Vorbemerkung (Juli 2004): Dieser Veranstaltungsbericht erschien im Mitgliederbrief  1/2004 der Arbeitsgemeinschaft Trier der Deutsch-Israelischen Gesellschaft vom 19.7.04. Wichtige Korrektur: In dem Artikel bezeichne ich Peter Bierl als Mitglied der "Ökologischen Linken". Wie er mir inzwischen mitgeteilt hat, ist er kein Mitglied der "Ökologischen Linken" mehr! Er hat diese Organisation schon vor längerer Zeit verlassen wegen ihrer unklaren Haltung zu Antisemitismus und Islamismus, wegen Ihrer Verharmlosung von Islamismus und so genanntem "palästinensischem Widerstand".
 
 

„Antisemitismus aus gutem Hause“

Am 27. April 2004 referierte der Münchner Journalist Peter Bierl in der Tuchfabrik Trier zum Thema „Antisemitismus aus gutem Hause: Judenhass und Weltmachtpolitik in Deutschland“. Gemeinsam eingeladen hatten das sozialpolitische Projekt Dörrwies e.V., die Arbeitsgemeinschaft Trier der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und die Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz. Bierl, Mitglied der „Ökologischen Linken“, einer Abspaltung der Grünen, beleuchtete den so genannten Salonantisemitismus, den Antisemitismus der deutschen Eliten, in Abgrenzung zum Antizionismus der Linken oder zum Antisemitismus des Stammtischs und der Neonazis.

Bierl hielt diesen Vortrag zum erstenmal öffentlich, woraus sich das fast einzige Manko der Veranstaltung ergab: Er verschätzte sich in der Zeit und sprach geschlagene anderthalb Stunden, für Fragen und Diskussionsbeiträge blieb danach nur noch wenig Raum.

Seine Eingangsthese: Nach 1945 überwog in den deutschen Eliten Philosemitismus, eine projüdische Haltung aus Staatsräson, die seit den 80er Jahren und dann verstärkt nach der „Wiedervereinigung“ aufzuweichen begann. Den Großmachtambitionen des ökonomisch und politisch wiedererstarkten Deutschland stand Auschwitz im Wege und musste ideologisch umschifft werden.

Dies legte Bierl dann in seinem Referat ausführlich dar. Zunächst gab er einen kritischen Überblick über verschiedene Definitonen des „Antisemitismus“ und seine historischen Erscheinungsformen, bevor er dann die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 schlaglichtartig nachzeichnete: In der unmittelbaren Nachkriegszeit kam es einerseits zu Übergriffen, auch seitens der Polizei, gegen Überlebende des Naziterrors, die sogenannten „displaced persons“. Andererseits war Antisemitismus zur gleichen Zeit offiziell tabuisiert. Antisemitische Stereotype wurden „arisiert“, das heißt beibehalten und positiv gewendet. Das Judentum galt wieder oder immer noch als Weltmacht, mit der man sich aber in der Hoffnung auf Unterstützung gut zu stehen bestrebt war. Bei der Rückgabe von Eigentum an Juden hörte der Spaß auf, dagegen gab es Proteste. Hingegen wurde Eigentumsrückerstattung an nichtjüdische Naziopfer, beispielsweise die Gewerkschaften, akzeptiert. Ehemalige Nazigrößen kamen wieder in hohe Ämter. Diplomatische Beziehungen mit Israel nahm die Bundesrepublik erst 1965 auf, zuvor herrschte im Gefolge der „Hallstein-Doktrin“ die Befürchtung vor, damit arabische Staaten zu verärgern und zur Anerkennung der DDR zu provozieren.

In der deutschen Linken überwog bis 1967 eine proisraelische Haltung. Als der für Israel siegreiche „Sechstagekrieg“ im konservativen Lager zu einer beinahe fanatischen Israelbegeisterung führte, schlug die Sympathie der Linken, von Ausnahmen abgesehen, um in Israelfeindschaft. Mit dem politischen Gegener wollten die „68er“ nicht auf derselben Seite stehen, für ihr gutes Gewissen bei der Israelkritik reklamierten sie die Gnade der späten Geburt.

