Kuckucksei Islamophobie
Linke Aktivisten und Menschenrechtsgruppen haben sich dem Kampf gegen viele Arten von Diskriminierung verschrieben, denen Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Eigenschaften ausgesetzt sind. Sie kämpfen gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit) und Homophobie (Schwulenfeindschaft), gegen Sexismus (Frauenfeindschaft) und seit einigen Jahren auch noch gegen Islamophobie (Hass gegen den Islam und die Moslems). "Pro Asyl" etwa beklagt in einer Presseerklärung vom 13.7.06 eine seit Jahren beständige Zunahme der Islamophobie in Deutschland. Es gibt auch richtige Spezialorganisationen, so in Großbritannien die “Islamische Menschenrechtskommission” (Islamic Human Rights Commission - IHRC). Diese ist besonders rührig und kürt regelmäßig, verbunden mit einer Preisverleihung, den / die “Islamophobe des Jahres”. Dieser Preis ging unter anderem schon an Nick Griffin, den Vorsitzenden der faschistischen “British National Party” (BNP) und an die Journalistin Polly Toynbee. Eigentlich eine gute Sache, reaktionäre und fremdenfeindliche Kräfte auf diese Weise öffentlich bloßzustellen. Merkwürdig daran ist nur: Toynbee ist eine explizit antirassistische Linksliberale, eine säkular orientierte Frau, die nirgends Moslems diffamiert hat. Ihre Sünde besteht darin, sich gegen die Praktiken der islamischen Fundamentalisten und insbesondere deren Frauenunterdrückung gewandt zu haben. Hier offenbart sich beispielhaft der Sinn der ganzen Veranstaltung: Emanzipatorische, rationale Kritik islamisch begründeter Unterdrückungspraktiken und Menschenrechtsverletzungen zu diskreditieren und mit der Xenophobie und dem Rassismus von Gruppen wie der BNP in einen Topf zu werfen.
Der heute weltweit in Mode gekommene Begriff “Islamophobie” begann seinen Siegeszug 1996 von Großbritannien aus, wo er von einer “Kommission für britische Muslime und Islamophobie” (Commission on British Muslims and Islamophobia) popularisiert wurde. Die Ursprünge finden sich jedoch beim iranischen Mullahregime, das Frauen schon Ende der siebziger Jahre in diesem Sinne diffamierte, wenn sie sich dem Verschleierungszwang widersetzten. Um Widerstand gegen durchaus real vorhandene xenophobe Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen moslemischen Glaubens geht es unter diesem Label nämlich nicht. Aktionen gegen “Islamophobie” richten sich nicht nur gegen moderate Moslems, sie werden vielmehr wesentlich von faschistischen und neonazistischen Organisationen mitgetragen. Die 1953 in Jordanien aus dem Umfeld der Moslembruderschaft hervorgegangene Islamistengruppe Hisb ut-Tahrir, die in Großbritannien eine Kampagne „Stoppt die Islamophobie“ gestartet hat, unterstützt Selbstmordanschläge in Israel und möchte weltweit die Scharia durchsetzen. Der in Deutschland verbotene Verein arbeitete mit Neonazis zusammen. In Deutschland reihen sich denn auch Nazigruppen wie „Synergon Deutschland“ und Rechtskonservative wie Otto von Habsburg in den Kampf gegen „Islamophobie“ bzw. "Islamhetze" ein. Es gibt sogar eine englischsprachige Website, die sich „Islamophobia Watch“ (www.islamophobia-watch.com) nennt, für sich beansprucht, den „Krieg gegen den Islam“ zu dokumentieren und „Islamophobie“ ausdrücklich als „rassistisches Instrument des westlichen Imperialismus“ definiert. Die Islamophobie-Wächter teilen die Übeltäter in verschiedene Kategorien ein, und so gibt es dort auch eine Rubrik gegen linke Islamkritiker sowie eine, die denen aus dem säkularen Spektrum gewidmet ist. (1) Hofiert werden hingegen so nette Leute wie Hisb ut-Tahrir oder der den Islamismus in Talkshow-kompatibler Form präsentierende Tariq Ramadan, der 2003 auch offizieller Redner beim Europäischen Sozialforum in Paris war.
