Vorbemerkung (Dezember
2002): Folgendes habe ich als Leserbrief an die Tageszeitung junge Welt
geschickt als Kritik am dort erschienenen zweiteiligen Beitrag "Linke,
Krieg und Antisemitismus" von Jürgen Elsässer. Allerdings
ist er dort nicht abgedruckt worden. Elsässers Originalartikel kann
über die Links nachgelesen werden: Teil I vom 7.12.02: Wie
sie lernten, die Bombe zu lieben. Teil II vom 9.12.02: Mit
Auschwitz lügen. Wegen der Konzeption als Leserbrief habe
ich nur wenige Punkte kurz angeschnitten, werde den Text aber eventuell
noch zu einem ausführlicheren Diskussionsbeitrag ausbauen. Eine -
von mir nicht in jedem Punkt geteilte - Kritik an Elsässers neuester
Entwicklung hat Volker Radke veröffentlicht unter dem Titel
Jürgen
verlässt unseren Verein.
Elsässer, der Irak und die Antideutschen
Elsässers vor allem im zweiten Teil umfassend begründete Kritik
des linken Bellizismus ist gerechtfertigt, ebenso wie in diesem Zusammenhang
die Klarstellung, es sei unwahrscheinlich, daß der Irak aktuell über
Massenvernichtungsmittel verfüge. Unstatthaft ist jedoch sein Vergleich
mit dem Jugoslawien-Krieg. Dort wurde ein bürgerlich-demokratisches,
von dem linken Sozialdemokraten Milosevic regiertes Land angegriffen, zu
diesem Zweck mußten Greueltaten erst erdichtet werden. Der Irak hingegen
wird von einem Terrorregime beherrscht, dessen Verbrechen, wie Elsässer
selbst ausführt, real sind und nicht erst erfunden werden müssen.
Wenn Kriegspropagandisten mit Geschichten wie dem Brutkasten-Märchen
noch eins draufsetzen, ändert dies nichts an der Grundtatsache. Der
Vergleich der Baath-Herrschaft mit der Pol Pot-Diktatur, den Elsässer
bemängelt, mag hinken, aber er ist legitim, um zu verdeutlichen, daß
der Irak eben nicht eine beliebige unter 50 Folterdiktaturen ist. Es handelt
sich ja gerade nicht um einen Hitler-Vergleich!
Elsässer ignoriert zudem den Charakter
der real existierenden Friedensbewegung, deren eigentlich unterstützenswerte
Mobilisierung gegen einen kriegerischen Angriff auf den Irak weitgehend
einhergeht mit Schweigen gegenüber dem Terror der Baathisten, die
in Teilen sogar mit Regimevertretern zusammenarbeitet und Sympathien für
deren Politik bekundet. Bei einer Minderheit der Antikriegsbewegung stößt
solches Verhalten auf Widerspruch. So ließ die „Aktion 3.Welt Saar“
in einer Presserklärung vom 4. November verlauten, Saddam Hussein
sei ein Massenmörder und Antisemit, sie werde nur noch solche Protestaktionen
unterstützen, wo dies in aller Offenheit von den Veranstaltern benannt
werde.
Ein Buch wie „Saddam Husseins letztes Gefecht?“ stellt in diesem Klima
ein begrüßenswertes Gegengewicht dar, auch wenn ein Teil der
Autoren leider in bellizistischem Gewässer schwimmt. Übrigens
wird in diesem Buch – anders, als es der Artikel nahelegt – keineswegs
das Embargo verteidigt, im Gegenteil. Es werden auch nicht dessen schlimme
Folgen für die Bevölkerung bestritten. Sehr wohl wird aber die
entscheidende Mitverantwortung des Regimes für deren Not betont.
Aufgabe einer Irak-Solidarität, die den Namen verdient, wäre
Opposition gleichermaßen gegen den drohenden Krieg wie Unterstützung
von Widerstand gegen das Baath-Regime, also von Gegnern Saddam Husseins,
die sich nicht mit dem Austausch einer Diktatur gegen eine andere begnügen
und sich nicht zu Marionetten der USA machen. Mit Saddam müssen seine
Untertanen fertig werden, da hat Elsässer recht, aber dazu gehört
internationale Solidarität.
Trotz meiner Kritik: Elsässer hat einen unbedingt beherzigenswerten
Diskussionsbeitrag geliefert. Der Bruch zwischen ihm und der konkret-Redaktion
ist zu bedauern, wobei mich der Mangel an Kenntnis der internen Vorfälle
von einer härteren Wortwahl abhält. Der auf der konkret-Website
zu findende Vorwurf der Verlagsleitung, er habe versucht, die Zeitschrift
im DKP-Umfeld zu positionieren, kann jedenfalls nur als dümmlich bezeichnet
werden.
Klaus Blees, Mitglied der Aktion 3.Welt Saar