Vorbemerkung (Dezember 2003): Diese Buchbesprechung erschien in dem am 28. November 2003 herausgekommenen KRITISCHEN TRIERER JAHRBUCH katz 2004. Es kann angefordert werden bei Helmut Schwickerath, der Preis beträgt 5 Euro plus Versandkosten. Das Jahrbuch enthält außer meiner noch eine weitere Rezension dieses Romans. Also kauft Jahrbuch und Roman, dann könnt Ihr alles vergleichen.

 

DER WEG ZU GOTT

Das Genre des atheistischen Jenseitsromans ist mit „Stollbergs Inferno“ um ein Werk reicher. In der Geschichte, bei deren Entstehung Raymond Moody und Douglas Adams gleichermaßen Pate gestanden haben dürften, landet M.S. Salomons Held, der Religionskritiker Jan Stollberg, nach einem tödlichen Herzinfarkt zu seinem Entsetzen in der katholischen Vorhölle, auch noch in deren unterstem Ring, der Vorhölle der Todsünder. Furchtbare Folterverhöre warten auf ihn, aber er trifft dort auch auf etliche Promis, etwa Albert Camus, Friedrich Nietzsche und Karl Marx. Schließlich finden die Todsünder, vereint mit den Todsünderinnen, den Mut zum Aufstand gegen Gott, den sie mit Unterstützung von ganz unten beginnen. Wie's ausgeht, verrate ich natürlich nicht, auch nicht, wem sie außer Wilhelm Reich, Frank Zappa und Mahatma Gandhi auf dem Weg durch die anderen Vorhöllen sonst noch begegnen.

Der Roman ist ein satirischer Ritt durch die Philosophie- und Geistesgeschichte, er ist Komödie, Abenteuer- und Liebesgeschichte in einem. An manchen Stellen tritt der Autor auch als Pornoschriftsteller in Erscheinung, besonders bei der Schilderung von Jans Besuch in der Vorhölle der Unkeuschen, wo dieser den Verlockungen des katholischen Fegefeuer-Tantras erliegt. Das Buch wird an keiner Stelle langweilig und hat durchaus das Zeug zur Filmvorlage. Allerdings enthält es eine Reihe von Verkürzungen und gewagten Konstruktionen. Dem prominenten Todsünder Adorno wird ein durch und durch hölzerner Charakter zugeschrieben, was als Schlussfolgerung aus dessen Pessimismus dann doch an den Haaren herbeigezogen erscheint. Manche philosophischen Passagen sind sehr kritikwürdig, So läßt MSS seinen Helden die mechanistische Auffassung ausbreiten, es existiere keine Willens- und Entscheidungsfreiheit und damit auch keine wirkliche Unterscheidbarkeit von „Gut“ und „Böse“. Ausgerechnet ihn als Religionskritiker läßt er äußern, es gebe zu viele Menschen auf der Erde und macht ihn damit zum Verfechter der auf den reaktionären Theologen Thomas Malthus zurückgehenden Überbevölkerungsideologie

Die Darstellung philosophischer und politischer Positionen von im Roman agierenden historischen Personen durch zahlreiche Gespräche zwischen ihnen und Jan wird ergänzt durch ein Glossar mit Kurzbiografien der Beteiligten.
Michael Schmidt-Salomon: Stollbergs Inferno. Aschaffenburg: Alibri 2003. 241 Seiten. EUR 16

Klaus Blees
 
 
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