Vorbemerkung (Februar
2008): Dieser Artikel erschien in HINTERGRUND - Zeitschrift für
kritische Gesellschaftstheorie und Politik Nr. IV - 2007.
Islam unter Naturschutz
Antirassisten verabschieden
sich von der Aufklärung und denunzieren Religions- und Gesellschaftskritik
Kritiker des Islam, des Islamismus und islamisch begründeter
Unterdrückungspraktiken und Verletzungen menschlicher Integrität
sehen sich häufig mit dem Vorwurf der "Islamophobie" und des Rassismus
konfrontiert. "Islamophobie" als analoger Begriff zu "Homophobie" für
Schwulenfeindschaft und "Xenophobie" für Fremdenfeindlichkeit suggeriert
damit eine vergleichbar diskriminierende Mentalität und erklärt
darüber hinaus die Kritik für krankhaft, denn unter Phobien werden
üblicherweise krankhafte, irrationale Ängste verstanden. Islamkritik
überschreitet aus dieser Sicht den Rahmen einer als gesund wahrgenommenen,
zulässigen Diskussion. Vielfach wird Antiislamismus mit Antisemitismus
verglichen oder gar direkt gleichgesetzt beziehungsweise als diesen ablösende
Haltung mit ähnlichen Konsequenzen beschrieben. (1) Derartige Vorwürfe
und Unterstellungen sind wiederholt ausführlich zurückgewiesen
und als Versuche entlarvt worden, islamische Herrschaftsverhältnisse
und Diskriminierungsmethoden gegen Kritik zu immunisieren und mittels Täter-Opfer-Umkehr
den Widerstand dagegen zu verhindern. (2) Es erfordert nämlich einige
Verrenkungen und einen sehr selektiven Umgang mit den Tatsachen, Islamkritik
in die rechte oder rassistische Ecke zu stellen.
Die Begriffsverwirrungen
des Georg Klauda
Typische Muster derartigen Vorgehens finden sich etwa
in dem Artikel "Mit Islamophobie gegen Homophobie?", den Georg Klauda von
der Gruppe FELS (Für eine linke Strömung) (*) in deren Zeitschrift
Arranca! (3) veröffentlicht hat. Klauda bezieht sich dort unter anderem
auf die in verschiedenen islamkritischen Publikationen erhobene Behauptung,
der Begriff "Islamophobie" sei 1979 von den iranischen Mullahs geprägt
worden, um Frauen an den Pranger zu stellen, die sich dem Schleierzwang
widersetzten. Er hält dem die von Bernhard Schmid schon vor Jahren
veröffentlichte "Richtigstellung" entgegen, dieser "nach europäischen
Wortbildungsregeln konstruierte Terminus" existiere im Persischen gar nicht.
(4) So berechtigt dieser Einwand zunächst ist, unterschlägt Klauda,
dass Bernhard Schmid trotzdem einräumt, das Mullahregime habe diese
Frauen sehr wohl als "gegen den Islam" oder "gegen die (islamische) Revolution"
bezeichnet, was im Kontext des Regimes natürlich eine Brandmarkung
bedeutet. Es handelt sich also um eine in ihrer Funktion zumindest verwandte
Begrifflichkeit. Dass sich Begriffe von einer Sprache in die andere oft
nicht wortwörtlich übersetzen lassen, ist eine Banalität,
was Klauda nicht daran hindert, von einer Fälschung zu sprechen. Eine
semantische Verzerrung liegt allenfalls darin, dass im Wort "Islamophobie"
explizit die Pathologisierung von Kritik mitschwingt. Doch handelt es sich
dabei ohnehin nur um einen Begriff aus einem ganzen Arsenal von Bezichtigungen,
mit denen Islamkritiker bedacht werden. So taucht bei Klauda selbst auch
die Zuschreibung eines "antiislamischen Rassismus" auf.
Der "antiislamische Rassismus" hat es allerdings in sich.
Es wäre nämlich zu fragen, was denn denn an der Kritik oder Zurückweisung
einer Religion oder Weltanschauung rassistisch sein soll! Der Kampf gegen
eine Ideologie und die aus ihr folgenden Handlungen KANN ungerechtfertigt,
diskriminierend, antiemanzipatorisch sein. Aber rassistisch? Hat irgend
ein Gegner des Islam diesen zu einem biologischen oder quasi-biologischen,
unveränderlichen Merkmal seiner Anhänger erklärt? Tun dies
nicht vielmehr orthodoxe Moslems, aus deren Sicht ein Verlassen des Islam
nicht möglich ist? Gewiss existiert in ernstzunehmendem Ausmaß
völkischer Rassismus auch gegenüber Moslems, aber nicht wegen
ihrer Religionszugehörigkeit, sondern wegen anderer, ebenso nichtmoslemische
Migranten betreffender Zuschreibungen. Niemand ist meines Wissens je auf
die Idee gekommen, den Antikommunismus als Spielart des Rassismus zu charakterisieren,
obwohl es sich beim Antikommunismus im Gegensatz zum Antiislamismus tatsächlich
um eine reaktionäre, gegen Emanzipationsbestrebungen gerichtete Ideologie
handelt. (5) Auch der Antikommunismus amalgamierte sich jedoch mit völkisch-rassistischer
Ideologie, wo er, vor allem in Nazideutschland, die als "Untermenschen"
klassifizierten "Russen" oder das "Weltjudentum" als Drahtzieher ausmachte.
