3.2. "Protokolle der Weisen von Zion"

Schon vor vielen Jahrzehnten als Fälschung entlarvt, geistern die "Protokolle" weiter durch manche Köpfe. Schwerwiegender ist noch, daß die Folgen des Hasses durch solche antijüdische Propaganda gerade in Deutschland bekannt und immer noch gegenwärtig sind. "Helsing", der es sich nicht nehmen läßt, aus den "Protokollen" zu zitieren, muß sich wie die anderen Rechten winden, um beide Probleme zu umgehen.

Dafür wird einerseits ein diffuser Ursprung konstruiert und es werden Autoren zu dessen angeblicher Bestätigung herangezogen, deren Befähigung den Lesern verborgen bleibt (S. 43 f.):
 
 

1773 soll MAYER AMSCHEL ROTHSCHILD ein geheimes Treffen
im Hause der Rothschilds in der Judenstraße in Frankfurt mit 12 wohl-
habenden und einflußreichen jüdischen Geldgebern (Die Weisen von
Zion) abgehalten haben, um einen Plan auszuarbeiten, wie man das ge-
samte Vermögen der Welt kontrollieren könne.
Nach Herbert G. Dorseys Aussage habe man unter anderem darü-
ber gesprochen, daß die Errichtung der "BANK VON ENGLAND" be-
reits erheblichen Einfluß über das englische Vermögen ermöglicht ha-
be, man jedoch ihre absolute Kontrolle benötige, um die Grundlage zur
Kontrolle des Weltvermögens zu schaffen. Dies wurde dann in groben
Zügen festgehalten.

Nach den Unterlagen von Dorsey und William Guy Carr "Pawns in
the Game" ist dies der Plan, der schließlich als "DIE PROTOKOLLE
DER WEISEN VON ZION" bekannt wurde. Der Ursprung der Proto-
kolle liegt eigentlich Jahrhunderte zurück, sie sollen jedoch von RO-
THSCHILD (sic!) neu ausgearbeitet worden sein und dadurch ihre eigentli-
che Bedeutung erlangt haben. Diese Protokolle wurden bis zum Jahre
1901 geheimgehalten, bis sie in die Hände des russischen Professors S.
Nilus fielen. Dieser veröffentlichte sie unter dem Titel "Die jüdische
Gefahr". Viktor Marsden übersetzte sie 1921 ins Englische unter dem
Titel: "THE PROTOCOLS OF THE LEARNED ELDERS OF ZION"
Es gibt 24 dieser Protokolle, von denen ich nur 12, und diese in stark
gekürzter Form, aufführe. Durch die Übersetzung aus dem Englischen
unterscheiden sie sich möglicherweise vom Originaltext, sind jedoch
inhaltsgetreu wiedergegeben. Die komplette Sammlung der Protokol-
le zeigt die gegenwärtige Situation unserer Welt.
 


"Helsing" bleibt also in der antijüdischen Richtung der "Protokoll"-Propagandisten. Das ändert sich nur scheinbar, wenn er sich dem zweiten Problem, dem Fälschungsvorwurf, widmet. Hier wird der Ursprung für eigentlich unwichtig erklärt und stattdessen darauf verwiesen, daß sich ja alles bewahrheitet hätte (S. 49):
 
 

Nach der Ausarbeitung dieses Planes für die Weltherrschaft (die
"Neue Weltordnung" = "Novus Ordo Seclorum"). soll das Bankhaus
ROTHSCHILD dann den bayerischen Juden ADAM WEISHAUPT be-
auftragt haben, den "GEHEIMEN ORDEN DER BAYERISCHEN
ILLUMINATEN" zu gründen.

Anmerkung des Verfassers:
Über die "Protokolle der Weisen von Zion" wurde bereits viel ge-
schrieben, positiv wie negativ. In Deutschland, wo doch anscheinend
Presse- und Meinungsfreiheit herrscht, ist es verboten, sie zu verkaufen
oder zu vervielfältigen. Das ist wahrscheinlich mit daraufhin zurück-
zuführen, daß Adolf Hitler sie ebenfalls zur Unterstützung seiner "an-
tijüdischen Gesinnung", die wir uns später noch genauer betrachten
werden, benutzte. Als Autor dieses Buches geht es mir weniger darum,
ob es Rothschild und die Zionisten sind, die die Protokolle gegenwär-
tig anwenden, sondern hier geht es um das Anwendungsprinzip. Hier
haben wir einen Plan vorliegen, der aufzeigt, wie man es anstellen muß,
die Welt zu versklaven. Egal wer dahinter stehen mag, der Plan wird
IM AUGENBLICK ANGEWENDET. Wie ich auch am Ende des Buches
noch sehr intensiv darlegen werde, ist es nicht von Bedeutung, WER
die Protokolle anwendet, sondern welches Prinzip dahintersteht und
daß die BENUTZTEN es mit sich geschehen lassen!
 
