In den Siebzigern und Achtzigern des inzwischen vergangenen Jahrhunderts war linke Solidarität mit dem „Kampf des palästinensischen Volkes“ gegen die „zionistische Besatzungsmacht“ Israel eine Selbstverständlichkeit, von marginalen Ausnahmen abgesehen. Antizionismus gehörte zu den Grundelementen einer Ideologie, deren Verfechter das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ überall auf dem Globus gegen „den Imperialismus“, insbesondere den der USA und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Marionetten, durchsetzen wollten. Die Forderung nach nationaler Selbstbestimmung der Palästinenser im eigenen Staat scheute keineswegs davor zurück, Israel das Existenzrecht zu bestreiten. Dies taten insbesondere deutsche Linke mit gutem Gewissen, eine Haltung, die auch der Verfasser teilte: Indem wir zwischen dem „künstlichen zionistischen Gebilde“ Israel und den „Menschen jüdischen Glaubens“ unterschieden, wiesen wir die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus zurück. Jede Kontinuität mit der deutschen Vernichtungspolitik konnte so bestritten werden, ein erheblicher Teil der Szene sah sogar in den Israelis die Nazis von heute, die einen Holocaust an den Palästinensern verüben würden.
Seit gut einem Jahrzehnt - unter anderem
in Zusammenhang mit dem zweiten Golfkrieg wie auch dem Ende der Sowjetunion
- ist in Teilen der Restlinken eine Umorientierung in Gang gekommen hin
zu einer - oft bedingungslosen - Solidarität mit Israel und der Benennung
des linken Antizionismus als Variante des Antisemitismus. Wichtigste Repräsentanten
dieses „antideutschen“ linksradikalen Spektrums sind die Initiative Sozialistisches
Forum (ISF), die Zeitschrift BAHAMAS und vor allem ein Großteil der
Autoren des Monatsmagazins „konkret“. Auf zwei in jüngerer Zeit erschienene
Bücher aus der proisraelischen Linken sei hier besonders hingewiesen:
Das Bändchen „Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten“ von der
ISF, in dem sie Aufsätze von 1991, dem Jahr des zweiten Golfkrieges,
neu aufgelegt hat, und den von „konkret“-Chef Hermann L. Gremliza anlässlich
der „zweiten Intifada“ herausgegebenen Sammelband „Hat Israel noch eine
Chance?“
Antisemitismus statt Staatskritik
Die kritisch-polemischen Texte der ISF decken den antisemitischen Charakter der linksdeutschen antizionistischen Ideologie auf, unter Einbeziehung einer materialistischen Analyse der Vorgeschichte und der Entstehungsbedingungen des „Nahost-Konflikts“: Die zionistische Ideologie diente dazu, die Juden als „Volk“ zu definieren und die Gründung eines noch nicht bestehenden jüdischen Staates vorab zu legitimieren, die organisierte zionistische Bewegung sah sich als „Staatspartei“ zur Ausübung staatlicher Funktionen berechtigt. Gefördert wurde diese Entwicklung durch die im modernen Antisemitismus und der nationalsozialistischen Massenvernichtung gipfelnde Verfolgung der Juden. Die Gewaltsamkeit des schließlich erfolgenden Staatsgründungsprozesses ist nichts spezifisch Zionistisches oder gar Jüdisches, sondern entspricht dem allgemeinen Gewaltcharakter von Staatlichkeit. Der Zionismus wird durch die Staatsgründung zur israelischen Variante des Nationalismus, der wie jeder andere Nationalismus ein „Volk“ konstituiert durch Ausgrenzung derjenigen, die als nicht dazugehörig definiert werden. Israel ist also zionistisch, so wie Frankreich französisch oder Spanien spanisch ist. Die Einordnung des Zionismus als „Rassismus“ geht an diesem Umstand vorbei und offenbart durch das Anlegen eines Sondermaßstabes ihr antisemitisches (Un-)Wesen. Gleichermaßen übersieht die Einordnung Israels als „Brückenkopf des Imperialismus“, dass Israel auf das Bündnis mit den USA angewiesen war (und vorläufig noch ist), bei Strafe des Untergangs.
