Vorbemerkung (Juli 2005): Dies ist
der Text eines Flugblatts, das ich bei der Gegendemo zu einem Naziaufmarsch
in Trier am 9.7.05 verteilt habe.
Oskar und die Nazis
Trier,
9. Juli 2005
Wir sind
heute zusammengekommen, um dem Marsch einer Bande brauner Kameraden durch
Trier entgegenzutreten. Die Nazis wollen durch Trier marschieren, und sie
dürfen das. Damit sie ihr Grundrecht auf nationalsozialistische Propaganda
wahrnehmen können, ist ein riesiges Polizeikontingent zu ihrem Schutz
aufgeboten. Nicht umsonst ist die Polizeipräsenz bei solchen Gelegenheiten
der bei Castortransporten vergleichbar, handelt es sich doch auch bei Nazischädeln
um Sondermüllbehälter.
Aber wir
dürfen nicht übersehen, daß die Nazis nicht nur durch die
Straßen marschieren. Sie marschieren auch Richtung Mitte der Gesellschaft,
und sie marschieren auf den linken Rand der Gesellschaft zu, denn aus dem
linken politischen Spektrum strömt ihnen nicht erst neuerdings ein
Gestank entgegen, der sie an den eigenen Stallgeruch erinnert. Neonazis
rufen ihre Kameraden jetzt dazu auf, der linken "Wahlalternative Arbeit
und soziale Gerechtigkeit" (WASG) beizutreten. Sie beziehen sich dabei
ausdrücklich lobend auf den aus der SPD ausgetretenen Oskar Lafontaine,
der bei der vorgezogenen Bundestagswahl für die Wahlalternative als
Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfahlen antreten soll. Lafontaine hatte
bei einem Wahlkampfauftritt in Chemnitz1 unter
anderem gesagt, der Staat müsse verhindern, "dass Familienväter
und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen
ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen". Für den NPD-Funktionär
Wulff ein Beweis dafür, daß die Basis der Wahlalternative "keineswegs
anti-national eingeschränkt ist", wie er sich ausdrückte.
Sprecher
sowohl der WASG als auch der mit ihr auf ein Wahlbündnis und eine
Fusion zusteuernden PDS weisen das Ansinnen der Nazis zurück. Sie
kanzeln Kritiker ab, von denen sie in die Nähe rechter Populisten
gerückt werden. Warum diese Aufgeregtheit? Hat Lafontaine diese Äußerung
etwa nicht gemacht? Hat die WASG ihn in Wirklichkeit doch nicht als Galionsfigur
aufgestellt, und zwar sehr gerne, in der Hoffnung auf Stimmengewinne? Oder
wollen diese Leute uns weismachen, sie hätten jemanden aufgestellt,
mit dem sie politisch nichts am Hut haben? Wissen sie am Ende gar nicht,
um wen es sich bei Oskar Lafontaine handelt?
Oskar und das Asylrecht
Lafontaines national-chauvinistische Ambitionen sind nicht neu. Ist es
denn vergessen, daß er es war, der 1993 innerparteiliche Kritiker
der SPD dazu brachte, für die Aufweichung des Asylrechts zu stimmen?
Und erst letztes Jahr stimmte er Schilys Vorschlag zu, Asylsuchende in
Auffanglagern an der afrikanischen Mittelmeerküste zu kasernieren.
Ebensowenig wird Lafontaine zum erstenmal von Nazis hofiert. In einer Presseerklärung
der NPD vom 6.9.2004 nach der saarländischen Landtagswahl wird deren
saarländischer Spitzenkandidat Marx so zitiert: "Wenn sich Oscar Lafontaine
in Sachsen (sic!) Asyl- und Ausländerpolitik wieder mehr hin zur Normalität
bewegt, ist eine Zusammenarbeit künftig möglich." Es gibt also
eine Gemeinsamkeit zwischen Marx und Lafontaine, auch wenn Oskars Marx
nicht Karl, sondern Peter heißt. Die NPD im Saarland darf sich freuen:
Letzten Dienstag hat Lafontaine auch noch seine Bundestagswahl- Direktkandidatur
in Saarbrücken angekündigt.
Oskar und die Folter
Es ist aber nicht nur Fremdenfeindlichkeit, die Lafontaine die Sympathie
von Stammtischbrüdern und braunen Kameraden einzubringen geeignet
ist. Er solidarisierte sich ausdrücklich mit dem ehemaligen Frankfurter
Polizei-Vizeprädidenten Daschner, der im Mordfall Metzler Folterdrohungen
gegen den Tatverdächtigen angeordnet und auch die Anwendung von Folter
erwogen hatte. Lafontaine rechtfertigte Daschners Vorgehen und sagte, er
hätte genauso gehandelt. Zur prinzipiellen Ächtung von Folter
ließ er im taz-Interview am 28.6.05 verlauten: "Diese von der großen
Mehrheit des Volks ebenfalls abgelehnte Prinzipienreiterei teile ich nicht."