 

So wird argumentiert, seit die Fälschungsgeschichte bekannt geworden ist. Daß in den "Protokollen" Allgemeinplätze stehen, die so aussagekräftig sind wie das Horoskop in einer Zeitung, scheint die, die daran glauben wollen, nicht weiter zu stören.

Als wäre es nicht genug, daß die "Protokolle" komplett gefälscht sind, werden sie munter weiter verändert. Des Griffin, der behauptet, er würde in seinem Buch "Die Herrscher" die Beek'sche Version von 1920 wiedergeben (die mit der "jüdischen Weltverschwörung"), reproduziert in einem weiteren Buch ebenfalls ziemlich genau diese Version, nur diesmal mit den Illuminaten in der Hauptrolle und mit der Bezeichnung "das neue Testament Satans".

Zwischen diesen beiden Ausgaben liegen ein paar Jahre. Der Eindruck entsteht, daß die erste Version entschärft wurde, auch die Geschichte, die Griffin dazu erzählt, ist eine etwas andere geworden. Die schlimmsten antijüdischen Ausfälle sind daraus verschwunden, außerdem wurden genannte Buchtitel verändert, wobei es aber beide Male um dieselben Bücher geht. Was in der Erklärung zum "neuen Testament Satans" ganz umgeschrieben ist, ist die Rolle von Maurice Joly, dessen Buch "Gespräche in der Unterwelt" die Vorlage für die "Protokolle" bzw. das "Testament" war. Während das Buch in Griffins "Herrschern" ziemlich kurz abgehandelt wurde, nimmt es zusammen mit seinem Autor in "Wer regiert die Welt?" einen breiten Raum ein. Dort wird Joly ohne Erklärung zu "Joly-Joel" gemacht und zum Drahtzieher hinter dem Commune-Aufstand erklärt. Damit wurden zwei reale Personen, die nichts miteinander zu tun hatten, zu einer erklärt, womit auch nichts besser oder weniger antijüdisch wurde. Daß am Ende des "Testaments" als Ziel der Verschwörer angegeben wird, einen Herrscher "aus dem Hause David" einzusetzen, macht zusätzlich deutlich, in welche Richtung Griffin eigentlich zielt. (Dieser Zusatz, der auch in der alten Beek'schen Version enthalten ist, fehlt übrigens in den "Herrschern".)

Eher lustig ist der Vergleich eines anderen Details: es geht um einen angeblichen Blitzschlag. In den "Herrschern" wurde ein Illuminaten-Kurier 1785 (bzw. 1783, wie an einer anderen Stelle desselben Buches steht) vom Blitz getroffen, als er auf dem Weg nach Paris war, wo er bei der Vorbereitung der Französischen Revolution helfen sollte; erwähnt wird dann noch, daß
diese vier Jahre später Wirklichkeit wurde. In "Wer regiert die Welt?" geschah das gleiche Ereignis 1875, ansonsten ist das Drumherum aber fast identisch, einschließlich des Hinweises auf die Französische Revolution vier Jahre später. Unklar ist, ob das nun ein Zahlendreher war oder ob bei der Veränderung vergessen wurde, diesen Hinweis zu entfernen.

"Helsing" hat sich bei der Entstehung der "Protokolle" zwar für das 18. Jahrhundert entschieden (noch ohne Blitz), kommt aber dann auch mit dem "Testament" an, zu dem er schreibt (S. 52):
 
 

Worum es sich bei Weishaupts Illuminaten-Ideologie wirklich ge-
handelt haben soll, entnehmen wir einem Dokument, das als das
"NEUE TESTAMENT SATANS" bekannt wurde und von den bayeri-
schen Illuminaten streng gehütet worden war. Ich habe dieses Doku-
ment ganz gezielt an dieser Stelle verwendet, da immer wieder Men-
schen an der Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion zweifeln.
Vielleicht fällt es diesen Lesern unter ihnen leichter, diesen Plan und
das Prinzip der Vorgehensweise anzunehmen, wenn das Wort "JUDE"
nicht verwendet wird. Der breiten Öffentlichkeit ist dieses Dokument
erst 1875 zugänglich gemacht worden, als ein Kurier der bayerischen
Illuminaten auf seinem Ritt von Frankfurt nach Paris vom Blitz ge-
troffen wurde und dabei ein Teil dieser Informationen einer weltwei-
ten Verschwörung sichergestellt werden konnten.
Hier kommt die angebliche Enthüllung - mit Blitz - also wieder ein Jahrhundert später. Da in "Helsings" Universum die "Protokolle" bzw. das "Testament" einen zentralen Platz einnehmen, will er auch die Leser dazu bringen, daran zu glauben, ob nun mit dem Holzhammer oder eher hintenherum.