Nichtsdestoweniger müsse, so Klauda, "völkischer
Nationalismus und vulgärer Ausländerhass" der Bevölkerungsmehrheit
von "Islamophobie" unterschieden werden, die ihre Bedeutung als "Elitendiskurs"
habe. Die richtige Einsicht, dass nun einmal völkisches Denken keine
Islamkritik ist, auch wenn es sich gegen Moslems richtet, ist für
ihn jedoch nur das Vorspiel, um auf linke und der Aufklärung verpflichtete
Islamkritiker einzuprügeln, als die er die "Eliten" in erster Linie
identifiziert. Aufhänger sind ihm dann vermeintlich und manchmal,
wie im Falle von Oriana Fallaci, auch tatsächlich fremdenfeindliche
Äußerungen von Linken oder Ex-Linken. Als "islamophob" wird
so beispielsweise der explizit linke Autor Horst Pankow denunziert, und
die Zeitschrift konkret, für die dieser schreibt, wird zur "linken"
(von Klauda in Anführungszeichen gesetzt) Zeitschrift.
Klauda möchte eine "seriöse" Verwendung des
"Islamophobie"-Vorwurfs von seinem "Missbrauch" durch fundamentalistische,
"sich den Zumutungen der Kritik" entziehende Gruppen abgrenzen. Doch lässt
er dann die Katze aus dem Sack, relativiert dieses Zugeständnis durch
einen Vergleich mit den "Instrumentalisierungen", denen angeblich "auch
andere solcher Begriffe" unterliegen und führt als "Beweis" einen
beliebten, der Selbstinszenierung als Opfer dienenden antizionistischen
Propagandamythos an: Die "regelmäßige und pauschale Denunziation
von Kritiker_innen der israelischen Siedlungs- und Besatzungspolitik als
vermeintliche 'Antisemit_innen' ".
Klaudas Hauptanliegen ist es jedoch, die Homophobie in
orthodox-islamischen Milieus trotz eindeutiger, von ihm selbst referierter
Befunde, durch Vergleiche herunterzuspielen und die linke Kritik daran
als nur vorgeschoben zu diffamieren. Dazu dient ihm zunächst der zutreffende,
von ihm ausführlich begründete Verweis auf nach wie vor weit
verbreitete schwulenfeindliche Haltungen in der nichtmuslimischen Bevölkerung.
Gleichzeitig unterstellt er linken Islamkritikern eine " Tendenz zur Essentialisierung
von 'Andersheit' " gegenüber Muslimen, also zur Zuordnung angeblich
unveränderbarer Merkmale. Belege dafür, dass Kritiker alle Muslime
als schwulenfeindlich oder bei Muslimen feststellbare Homophobie als unveränderlich
charakterisieren, bleibt er schuldig. Doch schaffen weder diese rhetorischen
Tricks noch Klaudas Hinweise auf die Akzeptanz von Liebesbeziehungen und
Zärtlichkeiten zwischen Männern in der Geschichte des Islam heute
vorhandene Übelstände aus der Welt.
Alles nur rassistische
Diskurse?
Gleichermaßen charakteristisch für derartige
Verleumdungen von Islamkritikern sind die Argumentationsmuster der Sozialwissenschaftlerin
Iman Attia, die ebenfalls die reale Existenz von "antimuslimischem Rassismus"
voraussetzt. (6) In reinstem postmodernem Jargon bestreitet Attia die Möglichkeit,
über den Islam etwas zu wissen: Orient und Islam "gibt es weder als
Region noch als Kultur." Das Wissen darüber gebe es nämlich nur
als Ausdruck dem herrschenden Diskurs entspringender "gesellschaftlicher
Konstruktionsprozesse". So lässt sie auf Fakten verweisende Kritik
schon im Vorfeld ins Leere laufen. Ähnlich wie Klauda gelten Attia
linke, feministische und / oder säkulare und atheistische Islamkritiker
als Teilhaber eines auf Ausgrenzung oder Unterwerfung ausgerichteten Herrschaftsdiskurses.
