Vorbemerkung (August 2002): Dieser Kommentar erschien
in dem Trierer Stadtmagazin katz Nr. 12, Dezember 1985. Aus meiner
heutigen Sicht handelt es sich um einen der, wenn nicht
den dümmsten
jemals von mir geschriebenen Artikel. Antizionist war ich wohl die
meiste Zeit meiner in den frühen 1970ern begonnenen linken Politisierung.
Anläßlich der Auseinandersetzung um dieses Fassbinder-Stück
und der Verhinderung der Frankfurter Uraufführung 1985 habe ich mit
diesem Artikel dann auch mal öffentlich die antizionistische Sau rausgelassen.
Der Artikel enthält so ziemlich alle Klischees des "linken" Antisemitismus,
wie sie auch heute wieder aufgekocht werden, einschließlich der vehementen
Zurückweisung jeglichen Antisemitismus-Vorwurfes. Tatsächlich
habe ich mich damals zu keinem Zeitpunkt als Antisemit gefühlt, was
vermutlich für den überwiegenden Teil damaliger wie heutiger
Antizionisten gilt. Eine Mentalität, die mit einem von Karl Kraus
geprägten Begriff am treffendsten als "verfolgende Unschuld" bezeichnet
werden kann.
Auf meine Website stelle ich den Kommentar als autobiographisch-zeitgeschichtliches
Dokument.
Ich untersage jede Weiterverbreitung ohne diese Vorbemerkungen.
Klaus Blees
"Kauft nur bei Juden"
Der Kommentar zum Fassbinder-Stück
Ich habe die Auseinandersetzung um Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" in den Medien verfolgt und inzwischen das Stück gelesen. Das Ganze erinnert mich stark an einen Vorfall, den die Kabarett-Gruppe "3 Tornados" mal erlebt hat, als sie in einem Sketch frauenfeindliches Verhalten parodierte und die Bühne von Feministinnen gestürmt wurde, die den Witz der Sache nicht verstanden. Der Antisemitismus-Vorwurf erscheint mir voll danebengegriffen, es sei denn, man macht diesen Vorwurf einem Autor deswegen, weil er Schauspieler in Rollen von Antisemiten auftreten läßt. Jedenfalls hätte es im Zusammenhang mit dem Inhalt des Stückes eher einen Sinn gemacht, wenn Neonazis die Frankfurter Uraufführung verhindert hätten.
Aber zunächst kurz zum Inhalt selbst: Hier wird die Zerstörung von Menschen durch eine unmenschliche Stadt geschildert, in der nur der Profit zählt. In der Geschichte benutzt ein jüdischer Bodenspekulant - solche gibt's z.B. in Frankfurt wirklich - seine Funktion, um sich für den Mord an seinen Eltern durch die Nazis zu rächen. Der Mörder verdient seinen Lebensunterhalt als Transvestit in Bars. Fassbinders "reicher Jude" erhebt dessen Tochter, eine Prostituierte, zur reichen Edelnutte, um ihren Vater zu erniedrigen. Daran geht sie kaputt, wird auf eigenen Wunsch von ihrem Förderer getötet. Diese Tat bleibt ungeahndet, die Stadt braucht ihn schließlich. Eine Schicksalsverkettung, die - wegen der deutschen Vergangenheit - etwas mit der jüdischen Herkunft dieses Menschen zu tun hat, in einer nicht sehr originellen Story dargestellt, aber nicht antisemitisch.
Ich will jedoch nicht weiter auf das Stück eingehen. Wer will, soll es selber lesen (mit Ansehen ist ja nix). Mir kommt es auf die nicht neue Symptomatik an, die sich in der Auseinandersetzung zeigt. Daß Juden aufgrund der durch sie bzw. ihre Angehörigen erlebten Verfolgung äußerst sensibel auf Dinge reagieren, die nach Antisemitismus riechen, macht das Verhalten jüdischer Aufführungsgegner verständlich. Auch wenn es auf einem Mißverständnis beruht. Eines der zentralen Argumente in der Diskussion gesteht jedoch wegen ihrer Betroffenheit nur den Juden das Recht zu, zu entscheiden, was antisemitisch ist und was nicht. Und das ist hirnrissig.
Da ich mal daran beteiligt war, einen Schwarzen von der Entführung einer Frau abzuhalten, hätte ich mich einer solchen Logik zufolge als Rassist benommen, falls er es so empfunden hat. Und was ist denn mit den Juden, die das Stück aktzeptieren?
Bei vielen nichtjüdischen Gegnern der Aufführung, etwa bei Herrn Wallmann, dem Frankfurter Oberbürgermeister, kommt mal wieder ein verhängnisvoller Philosemitismus zur Geltung, d.h. eine Verehrung all dessen, was im jüdischen Namen geschieht. Ein Antisemitismus, der aus Schuldgefühl ins Gegenteil umgeschlagen ist und erneut die Gleichheit von Juden und Nichtjuden untergräbt.
Dieser Philosemitismus hat in der Vergangenheit schon genug Schaden angerichtet, hat dazu geführt, Verbrechen des Staates Israel zu rechtfertigen oder zu verharmlosen, einen Staat zu unterstützen, dessen offizielle Vertreter anmaßend beanspruchen, für die Juden zu sprechen; einen Staat, der Palästinenser - übrigens ein semitisches Volk - wie auch Juden ohne rein jüdische Abstammung rassisch unterdrückt, der über Gesetze verfügt, die in mancherlei Hinsicht an die südafrikanische Apartheid erinnern. *)
Da wünsche ich mir doch lieber, daß Juden und Nichtjuden gleichberechtigt zusammenleben. Ich glaube, jetzt bin ich nicht mal vom Thema abgekommen.
*) Anmerkung: Eine informative, kritische Auseinandersetzung mit dem zionistischen Rassismus findet sich in dem Aufsatz: "Zweierlei Maß in Israel - der Staat und die Grundrechte" von Israel Shahak in der Zeitschrift "Vereinte Nationen", Nr. 6, 1980. Shahak ist israelischer Jude.
Klaus Blees
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