Die Antinationalisten der ISF diagnostizieren bei der antizionistischen Linken ein Desinteresse an grundsätzlicher Staatskritik, welche mit dem praktischen Beispiel der Konstituierung des neuen Staates Israel unschätzbares historisches Anschauungsmaterial vorfinden könnte. Statt zu kritisieren moralisiert diese Linke und erklärt den Gewaltcharakter des israelischen Staates aus der besonderen Bösartigkeit des Zionismus.
Im Zionismus sieht die ISF eine falsche Antwort auf den Antisemitismus und nichtsdestoweniger die den Juden einzig mögliche. Von allen Nationalstaaten gilt ihr vor dem Hintergrund der Geschichte wie der aktuell fortbestehenden Drohung der Vernichtung der Juden Israel als der einzig legitime, der im Falle eines vielleicht doch noch erfolgreichen Kampfes für die klassenlose Weltgesellschaft als letzter zu verschwinden habe.
Die Erhellung des Wesens des „Nahost-Konflikts“ stellt die Basis dar, auf der die Autoren den linken Antisemitismus in Deutschland einer vernichtenden Kritik unterziehen. Ergänzt wird ihre Analyse durch drei Fallstudien über die (Un-) “Aufklärbarkeit der Antizionisten“.
Für mich war die Lektüre sehr lehrreich,
hatte doch vor Jahren schon ein ebenfalls von der ISF stammender Text meinem
bis dahin festgefügten antizionistischen Weltbild erhebliche Risse
versetzt und einen Prozess wachsender Gegnerschaft zum Antizionismus ausgelöst.
Trotzdem kann ich der ISF nicht überallhin folgen. Insbesondere, dass
sie im Glauben, dies sei zum Schutze Israels nötig, im zweiten Golfkrieg
den Angriff der Alliierten auf den Irak begrüßte, halte ich
für eine verhängnisvolle Fehlleistung, was gewiss nichts mit
Sympathien meinerseits für das irakische Regime zu tun hat, dem ich
ein baldiges Ende wünsche.
Demaskierter Antizionismus
Konkret(er) wird es in dem Gremliza-Band, dessen Herausgeber von ähnlichen Voraussetzungen ausgeht wie die ISFler. In den Beiträgen unterschiedlicher Autoren werden - in Form historischer Abrisse wie aktueller Bestandsaufnahmen und Quellenauswertungen - überwiegend Fakten präsentiert, welche die Berechtigung einer Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus untermauern und die existenzielle Bedrohung Israels belegen. Darunter befinden sich neben anderen Aufsätze zur Geschichte des arabischen Antisemitismus, des internationalen Rechts wie auch der Rolle der Vereinten Nationen im Zusammenhang mit dem Konflikt, eine Chronik der „Al-Aksa-Intifada“ und eine Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses der deutschen Linken zu Israel seit 1945.
Dabei wird eine Menge Mythen und Propagandamärchen demontiert, allen voran die Behauptung, die „Al-Aksa-Intifada“ sei als „spontaner Aufstand“ durch Sharons Besuch auf dem Tempelberg ausgelöst worden. Leicht belegen läßt sich auch, dass die Beseitigung Israels bis heute Ziel arabischer Staaten wie auch hochrangiger PLO-Vertreter ist. Auf einer Reihe von Landkarten in aktuellen Schulbüchern der palästinensischen Autonomiegebiete existiert Israel überhaupt nicht. Staatliche und halbstaatliche Stellen im arabischen Raum einschließlich solcher der palästinensischen Autonomiebehörde verbreiten unverblümt antisemitische Hardcore-Propaganda, einschließlich Holocaust-Leugnung und Behauptung einer „jüdischen Weltverschwörung“, letzteres auch unter ausdrücklicher Berufung auf die „Protokolle der Weisen von Zion“, die berüchtigtste antisemitische Fälschung der Geschichte.
