer Erkenntnisse Leib und Leben, so waren sie in der indischen Philosophie ganz selbstverständlich akzeptiert. Möglich wurde dann auch die Entstehung von Religionen, die - wie der Buddhismus - ganz ohne Gottesglauben auskommen.

Anzumerken bleibt, daß Trierischer Volksfreund und RPR es nicht für nötig hielten, auf die Veranstaltung hinzuweisen.

Klaus Blees
 
 
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