Vorbemerkung (Dezember 2004): Diese Buchrezension erschien in dem am 30. November 2004 herausgekommenen KRITISCHEN TRIERER JAHRBUCH katz 2005. Es ist im Trierer Buchhandel und anderen guten Geschäften erhältlich, kann aber auch angefordert werden bei Helmut Schwickerath. Der Bestellpreis beträgt 6 Euro plus Versandkosten.

 

ABGESTELLT

Wann ich vom “Familienstellen nach Hellinger” zum erstenmal gehört oder gelesen habe, weiß ich nicht mehr, aber es ist schon Jahre her. Gesehen habe ich darin eines der zahlreichen in der Psychoszene verbreiteten Verfahren, hatte aber keine Motivation, mich näher damit zu beschäftigen und mir ein Urteil über den Grad an Seriosität der Methode zu bilden. Das änderte sich deutlich durch meine Teilnahme am religions- und esoterikkritischen Kongress “Die ewige Wiederkehr des Religiösen” 2003 an der Universität Trier, bei dem auch der Hellingerismus thematisiert wurde und mir die Haare zu Berge trieb. Diese sowohl unter unqualifizierten Esoterik-Trainern als auch professionellen Psychotherapeuten und Sozialarbeitern sogar international extrem verbreiteten, von dem katholischen Ex-Missionar Bert Hellinger entwickelten Praktiken sind in jüngster Zeit zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Zeitschriftenartikel, Fernsehbeiträge und inzwischen mehrere Buchveröffentlichungen haben das Verfahren als gefährliche Scharlatanerie entlarvt. Der Studentische Sprecherrat der Universität München veranstaltete im November 2003 einen eigenen Kongress zur Kritik der Hellingerianer. Die Tagungsvorträge und einige zusätzliche Beiträge sind anschließend in einem Sammelband erschienen. Der prominenter Hellinger-Adept Franz Ruppert hat daraufhin beim Münchner Landgericht die Zensur einiger Buchpassagen durchgesetzt. Da die Erstauflage zu dem Zeitpunkt bereits weitgehend vergriffen und in Voraussicht des Urteils eine Neuauflage schon in der Produktion war, hielt sich der Schaden in Grenzen. In der Neuauflage sind die inkriminierten Passagen unter Beibehaltung des Sinnes geändert worden. Kurz vor Fertigstellung dieser Besprechung hat der Verlag die Revisionsverhandlung gewonnen, wird in der anstehenden dritten Auflage die Änderungen jedoch beibehalten.

Vorangestellt ist den Kongressbeiträgen das Skript eines Radiointerviews mit dem Psychotherapeuten Colin Goldner, der die Tagung moderierte. Darin umreißt er den reaktionären, menschenverachtenden Charakter der Methode. Hellinger setzt eine naturgegebene, streng hierarchische Ordnung in Familie wie Gesellschaft voraus. Missachtung dieser Unterordnung führe zu Krankheit, das “Familienstellen”, aber auch das über Stellvertreter vermittelte Stellen von Organisationen oder gar Völkern soll durch Wiederherstellung der gestörten “natürlichen” Ordung zur Heilung führen. Von Familientherapeuten als Teil seriöser Familientherapie entwickelt, wird das Familienaufstellen von Hellinger aus seinem Zusammenhang gelöst und als obskurer Humbug missbraucht.