Wie auch Antizionisten in Deutschland die antisemitische Katze direkt aus dem Sack lassen, ließ sich beispielhaft am 30. August in der Stadtgalerie Saarbrücken studieren, wo Gremliza - auf Einladung von Heinrich-Böll-Stiftung und Deutsch-Israelischer Gesellschaft - das Buch in einer Lesung vorstellte und eine Teilnehmerin sich nicht entblödete, mit dem wohl dämlichsten aller antisemitischen Sprüche aufzuwarten: Die Araber seien schließlich selber Semiten! Bis in die Linke hinein machen nach den jüngsten Anschlägen auf das World Trade Center Verschwörungs-“Theorien“ der Art die Runde, 4000 dort beschäftigte Juden seien am 11. September nicht zur Arbeit erschienen! Weitere Belege bringt Martin Kloke in seinem Beitrag über die deutsche Linke, in der es bezeichnenderweise kaum Empörung gab, wenn Palästinenser statt von Israelis von palästinensischen Milizen umgebracht wurden bzw. wenn arabische Staaten Massaker an Palästinensern zu verantworten hatten. Kloke skizziert auch die offenbar weitgehend in Vergessenheit geratenen Periode bis 1967, als in der Linken die Unterstützung für Israel deutlich überwog, bevor sie nach dem Sechs-Tage-Krieg zunehmend einer israelfeindlichen Haltung wich.
Damals schon warnten linke Intellektuelle vor dem die Oberhand gewinnenden Antisemitismus der „68er“. Einer von ihnen war der ehemalige Widerstandskämpfer und KZ-Häftling Jean Améry, dessen 1969 erschienener Essay „Der ehrbare Antisemitismus“ nichts an Aktualität verloren hat und deshalb dem Band vorangestellt ist.
Der Titel des Buches: „Hat Israel noch eine Chance?“ wurde auch direkt als Umfrage an verschiedene Kenner der Materie gerichtet, unter ihnen zwei ehemalige Botschafter Israels in der BRD und ein in Deutschland lebender palästinensischer Journalist, die um ihre Prognosen für das Jahr 2010 gebeten wurden. Unter den in einem gesonderten Kapitel abgedruckten Antworten ist gewiss die des Heidelberger (1) Sozialwissenschaftlers Micha Brumlik die originellste, aber mehr verrate ich hier nicht.
Den Autoren beider Bücher geht es ganz
und gar nicht darum, die Leiden der Palästinenser zu leugnen oder
herunterzuspielen. Eine Feststellung, die wohl kaum gegenteiligen Unterstellungen
vorbeugen wird. Obwohl beispielsweise Gremliza auf der erwähnten Saarbrücker
Veranstaltung unmissverständlich klarstellte, dass grundsätzliche
Solidarität mit Israel Kritik an der konkreten Politik israelischer
Regierungen durchaus einschließen kann und dass Israel wie jeder
bürgerliche Staat zu Gewalt greift, wurde er aus dem Publikum als
sich mit Israel identifizierender Palästinenserfeind angepöbelt.
Dabei musste er sich auch gegen falsche Freunde zur Wehr setzen: Als ein
Anwesender eine Vertreterin des Saarbrücker AStA unter Hinweis auf
ihre israelfeindlichen Aktivitäten angriff und Israel in einem Atemzug
mit dem „freien Westen“ verteidigte, erklärte Gremliza, bei aller
Kritik am Antisemitismus in der Linken sei er Marxist und Kommunist, der
Kapitalismus gehöre abgeschafft.
