Vorbemerkung (August 2001): Der folgende Artikel erschien in dem Trierer Stadtmagazin maju! Nr.6, Juni 1998.
(Juni 2003): Am 4. Mai 2003 starb Johannes Agnoli im Alter von 78 Jahren. In der Tageszeitung "junge Welt" vom 7.5.03 ist ein Nachruf von Christoph Jünke erschienen.
 
 

Buchbesprechung

Subversive Theorie

"Die Sache selbst" und ihre Geschichte

Das Erscheinen eines der faszinierendsten politischen Bücher der jüngsten Zeit ist Christoph Hühne zu verdanken, der im Wintersemester 1989/90 als Student an der FU Berlin die Abschiedsvorlesung des vor der Emeritierung stehenden Politikwissenschaftlers Johannes Agnoli auf Band mitschnitt und schließlich veröffentlichte. Agnoli behandelte in seiner
Vorlesung die "Theorie und Geschichte der Subversion" von (Adam und) Eva bis zur Gegenwart. Subversion verstanden als Wühlarbeit des Denkens und des Handelns im Sinne der Marxschen Formulierung "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist".

Die Spur der Subversion, des Sich-Nicht-Mehr-Abfindens mit gott- oder göttergewolltem Dahinvegetieren, des Versuchs der Zersetzung tradierter Zustände, läßt sich bis zum Beginn der bekannten Menschheitsgeschichte zurückverfolgen. Agnoli macht die Anfänge schon in vorgeschichtlicher Zeit aus, in mythologischen Figuren wie der biblischen Eva und den griechischen Sagengestalten Prometheus und Antigone, in deren Schicksalen unbotmäßiges, emanzipatorisches Verhalten und die Rache der herrschenden Mächte ihren symbolischen Niederschlag finden.

Die subversive Zeitreise führt weiter durch die Geschichte der griechischen Philosophie, die noch ganz andere Denker hervorgebracht hat als Plato, Aristoteles und weitere zu Säulenheiligen der Philosophiegeschichte gewordene Verteidiger der damaligen Machtverhältnisse. In der römischen Republik kam die Subversion zum Ausdruck - oder besser: zum Ausbruch im Volkstribunat als einer Art institutionalisierter Gegenregierung der Unterklassen, als permanente Randale, Plebejeraufstände,
die im wahrsten Sinne des Wortes zur Tagesordnung gehörten.

Der Sieg des Christentums, seine Etablierung als Religion der Herrschenden, rief von Anfang an Ketzer und häretische Gruppen auf den Plan, die den herrschenden Macht- und Eigentumsverhältnissen eine Absage erteilten und damit oft auch praktisch wurden, gipfelnd in den Bauernkriegen. Bei den utopischen Schriftstellern klingen dann zum Teil schon kommunistische Töne an.

Die erste proletarische, authentisch kommunistische Bewegung der Geschichte sieht Agnoli in England, bei der Landarbeiterbewegung der "Diggers", die zusammen mit den radikaldemokratischen "Levellers" den linken Flügel des Cromwellschen Revolutionsheeres bildeten.

Schließlich - nachdem er ein Kapitel den subversiven Denkern Spinoza und Vico gewidmet hat - thematisiert Agnoli die Aufklärung, die Vorarbeit zur französischen Revolution, deren Theoretiker teilweise schon den Horizont bürgerlicher Vorstellungen überschritten, wie es dann auch später zur Revolution in der Revolution kam, zur Bewegung der "Enragés", die die Revolution über die Etablierung kapitalistischer Verhältnisse hinauszutreiben versuchten. Mit der französischen Revolution mündet die Subversion in das Zeitalter der Revolutionen, und nach 1848 betritt die proletarische Bewegung die weltpolitische Bühne.

Heute gilt die Perspektive einer herrschaftsfreien Gesellschaft mal wieder als passé, doch eine Zeit der Restauration gibt es nicht zum erstenmal. Agnoli plädiert dafür, sich nicht entmutigen zu lassen, subversiv tätig zu sein, denn die Subversion ist "notwendig, um der Revolution behilflich zu sein in der schwierigen Zeit des Überwinterns".

Agnoli läßt vergessene, verdrängte, oft totgeschwiegene Aspekte der Geschichte lebendig werden, so lebendig, daß ich das Buch las wie einen Roman. Entschieden parteilich, ohne unsachlich zu werden.
 
 
Johannes Agnoli: Subversive Theorie. "Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Hrsg. von Christoph Hühne. 230 Seiten. ca ira-Verlag, Freiburg 1999 (2. Auflage). 15 EUR. 
Aktueller Hinweis (Februar 2002): Inzwischen ist Band 6 der Gesammelten Werke Agnolis erschienen. - Johannes Agnoli: Politik und Geschichte. Schriften zur Theorie. 268 S. ca ira-Verlag, Freiburg 2001. 19 EUR. - Gelesen habe ich es noch nicht, verweise aber auf die Besprechung von Martin Büsser in der Tageszeitung "junge Welt" vom 23.1.02.

Klaus Blees

Zum Bericht über eine Veranstaltung mit Agnoli in Trier
 
 
Zur Homepage
Zum Inhaltsverzeichnis meiner Website
Zu meiner Linkliste