In der Kritik am Kopftuch entlarve "sich das vermeintlich emanzipatorische
Argument als kulturrassistisches", und statt "mögliche Ausdrucksformen
pluraler Lebensweisen gelten lassen zu können" würden Musliminnen
"auf 'westliche' Körper- und Sexualitätskonzepte sowie Kleiderordnungen
verpflichtet." Errungenschaften der Frauenbewegung werden also als spezifisch
"westlich" etikettiert und sollen nicht gleichermaßen für alle
gelten, weil dies "pluralen Lebensweisen" widerspricht, die für manche
eben Kopftuchzwang beinhalten. Folgerichtig missbilligt Attia auch die
"Aufregung über religiös begründete Wünsche nach geschlechtergetrennten
Sport- und Schwimmveranstaltungen".
Mit dem "Antisemitismusvorwurf" gegenüber Muslimen
erhalte "der antimuslimische Rassismus... ein weiteres zentrales Standbein",
belehrt uns Attia. Damit werde "sowohl die Diskriminierung und Ausgrenzung
von Muslimen gerechtfertigt" wie der eigene Antisemitismus infolgedessen
vernachlässigt werden könne. Attia parallelisiert "islamischen
Antisemitismus" und "jüdischen Antiislamismus" und setzt damit islamistische
Vernichtungswünsche und -drohungen gegenüber Juden und dem Staat
Israel mit den Reaktionen auf diese ganz realen Bedrohungen gleich.
Atheisten und Religionskritikern unterstellt sie, ihre
Kritik weitgehend auf den Islam zu beschränken und wirft ihnen allen
Ernstes vor, "christliche Dienstleistungen in Anspruch" zu nehmen! Als
sei es die Schuld von Nichtreligiösen, dass sich Sozialeinrichtungen
weitgehend und in vielen Regionen alternativlos in kirchlichen Händen
befinden. Aber vielleicht sollten Atheisten lieber verrecken, als sich
im Notfall in ein christliches Krankenhaus zu begeben.
Den Herrschaftsdiskursen zugerechnet werden von Attia
auch Veröffentlichungen von Autorinnen wie Necla Kelek und Seyran
Ates, die ihre Kritik an islamischen Unterdrückungspraktiken nicht
zuletzt aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen formulieren. Von ihren
Erlebnissen spricht Attia als von - in herabwürdigender Weise in Anführungszeichen
gesetzten - 'authentischen Erfahrungen'. Hier wird besonders deutlich,
wie wenig ernst sie das real Erlittene nimmt. Das kulturrelativistische,
postmoderne Geschwafel befreit vom Ballast der Aufklärung und rationalisiert
die Unfähigkeit, sich in das Elend anderer einzufühlen.
Anmerkungen:
(1) So meinte etwa der Generalsekretär
der Organisation der Islamischen Konferenz, Ekmeleddin Ihsanoglu, in einem
Interview mit der englischsprachigen türkischen Tageszeitung Today's
Zaman vom 30.8.2006: „Die Islamophobie nähert sich dem Niveau des
Antisemitismus der dreißiger Jahre.“ http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=36115
(Zugriff 20.9.2007)
(2) Für Großbritannien, von wo der bis dahin wenig gebräuchliche
"Islamophobie"-Vorwurf ab 1996 seinen weltweiten "Siegeszug" antrat, siehe
vor allem: Kenan Malik: The Islamophobia Myth, in: Prospect Februar 2005,
http://www.kenanmalik.com/essays/islamophobia_prospect.html (Zugriff 17.3.2007).
An der Diskussion hat sich der Verfasser dieses Artikels ebenfalls mit
mehreren Beiträgen beteiligt: Kuckucksei Islamophobie, in: Charlie
Churchills Papagei 5/2007, http://www.klausblees.de/Islamophobie.html.
Über Moslems nur Gutes, in: konkret Heft 10, Oktober 2007, http://www.a3wsaar.de/uploads/media/Konkret_10_01.pdf.
Islamophobie. Popanz oder neue Gefahr? in: MIZ Nr. 3/07, http://www.klausblees.de/Islamophobie-MIZ.html
(3) Ausgabe 37, 2007, http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=325
(Zugriff 23.12.07)
(4) In: Jungle World Nr. 52 vom 17.12.03, http://www.hagalil.com/archiv/2003/12/islamophobie.htm
(Zugriff 17.8.2007)
(5) Einschränkend ist zu sagen, dass aufgrund der irreführenden,
undurchschauten Etikettierung und Identifizierung des reaktionären
sowjetischen Herrschaftssystems als "kommunistisch" auch emanzipatorische,
insbesondere bürgerlich-radikaldemokratische Bestrebungen im antikommunistischen
Gewand daher kommen können.
(6) Iman Attia: Kulturrassismus und Gesellschaftskritik. In: Iman Attia
(Hg.): Orient- und IslamBilder. Interdisziplinäre Beiträge zu
Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Münster 2007. UNRAST-Verlag
(*) Korrektur (März 2008): Inzwischen wurde ich darauf hingewiesen,
dass Klauda wohl doch kein Mitglied der Gruppe FELS ist. Dies hatte ich
voreilig angenommen, weil sein Artikel in ihrer Zeitschrift erschienen
ist.
Klaus Blees