Als Beginn einer Wende in der offiziell philosemitischen Haltung machte Bierl vor allem das Jahr 1985 aus, als Kohl und Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg der Täter und Opfer gleichermaßen gedachten. Es begann, wie er es ausdrückte, die „Zeit der schiefen Vergleiche“, mit dem „Historikerstreit“ 1986, den von Ernst Nolte eingeleiteten Bemühungen um Relativierung der Naziverbrechen, was allerdings noch auf massiven Widerspruch stieß. SPIEGEL-Herausgeber Augstein kritisierte damals Nolte, wenige Jahre später, 1990, gab er ihm recht: Die scheinbare Außenseiterposition der Relativierer wurde nach der „Wiedervereinigung“ zunehmend salonfähig. In den folgenden Jahren häuften sich antisemitische Vorfälle. Den wegen Auschwitz-Leugnung angeklagten damaligen NPD-Bundesvorsitzenden Günter Deckert lobte Anfang der 90er Jahre ein Richter gar als „charakterstarke Persönlichkeit“. Hier irrte Bierl allerdings, als er diese Aussage dem Bundesgerichtshof zuschrieb. Sie war vielmehr 1992 enthalten in der Urteilsbegründung des Richters Ortleb vom Landgericht Mannheim. Allerdings vermochte der BGH bei der Aufhebung von dessen Urteil keinen ausreichenden Beweis für den Vorwurf der Volksverhetzung zu erkennen!

Als 1998 Martin Walser in seiner Friedenspreisrede seine Schlussstrichforderungen erhob, blieb Ignatz Bubis mit seinem Widerstand weitgehend alleine. Gerhard Schröder lud Walser sogar ein. Der sogenannte sekundäre Antisemitismus – die Relativierung des Massenmords an den Juden durch Gleichsetzung mit den Verbrechen anderer Staaten oder durch die Stilisierung der Deutschen zu Opfern – erreichte einen Höhepunkt in der Debatte um Zwangsarbeiterentschädigung. Schröder stellte sich schützend vor das deutsche Kapital, dessen Vertreter „Rechtssicherheit“ verlangten. Als Norman Finkelstein mit seiner Behauptung einer „Holocaust-Industrie“ aufwartete, gaben ihm nach einer Emnid-Umfrage zwei Drittel der Deutschen recht. 1999 war Deutschland so weit, sich wieder an einem Krieg zu beteiligen. Die Begründung folgte der eingeschlagenen geschichtsrevisionistischen Linie: Die Nachkommen der Täter wollten vorgeblich ein neues Auschwitz im Kosovo verhindern!

Es kamen die nächsten Affären. Walser legte mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“ nach, Möllemann beanspruchte mit seiner „Israelkritik“ ein nicht vorhandenes Tabu zu brechen, Hohmann brachte Juden als „Tätervolk“ ins Gespräch, in einer Weise, die auch wieder den sekundären Antisemitismus bediente, denn es ging ihm darum, die Deutschen vom Vorwurf, ein „Tätervolk“ zu sein, reinzuwaschen. Bierl machte auf die Unterschiede der Fälle aufmerksam: Walser vermied es, auch auf Rückfrage, zu benennen, an wen er denn seine Vorwürfe richte. Möllemann griff Israel an, sprach aber nicht von „Juden“. So plump und direkt war nur Hohmann, der deshalb im Gegensatz zu ihnen von den Medien als Antisemit gebrandmarkt wurde.

Zusammenfassend teilte Bierl die beschriebene Entwicklung in vier Phasen ein: Die Phase des verordneten Philosemitismus, die Phase der Sympathie für Israel, die Wendephase mit Debatten zur nationalen deutschen Identität und schließlich das Bestreben, unter der nur noch dünnen Oberfläche eines nach wie vor vorhandenen, dem Ansehen in der Welt geschuldeten Philosemitismus und Anti-Antisemitismus keine Rücksichten mehr nehmen zu müssen. Nicht der Antisemitismus sei tabu, es sei vielmehr tabu, Antisemiten als solche zu benennen!

Als praktische Konsequenz forderte er die deutsche Linke auf, sich mit Israel zu solidarisieren und endlich den Stellenwert des Antisemitismus zu erkennen, diesen als Teil antifaschistischer Politik entschieden zu bekämpfen, nicht zuletzt in der globalisierungskritischen Bewegung.

Klaus Blees
 
 
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