KLARTRÄUME
Es ist Nacht. Ich liege wach im Bett in meinem Zimmer im 3. Stock und
blicke nach rechts rüber in die Ecke über dem Schreibtisch, konzentriere
mich auf diese Stelle. Plötzlich, ohne jeden Übergang, befinde
ich mich genau dort, auf dem
Schreibtisch. Ich überlege, was ich tun soll, kriege Lust, zum
Fenster rauszuspringen, um zu fliegen. Ich steige auf die Fensterbank,
springe und beginne, durch die Gegend zu schweben ...
Dieses Erlebnis hatte ich wirklich, und zwar bei vollem Bewußtsein. Allerdings lag mein Körper dabei schlafend im Bett. Das Geschehen läßt sich als Traumvorgang deuten, der sich jedoch von gewöhnlichen Träumen dadurch unterscheidet, daß ich währenddessen genau wußte, in welchem Zustand ich war. Derartige Erfahrungen, als "luzide Träume" oder "außerkörperliche Erlebnisse" bezeichnet, werden von der akademischen Psychologie fast total ignoriert, wenn nicht für unmöglich erklärt. Zu den wenigen Ausnahmen gehört Paul Tholey, der am 10. Juni im Rahmen der AStA-Alternativveranstaltungen sprechen wird. Tholey gebraucht für solche Phänomene den Begriff "Klarträume". Er führt seit Jahren systematisch wissenschaftliche Untersuchungen dazu durch.
Klarträume werden genauso real erlebt wie Ereignisse des Wachlebens und nach dem Aufwachen genauso gut erinnert. Die Denkfähigkeit - einschließlich des Wissens, gerade zu träumen - bleibt völlig erhalten, und ich kann den Ablauf durch aktives, gezieltes Handeln beeinflussen. Dies läßt sich auf vielfältige Weise nutzen:
So kann im Schlaf ein Beitrag zur Lösung persönlicher Probleme
geleistet werden, was am besten an Alpträumen zu verdeutlichen ist:
Statt schweißgebadet aufzuwachen, kann man sich dessen bewußt
werden, daß man "nur" träumt und sich
der Gefahr stellen. Wer z.B. im Traum regelmäßig von einem
Stier verfolgt wird, kann erleben, wie dieser dann zutraulich wird und
so diese Serie nächtlicher Schrecken beenden.
Auch für Künstler ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, Maler können phantastische Motive ausgiebig betrachten, Komponisten sich Konzerte mit noch nicht existierender Musik anhören usw.
Dies sind nur einige Beispiele, das Erlebnisspektrum ist wirklich unbegrenzt und reicht bis in mystische Dimensionen.
Es gibt Methoden, die Bewußtwerdung im Traum zu erlernen, sie
sind von Tholey und anderen ausführlich beschrieben worden. Zu kontinuierlichen
und tiefgehenden Erfahrungen zu kommen, erfordert jedoch viel Erfahrung
und Geduld und einen
verantwortungsvollen und vorurteilslosen Umgang mit der anderen Wirklichkeit.
Michael Endes "Unendliche Geschichte" ist da ein gutes Lehrstück.
Klaus Blees
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