Vorbemekung (Dezember 2005): "Kreationismus" ist die Bezeichnung für eine Lehre, die den Schöpfungsglauben in den Rang einer naturwissenschaftlichen Hypothese erheben möchte und die Evolutionstheorie als unbewiesen oder gar widerlegt betrachtet. Nicht nur in den USA, auch in anderen Ländern, nicht zuletzt Deutschland, wittern Kreationisten Morgenluft. So haben diese Ideologen in den letzten Wochen beispielsweise die Leserbriefspalten des "Trierischen Volksfreunds" für ihre Missionsversuche genutzt. In der Wochenendausgabe vom 3./4.12.05 erschien dort meine hier dokumentierte Antwort auf zwei dieser Leserbriefschreiber.

Scheinargumente
Zu den Leserbriefen "Wissen oder glauben" und "Darwin ist widerlegt" (TV vom 19./20. November):

Herr Hoddenbagh und Herr Debus versuchen in ihren Leserbriefen mit Scheinargumenten, Evolutionstheorie und Schöpferglauben gleichermaßen als Glaubenssysteme hinzustellen. Seriöse wissenschaftliche Theorien erheben aber keinen Absolutheitsanspruch. Es gehört zu ihrem Wesen, dass sie kritisiert, empirisch überprüft und gegebenenfalls ergänzt, verändert und im Extremfall verworfen werden können. Selbstverständlich gibt es auch Wissenschaftler, die Hypothesen wie Dogmen handhaben, aber damit weichen sie von wissenschaftlichen Standards ab. Insbesondere die Evolutionstheorie erfüllt jedoch die Kriterien einer aufgrund empirischer Befunde formulierten und von diesen gestützten Theorie.

Obwohl sich vergangenes Evolutionsgeschehen naturgemäß nicht direkt beobachten lässt, erklärt sie die Entstehung der Arten am vernünftigsten und plausibelsten. Darwin war weder allwissend noch frei von Irrtümern, aber entgegen dem Eindruck, den die Leserbriefschreiber zu erwecken versuchen, ist die Evolutionsforschung nicht bei Darwin stehen geblieben. Sie hat in einem noch lange nicht beendeten, kritische Auseinandersetzungen einschließenden Prozess dessen Theorie modifiziert und immer mehr Wissenslücken geschlossen. Deshalb wird ja auch vom Neo(!)darwinismus gesprochen. Die Annahme eines Gottes oder sonstigen Schöpfers ist hingegen ihrem Wesen nach nicht überprüfbar und hat daher in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Wer an die Erschaffung des Lebens durch ein höheres Wesen oder an dessen steuernden Eingriff in die Entwicklung glaubt, hat das Recht dazu und soll es auch behalten. Fundamentalistisch wird dieser Glaube jedoch da, wo er beansprucht, als wissenschaftliche Hypothese anerkannt und – in praktischer Konsequenz davon – im naturwissenschaftlichen Unterricht gleichberechtigt mit empirisch begründeten Theorien gelehrt zu werden. Derartige Bestrebungen unterlaufen die ohnehin nur sehr eingeschränkt vorhandene Trennung von Staat und Religion und sind mit dem Anspruch einer aufgeklärten, säkularen Gesellschaft nicht vereinbar.

Klaus Blees
 
 
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