"Helsings" Version der "Protokolle" hat wieder die antijüdische Zielrichtung übernommen, seine Sätze stimmen aber nur noch bruchstückhaft mit den von Griffin wiedergegebenen überein. Bei seiner Umschreibung ist "Helsing" dann auch noch ein schwerwiegender Fehler passiert: vermutlich um Ausgewogenheit  vorzuspiegeln, nahm er zusätzlich zu den Anarchisten und Kommunisten, auf denen ständig rumgehackt wird, die Faschisten auf - doch dieses Wort war um die Jahrhundertwende (als die "Protokolle" erstveröffentlicht worden sein sollen) noch nicht erfunden (S. 46):
 
 

3. Die Ausbreitung der Macht
..."Wir werden in der Öffentlichkeit der Freund aller sein...
...Wir werden alle unterstützen, Anarchisten, Kommunisten, Faschi-
sten... und speziell die Arbeiterschaft. Sie werden uns vertrauen und da-
durch zu einem geeigneten Werkzeug werden..." (21)
Seltsam wirkt auch "Helsings" Quellenangabe zu den "Protokollen". Er hat sie in 12 Kapitel untergliedert und verweist mit Nummern, die hinter den wie wörtlich zitierte Sätze (Anführungszeichen, Kursivdruck) wirkenden Stellen stehen, auf sein Quellenverzeichnis. Dort findet man jeweils mehrere Quellen, die zudem teilweise von Nummer zu Nummer variieren. Genannt wird ein deutschsprachiges Buch von 1933 ("Die zionistischen Protokolle"), dann folgen (abgesehen von Rüggeberg) hauptsächlich Quellen aus den USA (Cooper, Dorsey, Carr). Woraus hat er sie denn nun abgeschrieben? Seltsam wirkt in diesem Zusammenhang auch "Helsings" Verweis darauf, daß die Zitate aus dem Englischen übersetzt worden seien (s.o.): Warum sollte das nötig sein, wenn deutschsprachige Ausgaben zur Hand waren?

Erstaunlich ist ebenfalls, daß beispielsweise Griffins Bücher in Deutschland legal erhältlich sind, obwohl "Helsing" doch behauptet, der Verkauf der Protokolle sei in diesem Land verboten.

Literatur zu 3.2:
Ben-Itto, Hadassa: "Die Protokolle der Weisen von Zion" - Anatomie einer Fälschung. Aufbau-Verlag. Berlin 1998.
Beyes-Corleis, Aglaja: Verirrt. Mein Leben in einer radikalen Politsekte. Herder. Freiburg 1994.
Cohn, Norman: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung. Kiepenheuer & Witsch. Köln / Berlin 1969.
Ege, Konrad: Lautloses Töten. Amen und Prost: Die frommen Milizionäre aus Michigan. In: Freitag. 22. März 1996. S. 8.
Griffin, Des: Die Herrscher. Luzifers 5. Kolonne. VAP. Wiesbaden 1980.
Griffin, Des: Wer regiert die Welt? Diagnosen. Leonberg 1986.
Icke and the Nazis. In: Open Eye 3/1995. S. 7.
"Jan van Helsing": Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert. EWERTVERLAG. Rhede 1993
Lipstadt, Deborah E.: Leugnen des Holocaust. Rio. Zürich 1994. Auch als Rowohlt Taschenbuch. Reinbek 1996.
Sammons, Jeffrey L. (Hrsg.): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar. Wallstein Verlag. Göttingen 1998.
Sarkowicz, Hans: Die Protokolle der Weisen von Zion. In: Corino, Karl (Hrsg.): Gefälscht! Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik. Eichborn. Frankfurt (Main) 1990. S. 56-73.
Online-Literatur:
- Hagemeister, Michael: Sergej Nilus und die "Protokolle der Weisen von Zion". Überlegungen zur Forschungslage.
- Protokolle der Weisen von Zion. Überblicksartikel zur Geschichte der "Protokolle" auf Shoa.de.
- Protokolle der Weisen von Zion. Überblicksartikel zur Geschichte der "Protokolle" aus: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Legenden Lügen Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte.
- "Protokolle der Weisen von Zion". Wörterbuchartikel im Online-Lexikon "Informationsdienst gegen Rechtsextremismus" (IDGR).
 
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