So zeigt sich Populismus in Reinkultur.
Oskar gegen Israel
und Amerika
Bekannt sind auch Lafontaines Antiamerikanismus und seine feindselige Haltung
gegenüber Israel, Ressentiments, die er mit den Intitiatoren der heutigen
Nazidemo teilt, aber auch mit sehr vielen bürgerlichen und linken
Deutschen. Als Starredner einer Saarbrücker Demo gegen den Irak-Krieg
fragte er: "Glaubt denn wirklich jemand, es sei den Arabern zu vermitteln,
dass Amerika immer wieder ein Veto einlegt, wenn Israel verurteilt wird,
weil es Resolutionen der Vereinten Nationen missachtet?" Auch Lafontaine
kolportiert also den verbreiteten antisemitischen Mythos von der dauernden
Mißachtung von UNO-Resolutionen durch Israel.2
Wenn die USA die gröbsten Auswirkungen der antisemitschen Mehrheitsmeinung
in der UNO blockieren, mißfällt ihm das und nicht etwa der Umstand,
daß Israel im Verhältnis zu allen anderen Ländern die mit
Abstand meisten Verurteilungen durch die UNO einzustecken hat. Ein anderes
Lafontaine-Zitat: "Wird es im Heiligen Land je Ruhe geben? Noch regiert
das Alte Testament: Wer einen Menschen erschlägt, wird mit Tod bestraft
... Leben für Leben ... Auge um Auge ... Zahn um Zahn. Den Weg zum
Frieden weist das Neue Testament. Dort steht: Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst." Lafontaine bedient hier also das antisemitische Klischee
vom alttestamentarischen Rachegott, dem er das zur christlichen Erfindung
umgelogene jüdische Gebot der Nächstenliebe entgegenstellt. Damit
weiß er sich mit dem christlichen Antisemiten Franz Alt einig, mit
dem zusammen er auf einer Friedenskundgebung in Ramstein im März 2004
auftrat. Dort verharmloste Lafontaine den islamistischen Terror als Reaktion
auf das Vorgehen der USA.
Oskar und die Bombe
In seinem Buch "Politik für alle" fragt Lafontaine "mit welchem Argument
will man dem Iran Atomwaffen verbieten, wenn Israel - mit Zustimmung der
USA - über derartige Waffen verfügt?" Nun ist es nicht nur legitim,
sondern auch notwendig, für die Abschaffung aller Atomwaffen weltweit
zu kämpfen. Aber Lafontaine rechtfertigt ja hier gerade das iranische
Atomwaffenprogramm oder fordert zumindest Verständnis dafür.
Er wirbt um Verständnis für die Atomrüstung eines Regimes,
das aus seiner Absicht, Israel von der Landkarte zu tilgen, nie ein Hehl
gemacht hat. Abgesehen davon handelt es sich um ein Regime, das die Bevölkerung
im eigenen Land mit unglaublicher Brutalität unterdrückt, dessen
Ende also nicht nur wegen der Atomwaffen wünschenswert ist.
Die Nazis
wollen heute gegen Atomwaffen im Besitz der USA demonstrieren, nicht gegen
die nukleare Gefahr als solche. Sie wenden sich nicht etwa gegen die akute
Bedrohung, die das iranische Atomwaffenprogramm vor allem, aber nicht nur
für Israel bedeutet. Sie fordern den Abzug US-amerikanischer Truppen
aus Deutschland, also der Truppen, deren Anwesenheit, was immer sich kritisch
gegen sie einwenden läßt, das Wiedererstarken Deutschlands lange
Zeit begrenzt hat. Sie kämpfen nicht für die Auflösung der
Bundeswehr. Sie kämpfen gegen US-Imperialismus, nicht gegen EU-Imperialismus
und deutsches Großmachtstreben. Sie wenden sich ausdrücklich
auch gegen den „American way of Life“ und den „kulturellen Imperialismus“
der USA, an denen sie die Freiheiten und Genußmöglichkeiten,
welche die bürgerliche Gesellschaft bietet, in ihrem Wahn festmachen.
Sie fordern „freies Selbstbestimmungsrecht für alle Völker“ statt
Selbstbestimmung für alle Menschen. Sie treten nicht als Wolf im Schafspelz
zum heutigen Aufmarsch an, sie sagen deutlich, was sie wollen. Aber leider
werden viele ihrer Vorstellungen von einem Großteil der Friedensbewegten,
der Globalisierungskritiker und der Linken geteilt. Oskar Lafontaine bringt
diese Übereinstimmungen so deutlich wie wenige andere zum Ausdruck,
aber sie beschränken sich nicht auf ihn und seine neuen politischen
Freunde. Deshalb gilt:
Antisemitismus,
Antiamerikanismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit überall bekämpfen,
nicht nur bei den Nazis!
Anmerkungen: