Europäisches Sozialforum Paris: Antisemiten bedrohen Flugblattverteiler
Vom
12. bis zum 16. November 2003 trafen sich in Paris Globalisierungskritiker
aus ganz Europa zum 2. Europäischen Sozialforum (ESF). Auch eine dreiköpfige
Delegation der Aktion 3.Welt Saar nahm teil, darunter der Verfasser dieses
Artikels. Angesichts des großen Gewichts israelfeindlicher Positionen
in der Antiglobalisierungsbewegung hatten wir uns entschlossen, ein Flugblatt
zu schreiben und auf dem ESF zu verteilen, mit dem wir für die Existenz
Israels eintraten und weitverbreitete Fehlinformationen zu den Hintergründen
des Nahostkonflikts richtigstellten. Der Flyer erschien in französischer,
englischer und deutscher Sprache. Trotz seiner moderaten und keineswegs
antiarabischen Formulierung provozierte seine Verteilung massive Anfeindungen
durch palästinensische Aktivisten und ihre Sympathisanten, die bis
zu physischer Bedrohung und praktizierter Zensur reichten.
Gewaltandrohung, Hausverbote und Zensur
Die Einschüchterungsversuche begannen am Donnerstagabend, dem 13. November, als ein Mitarbeiter, der als erster und bis zu diesem Zeitpunkt noch einziger der Gruppe angereist war, die Flugblätter auf einer Veranstaltung zum Nahostkonflikt im Pariser Vorort La Villette verteilte. Da er sich als Kurde zu erkennen gab, hielten ihm drei Frauen - zwei von ihnen Palästinenserinnen - vor, er könne gar kein Kurde sein, da die Kurden mit dem palästinensischen Volk solidarisch seien. Sie und andere Anwesende beschimpften ihn als Rassisten und Faschisten, aber auch als Zionisten - im Weltbild dieser Damen und Herren Synonym für das absolut Böse. Nachdem Besucher erfolglos versucht hatten, ihm die Flugblätter zu entreißen, schritten schließlich Ordner ein: Gegen ihn!!! Sie erteilten ihm unter Drohung mit der Polizei einen Platzverweis!
Am Freitag - inzwischen waren zwei Mitglieder anwesend - wiederholte sich das Spiel. Am Samstagvormittag verschärfte sich die Situation drastisch. Unser Trio war jetzt vollzählig und wir verteilten uns auf verschiedene Tagungsorte, um die Flyer unter die Leute zu bringen. Der bisher so massiv bedrohte Mitarbeiter besuchte eine Veranstaltung in Ivry-sur-Seine zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, in der irrigen Annahme, daß wohl niemand antisemitisch motivierte Angriffe auf einem Plenum wagen würde, das den Kampf gegen Antisemitismus im Titel führte. Es kam jedoch schlimmer als zuvor.
Zunächst ließ unser Mann die Flugblätter durchreichen. Doch dann ging ein Teilnehmer kurzerhand durch die Reihen und sammelte sie wieder ein, nahm den Anwesenden die bereits erhaltenen Flugblätter einfach wieder ab! Als unser Mitarbeiter sich in der Diskussion zu Wort meldete, versuchte jemand ihn permanent mit Drohungen daran zu hindern. Zwar ließ er sich dadurch nicht einschüchtern, jedoch ignorierte die Moderation seine Wortmeldung und verweigerte ihm jegliches Rederecht. Feindseligkeiten richteten sich nicht nur gegen ihn: Ein französischer Lehrer, der sich in der Diskussion für die Trennung von Staat und Religion aussprach, wurde niedergebrüllt. Als unser Verteiler nach der Veranstaltung den Saal verlassen wollte, lauerte ihm vor dem Eingang ein palästinensischer Mob auf, ganz offensichtlich, um ihn zusammenzuschlagen. Von ihm um Hilfe gebetene Ordner schleusten ihn widerwillig aus dem Raum und fuhren ihn im Auto ein paar Metrostationen weiter. Bevor sie ihn entließen, zerrissen sie seinen ESF-Teilnehmerausweis!
Bei der großen Abschlußdemonstration am Samstagnachmittag verteilten wir die Flugblätter weiter. Aus Sicherheitsgründen - aggressive Ordnerreaktionen ließen dies geraten erscheinen - wechselten wir mehrfach die Position. Ebenfalls aus Gründen des Selbstschutzes unterbrachen wir immer dann, wenn sich ein Block mit palästinensischen Fahnen näherte, die Verteilung. Zwar blieben bei der Demo physische Attacken aus, aber Beschimpfungen als „Faschisten“ und dergleichen mußten wir uns anhören. Typisch für das Klima war das Verhalten einer Frau, die sich von mir ein Flugblatt geben ließ, um es demonstrativ vor meinen Augen zu zerreißen.
Einige
ESF-Teilnehmer solidarisierten sich erfreulicherweise bei Veranstaltungen
und Demo mit uns. Ein jüdischer Franzose, der als Passant auf die
Demo stieß, zeigte sich vom Inhalt des Flyers angenehm überrascht,
ließ sich einen Stapel aushändigen und half uns beim Verteilen.
Anschließende Reaktionen
In der Berichterstattung der meisten Medien zum ESF wurden diese Ereignisse totgeschwiegen, obwohl die Aktion 3.Welt Saar unter anderem zwei Pressemitteilungen dazu herausbrachte. Erfreuliche Ausnahmen sind der Saarländische Rundfunk und verschiedene kleinere Sender und Zeitschriften. In seinem Artikel „Unzufriedenheit mit der Oppositionsrolle“, unter http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/16102/1.html am 17.11.03 im Online-Magazin TELEPOLIS erschienen, benennt Peter Nowak zwar einige fragwürdige Aspekte des ESF und erwähnt dabei auch die uns betreffenden Vorfälle, relativiert das aber sofort wieder: Arbeitsgruppen zum Antisemitismus hätten ja stattgefunden, und das propalästinensische Engagement resultiere „bei vielen jungen Leuten in Paris aus der Empörung über die Folgen der israelischen Besatzungspolitik“.
Berichte und Diskussionen zu den Zwischenfällen tauchen noch auf verschiedenen Internetseiten auf. Die Pressemitteilungen wurden unter anderem bei Indymedia gepostet, das den Anspruch erhebt, ein Portal für unzensierte Öffentlichkeit zu sein. Die erste Pressemitteilung findet sich unter http://de.indymedia.org/2003/11/66297.shtml, wo auch der deutschsprachige Flugblatt-Text nachzulesen ist. Die zweite Mitteilung steht unter http://de.indymedia.org/2003/11/66364.shtml. Die französische Fassung des Flyers ist bei Indymedia Paris zu finden:
Die Auseinandersetzungen gehen also weiter. Es gilt zu verhindern, das, was in Paris geschehen ist auf sich beruhen und in Vergessenheit geraten zu lassen!
Klaus
Blees
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