Nach der Logik solcher „Antirassisten“ hätte die Kritik des deutsch-völkischen Nationalismus eigentlich das Etikett „Germanophobie“ verdient, aus der rechtsextremen Ecke wird ja schließlich des öfteren der Vorwurf eines gegen Deutsche gerichteten Rassismus laut. So deutlich möchten die in diese Front eingereihten kulturrelativistischen Liberalen und Linken aber dann doch nicht werden. Auf die Idee, den Islamisten „Christophobie“ oder „Atheistophobie“ vorzuwerfen, ist von ihnen allerdings meines Wissens ebenfalls noch niemand gekommen.
Um tatsächliche Gewalt, Diskriminierungen und Benachteiligungen
gegenüber Moslems zu benennen, ist der Begriff „Islamophobie“ aufgrund
seines irreführenden und durch seine Entstehungsgeschichte diskreditierten
Charakters denkbar ungeeignet. Phobien sind im üblichen Sprachgebrauch
krankhafte oder irrationale Ängste, während Angst vor dem Islam
in seinen fundamentalistischen Varianten vollkommen begründet ist,
diese realistische, kritisch untermauerte Angst jedoch in die Begriffsdefinition
mit hineingemengt ist. Ob eine von den üblichen xenophoben und rassistischen
Ressentiments abweichende, spezifische Feindschaft gegen Moslems
in nennenswertem Umfang überhaupt existiert, ist ohnenhin noch die
Frage. Kenan Malik, ein aus Indien stammender britischer Publizist und
seit Jahrzehnten prominenter antirassistischer Aktivist ist dieser Frage
für Großbritannien anhand empirischen Materials nachgegangen.
Er kommt in seinem äußerst lesenswerten Aufsatz „The Islamophobia
Myth“ (2) zu dem Ergebnis, bei der „Islamophobie“ handele es sich im
Wesenlichen um einen Popanz. Die schlimmsten Wellen rassistischer und fremdenfeindlicher
Gewalt richteten sich in Großbritannien keineswegs gegen Moslems.
Zwar werden Moslems im Vereinigten Königreich diskriminiert, aber
in der Regel nicht, weil sie Moslems sind. Hauptbedingungen von Diskriminierungen
und Benachteiligungen sind Faktoren wie Klassenzugehörigkeit und Hautfarbe,
egal ob bei Moslems oder Nichtmoslems. Malik zeigt, wie die Beschwörung
von „Islamophobie“ unter anderem vom Problem des Rassismus ablenkt. Auch
wenn er sich auf Großbritannien bezieht, ist doch vieles auf Deutschland
und andere Länder übertragbar.
Gewiss gilt es, unter der Flagge der Islamfeindschaft daherhommenden xenophoben Aktivitäten entgegenzutreten, und so ist beispielsweise der von dem rechten Publizisten Udo Ulfkotte anvisierten Gründung einer antiislamistischen Partei nur der größtmögliche Misserfolg zu wünschen. Doch ist es ebenso notwendig, den Islamismus auf der Basis einer säkularen, humanistischen Haltung zu kritisieren und zu bekämpfen und dabei den Vorwurf der „Islamophobie“ als das zurückzuweisen, was er ist: ein Versuch, den Ausdruck emanzipatorischer Bestrebungen zu verhindern. Das sei denjenigen Vertretern der "multikulturellen Gesellschaft" ins Stammbuch geschrieben, die diesen Totschlagbegriff übernehmen, um ihre Toleranz gegenüber reaktionären, fundamentalistisch-islamischen Kräften oder gar die Kumpanei mit ihnen zu rechtfertigen.
Anmerkungen:
(1) Darüberhinaus gibt es länderspezifische
Rubriken. In der Deutschland-Rubrik werden bezeichnenderweise die iranische
Kommunistin Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, und
ihre aus der Türkei stammende Stellvertreterin Arzu Toker denunziert.
(2) http://www.kenanmalik.com/essays/islamophobia_prospect.html
(Seitenaufruf am 7.4.07)
Klaus Blees
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