Zwischen Hamas und Bahamas
Das war vor dem 11. September 2001. Inzwischen hat die Situation erheblich an Brisanz gewonnen. Die Terroranschläge in den USA, hinter denen Islamisten vermutet werden und der diese als Vorwand nehmende US-geführte Angriffskrieg gegen Afghanistan haben die Auseinandersetzungen auch innerhalb der deutschen Linken verschärft. War, wie erwähnt, im zweiten Golfkrieg ein Teil der Linken - neben ISF auch weitgehend die „konkret“ - auf Unterstützung der Alliierten eingeschwenkt, so forderten jetzt Teile des „antideutschen“ Spektrums, insbesondere die BAHAMAS-Redaktion, schon bald nach den Anschlägen auf WTC und Pentagon ein kompromissloses militärisches Vorgehen gegen alle islamistischen Zentren, nicht nur in Afghanistan. Indem sie als unhinterfragbare Gewissheit unterstellen, die Anschläge gingen tatsächlich auf das Konto von Islamisten und deren eliminatorischen Antisemitismus mit dem der Nazis gleichsetzen, darin eine vergleichbare Bedrohung sehen, sind für die BAHAMASIANER dem Krieg der Anti-Hitler-Koalition analoge Gegenmaßnahmen unerlässlich. Nur durch den militärisch errungenen Sieg des Kapitalismus gegen seinen barbarischen Schatten sollen die Voraussetzungen für eine künftige kommunistische Revolution gesichert werden können.
Die Eingeborenen auf den BAHAMAS merken offenbar selber nicht, welche Geister sie da beschwören. Doch innerhalb des „antideutschen“, proisraelischen Teiles der Linken stoßen sie ganz und gar nicht auf einhellige Zustimmung. Im Novemberheft der „konkret“, das fast ausschließlich dem 11. September und seinen Folgen gewidmet ist, ist diese Position marginal, der deutlich überwiegende Teil der ansonsten sehr unterschiedliche Auffassungen vertretenden Autoren bezieht unmissverständlich Stellung gegen die US-Kriegsaktionen. Der den „Antideutschen“ zuzuordnende Günther Jacob etwa rechnet in seinem Beitrag „Manhattan Transfer“ nicht nur mit dem linken Antisemitismus der Tageszeitung „junge Welt“ ab, sondern übt auch scharfe Kritik an den BAHAMAS-Forderungen, deren Verwirklichung auf Massenmord hinauslaufe und in der Praxis eine maximale Gefährdung Israels bedeute.
Die Absurdität dieses Theaters sollte eigentlich alleine dadurch schon deutlich werden, dass die USA sich ausgerechnet mit islamistischen Terrorregimen zum „Krieg gegen den Terror“ zusammentun, mit Pakistan und dem vom Verlangen nach Vernichtung der Juden beseelten Saudi-Arabien, statt diese Länder auf Ersuchen der BAHAMAS zu bombardieren.
Und beim Erscheinen des Jahrbuchs wird schon wieder vieles anders sein. Ob besser, wage ich zu bezweifeln.
Anmerkung:
Literatur:
Initiative Sozialistisches Forum: Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie. Freiburg 2000
Hermann L. Gremliza (Hg.): Hat Israel noch eine Chance? Palästina in der neuen Weltordnung. Hamburg 2001
BAHAMAS Nr. 35 (Schwerpunkt Israel). Berlin, Sommer 2001
BAHAMAS Nr. 36 (mit den Stellungnahmen zu den Terroranschlägen). Berlin, Herbst 2001
konkret, Heft 11, November 2001. Hamburg. Beim Erscheinen des katz-Jahrbuches wird auch die Dezember-Ausgabe draußen sein und mit Sicherheit wieder einiges zu den an dieser Stelle behandelten Themen beinhalten.
Die BAHAMAS-Stellungnahmen zu den Anschlägen finden sich auch im Internet. Links darauf wie auch auf Kritiken daran und auf weitere diesbezügliche Texte habe ich auf meiner Website unter www.klausblees.de/Terror.html.
(Februar 2002): Unter anderem in den seither erschienenen konkret-Ausgaben wie auch in der BAHAMAS Nr. 37 ist der Fortgang der Auseinandersetzung dokumentiert. Meine "Terror-Link-Seite" wird entsprechend von Zeit zu Zeit erweitert.
Klaus Blees
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