Vorbemerkung (Januar 2003): Diese Besprechung eines Vortrags über Feuerlaufseminare erschien in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 3, März 1997.
 
 

Unversengt

Für sich selbst durch's Feuer gehen

Ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde, barfuß über 700-900 °C heiße Holzkohle zu gehen, dieses als "Feuerlauf" oder "Feuertaufe" bekannte, seit über 4000 Jahren in verschiedenen Kulturen praktizierte Ritual zu vollziehen. Zahlreiche Menschen haben es getan, ohne irgendwelche Brandwunden davonzutragen; seit über 10 Jahren auch in den USA und Westeuropa auf kommerziell angebotenen Feuerlaufseminaren.

Der Feuerlauf-Seminarleiter Stephan Kaut berichtete am 3.2.97 in Trier auf Einladung der Akademie der Grenzwissenschaften über diese Praxis: Eingebettet sind solche Feuerläufe in intensive Vor- und Nachbereitungsphasen, der Feuerlauf ist Höhepunkt eines Selbsterfahrungsworkshops. Indem die Teilnehmer lernen, daß sie etwas vermeintlich Unmögliches tatsächlich können, lernen sie auch, diese Erfahrung auf den Alltag zu übertragen und dort Taten zu vollbringen, zu denen ihnen bisher der Mut fehlte. Fast alle, die an diesen Wochenenden teilnehmen, trauen sich schließlich, über die Glut zu laufen. Wichtig ist, die Angst nicht zu ignorieren, sondern sich mit ihr zu verbünden. Vom neuerlernten Umgang mit der Angst und mit den selbstgesetzten Grenzen profitieren aber auch diejenigen, die den Schritt auf die Glut nicht wagen.

Obwohl Feuerläufe traditionell in religiöse Umfelder eingebettet sind, kommt es Kaut nicht auf einen religiösen Hintergrund an, ihm ist es egal, was die Teilnehmer glauben; für ihn ist der therapeutische Charakter entscheidend. Genauso, wie ihn Erklärungsversuche von Naturwissenschaftlern für dieses Phänomen nicht interessieren, auch wenn sie richtig sein mögen, aber entscheidend sei die ERFAHRUNG des Feuerlaufs.

Auch wenn Stephan Kaut kein Vertreter eines dogmatisch-esoterischen Weltbildes zu sein scheint, so sehe ich in solchen Auffassungen dennoch Probleme und mögliche Fallstricke. Es ist für mich nicht gleichgültig, ob und wie sich etwas, zumal ein ungewöhnliches Phänomen, erklären läßt, besonders in einer Zeit der Hochkonjunktur des Aberglaubens, der Renaissance religiöser Weltbilder vor allem im esoterisch-okkultistischen Gewand, einer Zeit, in der rationales, aufklärerisches Denken zunehmend "out" ist. Bei Kaut mußten sogar wie historische Tatsachen vorgetragene Legenden als Beweise herhalten, wie die von der "Heiligen Catarina von Siena", die ins Feuer gefallen sein soll, ohne sich und ihre Kleidung zu verbrennen. Nicht so sehr er, aber andere Feuerlauf-Propagandisten sprechen gar von einem "Sieg des Geistes über die Materie" und zeigen damit, wohin der Hase auch bei größter Hitze laufen kann, nämlich aufs okkultistische Glatteis. Der Physiker Bernard Leikind, selbst ein leidenschaftlicher Feuerläufer, sieht die Erklärung hingegen schlicht in der schlechten Wärmeleitfähigkeit glühender Kohlen. Als Teilnehmer eines Feuerlaufseminars schnallte er sich unter die Füße rohe Schnitzel, die nach dem Gang über die Glut immer noch roh waren und entkräftete mit diesem Experiment auch praktisch die These, hier seien geistige Kräfte am Werk. (1)

Erklärungen zu beherzigen UND sich der ERFAHRUNG des Feuerlaufs, der eigenen Ängste, zu stellen, schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Das Wissen, daß es aus physikalisch erklärbaren Gründen sehr wohl möglich ist, unverletzt über glühende Kohlen zu marschieren, beseitigt zwar nicht automatisch die Angst, kann es aber doch erheblich erleichtern, mit dieser umzugehen. Und hier liegt auch der mögliche therapeutische Nutzen der Feuerlauf-Erfahrung: Nicht etwas Unmögliches, aber etwas SUBJEKTIV unmöglich ERSCHEINENDES vollbringen zu können und damit in der Tat eine auf andere Lebenssituationen übertragbare Modellerfahrung zu machen.

Anmerkung: (1) Bernard Leikind beschreibt seine Erfahrungen in einem Aufsatz mit dem schönen Titel "Besitzt rohes Fleisch Bewußtsein?", enthalten in "Skeptisches Jahrbuch 1997", Aschaffenburg 1996. Eine Besprechung dieses Buches ist in dem Trierer Stadtmagazin die neue katz Nr. 4, April 1997, erschienen.

Klaus Blees
 
 
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