Mehrere Experten gingen auf dem Kongress sowohl auf die Methode und ihre Gefährlichkeit als auch auf das faschistoide Weltbild Hellingers und seiner Schüler ein. Die meist in großen bis sehr großen Gruppen praktizierte Instant-”Therapie” bietet scheinbar schnelle Lösungen für alle möglichen psychischen Probleme an. Dieses “Gebrauchswertversprechen” macht aus Sicht des Psychologen Heiner Keupp von der Uni München das Verfahren so beliebt bei vielen Fachleuten. Für Keupp repräsentiert es einen rückwärtsgewandten, fundamentalistischen Typus der Lebensbewältigung, weswegen er Hellinger als den “C. G. Jung der Postmoderne” etikettiert. Die Psychologin Sabine Pankofer von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München diskutiert die “Aufstellungen” aus sozialwissenschaftlicher und sozialarbeiterischer Sicht und verwirft sie als ideologiebehaftet und untauglich. Sie zeigt, wie die gruppendynamischen Abläufe dort auch ganz anders gedeutet werden können, als es Hellinger & Co. tun. Die Sozialpädagogin Claudia Barth analysiert die braune Gesinnung Hellingers, für den der Nationalsozialismus notwendiger Ausdruck einer höheren, Täter und Opfer gleichermaßen in Dienst nehmenden Ordnung war. Wehrmachtssoldaten, die sich ihrem Mordauftrag verweigerten, sind laut Hellinger Drückeberger. Insbesondere den Nachkommen der jüdischen Naziopfer empfiehlt er als “Therapie”, die Täter zu achten. Damit offenbart sich seine Lehre als therpapeutische Variante einer Rehabilitierung der Naziverbrecher. (*) Schließlich widmet sich der Psychologe Klaus Weber von der Fachhochschule München dem "Skandal Ruppert". Der bereits oben erwähnte Ruppert hat als Psychologie-Professor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München eine von ihm entwickelte Variante des Hellinger-Verfahrens in die Ausbildung von Sozialarbeitern integriert. Weil Weber aus einer Passage des Ruppert-Buches „Verwirrte Seelen“, in dem dieser „Kriegsfolgen“ als „die schwersten Traumafolgen“ bezeichnet, die Schlussfolgerung zog, für Ruppert hätten die deutschen Täter Schlimmeres erlebt als die Juden, mussten die betreffenden Formulierungen im Buch geändert werden. Auch Webers 2003 im Argument Verlag veröffentlichte Habilitationsschrift „Blinde Flecken“, in der er dieselbe Kritik formuliert, durfte auf gerichtliche Anordnung nicht mehr in der ursprünglichen Fassung verbreitet werden. Die oben vermerkte Aufhebung des Urteils schließt jedoch diese Veröffentlichung ein.

Ergänzend zu den Tagungsbeiträgen enthält das Bändchen weitere sehr erhellende Texte. Hans-Detlev von Kirchbach und Elmar Klevers, Redakteure beim WDR und Gewerkschafter, zeigen sich in einem offenen Brief an der Landesvorstand der GEW Nordrhein-Westfalen entsetzt, dass in deren Mitgliederzeitschrift nicht nur im Annoncenteil, sondern auch in der Ankündigung von GEW-Fortbildungsveranstaltungen Hellinger'sche Organisationsaufstellungen und andere zweifelhafte Verfahren angeboten werden. Nico Frühwind präsentiert kommentierte Ausschnitte aus dem Online-Diskussionsforum des "Virtuellen Bert Hellinger-Instiuts", in denen sich das Fußvolk der Hellinger-Bewegung mit den Kritikern auseinandersetzt, aber außer Pöbeleien, Verleumdungen und Unterstellungen kaum etwas zu bieten hat. Hellinger und seine Führungcrew haben in dem Forum jegliche Stellungnahme verweigert und dieses dann zum 30.9.2003 geschlossen. Claudia Kierspe-Goldner zeichnet die seit 2003 massiv zunehmende und aus immer mehr Richtungen geübte Kritik an den Hellingerianern nach, die ein weiteres Aussitzen nicht mehr erlaubt. Colin Goldner beschreibt die ersten Absetzbewegungen einiger Hellinger-Schüler vom Meister. Sofern es sich dabei um mehr als Lippenbekenntnisse handelt, gelten die Distanzierungen lediglich der Person Hellingers, ohne die Methode selbst in Frage zu stellen. Manche prominente Hellingerianer sind zwar nie zum Guru auf Abstand gegangen, möchten von Kritikern aber dennoch nicht mehr mit diesem in Verbindung gebracht werden und versuchen, sie mit juristischen Mitteln mundtot zu machen.

Der Band ist leicht lesbar und gut geeignet, sich einen kritischen Einblick in die Hellinger-Szene zu verschaffen. Zu bemängeln sind vor allem zahlreiche Wiederholungen, Überschneidungen, die sich aus dem Nebeneinander der Beiträge vieler verschiedener Autoren ergeben.

Anmerkung:

(*) Inzwischen hat sich die ideologische Ausrichtung auch geografisch niedergeschlagen. Hellinger ist neuer Hausherr des ehemaligen Hitlerdomizils am Fuße des Obersalzbergs. Siehe Goldner, Colin: Die Alpenfestung. In: konkret 6/2004, S. 52-53
 
Studentischer Sprecherrat der Universität München (Hrsg.): “Niemand kann seinem Schicksal entgehen...”. Kritik an Weltbild und Methode des Bert Hellinger. Alibri Verlag. Aschaffenburg 2004. 11 Euro

Klaus Blees
 
 
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