Reich's neokolonialistische Märchenstunde
Liebe Genossinnen und Genossen!
Zu jW vom 21./22. April: "Großartiger Sieg, gedämpfte Hoffnung" einige notwendige Klarstellungen
Durch den Artikel von Roswitha Reich und andere jW-Beiträge
wird der Eindruck erzeugt, es sei in der Auseinandersetzung um bezahlbare
Medikamente - zumindest primär - um Mittel gegen AIDS gegangen. Dies
entspringt einer extrem verzerrten Wahrnehmung der realen Ereignisse. Das
in Frage stehende südafrikanische Gesetz, der "Medicines and Related
Substances
Control Amendment Act, Act 90 of 1997" bezweckte schwerpunktmäßig
von vorneherein, genügend Medikamente gegen Armuts- und Tropenkrankheiten
wie Tuberkulose und Malaria verfügbar zu machen. Im Text des zwischen
Regierung und Pharmakonzernen geschlossenen Vergleichs taucht nirgends
das Wort "AIDS" auf, hier ist allgemein von die Bevölkerung betreffenden
Krankheiten die Rede. Südafrikas Regierung steht der Anwendung der
gängigen AIDS-Medikamente sogar sehr skeptisch gegenüber, wegen
deren hoher Giftigkeit. Dies alles ist ganz leicht nachzulesen in der online-Wochenzeitung
des ANC, "ANC TODAY" vom 20.-26.4.01, unter http://www.anc.org.za/ancdocs/anctoday/2001/at13.htm,
weitere Informationen finden sich in anderen Ausgaben des Magazins.
Eine lebensverlängernde Wirkung der sogenannten Kombinationstherapie ist durch unabhängige, seriöse Studien nie belegt worden, teilweise wurden Ergebnisse auch regelrecht gefälscht, wie im Falle der Fischl-Studie, die zur Zulassung des Medikaments AZT führte. Dessen "Neben"-Wirkungen werden von Kritikern als "AIDS auf Rezept" beschrieben. Leider verwechseln auch viele linke Medien die der Waschmittelreklame vergleichbaren Produktanpreisungen der sich philanthropisch gebenden Pharmakonzerne mit Wissenschaft. Ausgerechnet die Forderung, mehr von dem Dreck in arme Länder auszuschütten, wird dann noch als emanzipatorische Praxis verklärt. Eine auf diese Weise propagandistisch vorbereitete Billigabgabe des Zeugs würde eine Profitsteigerung durch Marktausweitung bedeuten, auf Kosten von Leben und Gesundheit der betroffenen Patienten. Konkurrenz für die Marktführer durch generische Produktion würde am Prinzip nichts ändern.
Auch das Märchen von den hohen HIV-Infektionszahlen in Afrika wird durch ständige Wiederholung nicht wahr, sondern trägt nur dazu bei, Armutskrankheiten in "AIDS" umzudefinieren und Ausbeutung und Ungleichverteilung als deren Hauptursachen zu verschleiern. Der Übeltäter soll stattdessen ein Virus sein, dem quasi dämonische Eigenschaften zugeschrieben werden. Die von Reich kolportierten Zahlen beruhen auf Schätzungen, denen bestenfalls ungeeichte, fragwürdige Testverfahren zugrundeliegen. Zu dieser Problematik verliert sie kein Wort, findet es auch nicht nötig, zu erwähnen, daß Südafrikas Regierung selbst die Zahlen anzweifelt und ausdrücklich fordert, die Aussagekraft vorgeblicher HIV-Tests einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen. Lieber diskreditiert Reich Präsident Mbekis fortschrittliche AIDS-Politik als "nicht immer richtig und glücklich".
Statt die Propagandagesänge des AIDS-Establishments, gewürzt mit ein paar fortschrittlich klingenden Phrasen, nachzubeten, würden linke Medien wie die jW besser mal selber zum Thema recherchieren und damit ihrem kritischen Anspruch gerecht werden. Vorarbeit, auf die Ihr zurückgreifen könntet, wurde schließlich geleistet. Zur Entwicklung in Südafrika hat beispielsweise die Biologin Ilse Lass einen umfangreichen Beitrag in der Januar-Ausgabe (Heft 234) der Internationalismus-Zeitschrift "alaska" veröffentlicht, versehen mit einem umfangreichen Quellenverzeichnis. Im Internet steht mittlerweile eine im April aktualisierte Fassung, unter http://www.rethinkingaids.de/afrika/freivon.htm.
Wenige Stunden nach Fertigstellung des bisherigen Textes liegt die jW vom 30. April/1. Mai vor. Da setzt Reich in ihrem Beitrag "Machtkampf am Kap" noch eins drauf. Was an den sich auf Mbeki beziehenden Putschgerüchten dran ist, läßt sich schwer beurteilen. Aber unkommentiert gibt Reich Äußerungen wieder, die seine Infragestellung der herrschenden AIDS-Ideologie als unwissenschaftlich abqualifizieren oder seine Solidarität mit Mugabe angesichts imperialistischer Anfeindungen als Schweigen zu dessen angeblichen Menschenrechtsverletzungen diffamieren. Sie schreckt nicht einmal davor zurück, Vertreter eines weißen Rassistenbündnisses als Gewährsleute zu benennen, um die Behauptung einer von Mbeki angestrebten Machtkonzentration zu untermauern.
Leider unterstützt auch die sonst in vielerlei Hinsicht
vorbildliche Hilfsorganisation medico international eine neokolonialistische,
betroffenenfeindliche AIDS-Politik, wie das Interview
mit ihrer Sprecherin Katja Maurer in der gleichen jW-Ausgabe zeigt.
Gelder für sogenannte "AIDS-Bekämpfung" in armen Ländern
werden die Industriestaaten verstärkt zur
Verfügung stellen, dazu brauchen sie nicht die Forderungen nützlicher
Idioten. Reales Elend wird dadurch nicht beseitigt, vielmehr droht durch
den Abzug von Mitteln dort, wo sie gebraucht werden und ihre Umschichtung
in den AIDS-Bereich hinein eine Verschlimmerung der Gesundheitssituation.
Mit der Antastung bestehender Machtverhältnisse hat das jedenfalls
nichts zu tun.
Solidarische Grüße
Klaus Blees
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